Polyamore Beziehungen Die Krux mit der Eifersucht

Wie geht man mit der Eifersucht um, wenn der Partner plötzlich noch jemand anders liebt. Foto: mauritius images/Alamy/Ievgen Chabanov

Besteht eine Beziehung immer nur aus zwei Menschen? Der Berliner Coach und Referent für alternative Beziehungsformen und Sexualität, Christopher Gottwald, klärt über polyamore Beziehungen auf.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Kann man gleichzeitig verschiedene Menschen lieben und mit ihnen eine Beziehung führen? Natascha (36), Michael (45) und Andrea (38) versuchen das derzeit. Michael und Andrea, die ihren ganzen Namen lieber nicht sagen wollen, versuchen das seit sechs Jahren. Angefangen habe es bei ihnen damit, dass sie Kontakte zu anderen in einem Erotikforum gesucht haben. Darüber haben sich Andrea und Michael vor Jahren auch kennengelernt. Beide hatten seitdem aber auch lose, sexuelle Kontakte zu anderen. Doch dann hat Michael neulich Natascha kennengelernt, die beiden haben sich verliebt und führen nun ebenfalls eine Beziehung. Wie das für seine erste Partnerin, Andrea, ist? „Deshalb bin ich heute hier“, erzählt Andrea.

 

Um Polyamorie ging es diese Woche bei Frau Blum

Die Boutique Erotique Frau Blum hatte den Berliner Autor, Coach und Referent für alternative Beziehungsformen und Sexualität, Christopher Gottwald, eingeladen. An drei Abenden hat Gottwald über polyamore Beziehungen gesprochen – ein Thema, das offensichtlich viele angesprochen hat. Der kleine Laden im Westen war bis auf den letzten Platz besetzt, einige nahmen sogar einen Stehplatz für die knapp dreistündige Veranstaltung in Kauf.

Polyamorie („viele Lieben“) steht für die Idee, zur gleichen Zeit mehrere Menschen lieben und mit ihnen in einer Beziehung zu leben – parallel. Und: Alle Beteiligten wissen davon. Es gehe darum, sagt Gottwald, liebevoll mit sich und anderen umzugehen, eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben und herauszufinden, was man gemeinsam miteinander wolle.

Eine schöne Idee eigentlich. Doch neigen viele Menschen von Natur aus eben dazu, ihren Partner für sich alleine haben zu wollen. Die meisten Menschen brauchen die Sicherheit einer exklusiven Beziehung zu zweit und leben deshalb gerne monogam. „Aber auch für die ist das heute Abend interessant“, sagt Gottwald.

Wie überwindet man seine Eifersucht?

Denn die meisten Menschen neigen nun mal zur Eifersucht, wenn sie Angst haben, ihren Partner verlieren zu können. Gottwald hat sich deshalb mit diesem Gefühl intensiv auseinandergesetzt und auch die Herkunft des Wortes recherchiert: „Übersetzt heißt das quasi ‚die bittere Feuerseuche‘“, sagt Gottwald und lacht. Und mit ihm der ganze Raum. Und fragt in die Runde: „Wer will denn bitte von euch eine Feuerseuche haben?“ Aber wie geht man nun mit der eigenen Eifersucht um, wenn der Partner plötzlich noch jemand anders liebt und mit dieser Person ebenfalls zusammen sein möchte? Die Vorstellung von Gottwald: „Warum soll ich mich beschweren, wenn ein Mensch, den ich liebe, noch jemand anders liebt?“. Allerdings funktioniere das nur, wenn alle Beteiligten ehrlich mit der Situation umgehen.

Gottwald selbst hat sich mit 19 Jahren darüber Gedanken gemacht, in welcher Art von Beziehung er leben möchte. Er sei immer sehr eifersüchtig gewesen. „Irgendwann dachte ich mir: Gut, dann schaffen wir die Eifersucht einfach ab“, erzählt Gottwald. Er lebt heute polyamor.

Gefühle anders zu deuten, kann helfen

Doch ist das wirklich so einfach? Gottwald plädiert dafür, sich mit seinen Gefühlen intensiv auseinanderzusetzen – und vermeintlich negative Gefühle wie Wut, Angst und Scham nicht negativ zu bewerten, sondern eher als eine Art Wegweiser. Denn jedes dieser Gefühle habe eine Schattenseite, wenn wir das Gefühl nicht annehmen. Deshalb müsse man seine Gefühle genauer erforschen. Wenn man erstmals mit der Situation konfrontiert sei, dass der Partner noch jemand anders liebt, sei es normal, dass man Hass, Selbsthass oder Ohnmacht verspüre. Gottwald hat zu Gefühlen noch eine eigene Geschichte aus seinem Leben parat – wie er zum Beispiel mit der Angst umging, als er wildcampen war und sein Zelt von einer Horde Wildschweine umgeben war. Sein Taschenmesser half ihm nicht weiter, aber glücklicherweise seien die Wildschweine von dannen gezogen. „Aber die Angst hat mir die Kraft gegeben, über Lösungen nachzudenken“, sagt er.

Die Eifersucht ist auch ein Zeichen an einen selbst: Was muss ich ändern?

Bei der Eifersucht glaubten wir oft irrtümlich, die Lösung stecke schon im Gefühl, nämlich, dass der Partner einfach nur aufhören müsse, mit jemand anders Kontakt zu haben. Das funktioniere aber meist nicht. Deshalb unterscheidet der Beziehungsberater zwischen sozialen Gefühlen, die wir über unsere Gedanken steuern können, und Emotionen. „Das sind Gefühle, die wir mal gefühlt haben, aber nicht zu Ende gefühlt haben, weil wir sie einfach irgendwo geparkt haben“, sagt er. Oft steckten hinter der Eifersucht Abwertungen im Elternhaus, Verlusterfahrungen in der Kindheit oder das Gefühl, nicht liebenswert zu sein. „Wenn ich also gegen die Eifersucht ankämpfe, dann kämpfe ich gegen mich.“ Es gehe also vielmehr darum, das Aufkommen von Eifersucht als Hinweis zu sehen, dass da noch etwas bearbeitet werden muss. Man könne also zu der Eifersucht auch sagen: „Schön, dass du da bist, was willst du mir sagen?“

Statt Beziehungen lebt er „Entwicklungskooperationen“

So könne man lernen, das Gefühl nicht als etwas Schlechtes und Schmerzhaftes zu sehen, sondern etwas Positives daraus zu lernen für sich selbst – und für die eigenen Mitmenschen. Und dann könne man langfristig auch dahin kommen, dem eigenen Partner Freiheit zu gönnen. „Ich möchte grundsätzlich, dass die Person, die ich liebe, sie selbst ist. Der Gedanke hat bei mir einiges geändert“, sagt Gottwald.

Beziehungen nennt Gottwald deshalb nicht mehr Beziehungen, sondern „Entwicklungskooperationen“ – „weil sie uns helfen können, uns weiterzuentwickeln“.

Natascha, Michael und Andrea sind da noch fast am Anfang in ihrer Kooperation. So findet Michael seine zwei Beziehungen zwar sehr schön. „Das heißt aber nicht, dass ich es den beiden Frauen auch gönne, wenn sie jemand anders haben.“ Andrea sagt nur: „Ich arbeite an mir, dass es mir nichts ausmacht.“

Weitere Themen