Polizistenmord von Heilbronn Mischen die Geheimdienste mit?

Von Harald Lachmann 

Der Verfassungsschutz bestreitet den Verdacht, Kontakt zu den Jenaer Neonazis gehabt zu haben. Dennoch bleiben weiterhin Zweifel.

Polizisten untersuchen in Zwickau die Überreste eines Hauses das bei einer Explosion zerstört wurde. Die Explosion wird mit dem Mord an einer Polizistin in Heilbronn in Verbindung gebracht Foto: dpa 3 Bilder
Polizisten untersuchen in Zwickau die Überreste eines Hauses das bei einer Explosion zerstört wurde. Die Explosion wird mit dem Mord an einer Polizistin in Heilbronn in Verbindung gebracht Foto: dpa

Jena - Womöglich hatte das Jenaer Gangstertrio, bei dem die Waffe der ermordeten Heilbronner Polizistin gefunden wurde, den Ort seines letzten Banküberfalls nicht zufällig gewählt. Denn die Sparkassenfiliale inmitten einer Eisenacher Wohnsiedlung befindet sich direkt neben jener türkischen Dönerbude, auf die im Jahre 2000 ein nächtlicher Sprengstoffanschlag mit einer selbst gebastelten Bombe verübt worden war. Die Polizei verurteilte seinerzeit im Zusammenhang mit jener Tat einen NPD-Mann zu zwei Jahren Gefängnis.

Die beiden Bankräuber von vergangener Woche, die sich selbst erschossen haben sollen, waren es damals nicht. Aber Parallelen zu deren Tun wurden sichtbar. Auch sie hatten 1997 an Bomben gebastelt. Sie gehörten damals einer rechtsextremen Gruppe namens Thüringer Heimatschutz an. Deren Chef hieß Tino Brandt - ein seinerzeit landesbekannter NPD-Funktionär, der 2001 jedoch als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes aufflog. Da waren Uwe B. und Uwe M. jedoch schon fast drei Jahre spurlos verschwunden. Denn kurz bevor die Jenaer Polizei ihre Bombenbauerwerkstatt ausheben konnte, hatten sie abtauchen können.

Bekamen sie seinerzeit rechtzeitig einen Tipp? Dies fragt man sich in Thüringen. Und wenn ja, von wem? Von Brandt, der sie ja noch drei Jahre hätte betreuen können? Die beiden Männer und die nach wie vor schweigende Beate Z., die sich Anfang der Woche gestellt hat, waren da gerade 23, 22 und 20 Jahre alt. Dennoch kam ihnen kein Zielfahnder je auf die Spur. Sie sollen mit falschen Pässen erst nach Belgien geflohen, dann auf dem Balkan und selbst in Südamerika unterwegs gewesen sein. Wer half ihnen, wer deckte sie und gab ihnen Geld? Wer stellte ihnen falsche Dokumente aus? Das jedenfalls fragt man sich in Thüringer Polizistenkreisen längst.

Mehr offene Fragen als Erklärungen

Auffällig ist auch, dass jene Soko "Capron", die nun den Eisenacher Bankraub recherchiert, keinerlei Befugnis zu haben scheint, Verstrickungen in die Neonaziszene der Stadt zu prüfen. Andererseits sprechen jene Thüringer Polizisten, die einen Einblick in die Ermittlungen haben, hinter vorgehaltener Hand von einem "unangenehmen Mitmischen" der Geheimdienste in diesem Fall.

Immerhin wurde Thüringens Verfassungsschutz Ende der 1990er Jahre mit Helmut Roewer von einem recht exzentrischen Beamten geführt, der eine ganze Reihe zwielichtige und zugleich teure Kontakte in die rechtsextreme Szene geknüpft hatte. Neben Brandt flogen damals noch weitere auf, was Roewer letztlich auch den Stuhl kostete.

Mithin gibt es derzeit weit mehr offene Fragen als Erklärungen zu den Hintergründen um das mörderische Trio, in dessen letzter Wohnung im sächsischen Zwickau elf Schusswaffen entdeckt wurden. So ist es beispielsweise schwer nachzuvollziehen, warum erfolgreich geflohene Bankräuber sich plötzlich gegenseitig erschießen - in einem der Polizei zunächst noch gar nicht bekannten Wohnwagen. Viele Fragen wirft auch die Tatsache auf, warum die Täter sich so erschossen, dass ihre Gesichter völlig unkenntlich sind. Anschließend soll ihre Komplizin Z. den Wagen dann auch noch angezündet haben.

Ein rätselhafter Fall

Und warum, so fragen sich politische Beobachter in Sachsen und Thüringen, jagt die Frau danach noch ihre Wohnung in Zwickau in die Luft? Hätte sie nicht damit rechnen müssen, dass erst dadurch die Behörden aufmerksam werden und nun womöglich Beweisstücke für den Mord von Heilbronn im verkohlten Schutt finden? Denn bis dahin war das Trio weder der sächsischen noch der Thüringer Polizei jemals aufgefallen.

Zwar hatte man von 1998 an insgesamt fünf Jahre nach den jugendlichen Bombenbastlern erfolglos gefahndet. Dann ließ das zuständige Landgericht in Gera die Ermittlungen wegen Verjährung einstellen. Schon damals zeigten Politiker der SPD und der damaligen PDS Unverständnis über diesen Schritt, sprachen von einem "rätselhaften und unerklärlichen" Fall.

Warum aber tauchten die drei auch danach nicht wieder auf? Erwartungsgemäß dementiert der Geheimdienst all jene Vermutungen. Seit dem Abtauchen des Trios im Januar 1998 habe man keine Hinweise über ihren Aufenthaltsort gehabt, heißt es beim Verfassungsschutz in Erfurt. Auch eine nachrichtendienstliche Zusammenarbeit habe es nicht gegeben. Dennoch ist nach den drei Jugendlichen wohl nie gesucht worden.