Innige Vertrautheit mit dem einen Partner - prickelnde Erlebnisse mit dem anderen: ein polyamores Ehepaar erzählt, wie das ist.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Stuttgart - Sandra und Christoph sitzen nebeneinander an ihrem runden Esstisch. Christoph hat Ingwertee aufgebrüht, im Dorf läuten die Kirchenglocken. Man sieht gleich: hier leben zwei, die sich Zeit dafür nehmen, ihr Eigenheim hübsch herzurichten. „Wir mögen es, gemeinsam eine Aufgabe anzupacken, und dann entsteht etwas – zum Beispiel unser Haus“, sagt Sandra, lächelt und streicht eine nicht vorhandene Falte aus der Tischdecke. Die schlanke Frau mit den langen dunkelblonden Haaren und ihr Mann mit dem freundlichen Lachen sind seit fast dreißig Jahren verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder. Die sind längst weggezogen aus dem Dorf auf der Alb, wo die Kirchenglocken noch den Lebenstakt vorzugeben scheinen.

 

Sandra sagt: „Wir hätten uns das vor einigen Jahren vielleicht auch noch nicht vorstellen können. Doch wir wollten unbedingt dieses Gefühl der Verliebtheit wieder spüren – ohne das Kostbare, also unsere Ehe, unser ganzes gemeinsam aufgebautes Leben aufs Spiel zu setzen oder einfach wegzuwerfen.“ Sandras Sätze klingen immer wie in Stein gemeißelt. Christoph sagt nichts, er gießt Tee in eine Tasse, die Sandra ihm hinhält. Die 47-Jährige streicht sich eilig eine Haarsträhne aus der Stirn und schaut Christoph an. „Wir haben hier noch nie mit jemandem außer mit unseren Kindern darüber gesprochen.“ Das Dorf weiß nichts. Und damit das so bleibt, wollen sie auch nicht mit ihrem wirklichen Namen in der Zeitung stehen.

Wie soll man anfangen zu erzählen, wie es kam, dass man mehrere Menschen liebt? Dass man nicht nur mit einem Partner innig und vertraut ist? Dass alle voneinander wissen und alle einverstanden sind? Sandra legt die Hände auf den Tisch, verschränkt die Finger ineinander, breitet die Hände wieder flach aus, schaut immer wieder zu Christoph: „Seit drei Jahren leben wir polyamor.“

Ein Zaun um die überbordenden Gefühle

Alle drei Wochen lässt das Paar sein Haus auf der Alb einige Tage lang leer stehen. Sandra reist dann nach München zu Georg und Katharina, die sie „meine beiden anderen Lieben“ nennt. Christoph fährt dann zu seiner Freundin. Die beiden gehen tanzen, kochen gemeinsam oder bleiben einfach nur im Bett. Christophs Freundin lebt nicht polyamor, sie ist nur mit ihm zusammen. Sandra würde Christophs Partnerin gerne kennenlernen, aber er sträubt sich etwas. Er sei noch nicht so weit, sagt er, „vielleicht in einigen Monaten“. Zu Weihnachten haben die beiden Frauen einander eine Karte geschrieben. Sie wollen das Kennenlernen langsam angehen.

„Ganz am Anfang hat meine Freundin mal gesagt: ,Wenn ich nicht wüsste, wie ihr lebt und wie überzeugt ihr davon seid, dann könnte ich jetzt das Kämpfen anfangen‘“, erzählt Christoph. Sandra nickt und zieht die Augenbrauen ernst zusammen: „Das kann ich verstehen.“ Sandra spricht mit warmer, gleichtöniger Stimme. Ihrer Sprache merkt man die Prägung in Gesprächsgruppen für Polyamore an. Wörter wie Wärme, Offenheit, Verstehen, Wertschätzung, Aussprechen tauchen immer wieder auf. Eine Sprache der organisierten Emotionalität, der rationalen Verhandlung. Vielleicht ja auch der Versuch, einen kleinen weißen Zaun zu bauen um unkontrollierte, überbordende Gefühle.

Zu den Stuttgarter Treffen mit den anderen „Polys“ – wie sie sich selbst nennen – fahren Christoph und Sandra seit etwa drei Jahren einmal im Monat. Bei einem der großen deutschlandweiten Treffen hat Sandra ihre zwei anderen Partner kennengelernt. Georg und Katharina leben als Paar in München. „Katharina und ich können uns oft viel emotionaler nahe sein, als Männer das vielleicht können“, schwärmt Sandra. Durch Katharina hat sie herausgefunden, dass sie bisexuell ist.

In München gehen die drei Liebenden gemeinsam zu Konzerten, Künstlertreffen oder Podiumsveranstaltungen. „Manchmal halten wir dann alle drei Händchen“, sagt Sandra. „Natürlich erregt es schon Aufmerksamkeit, wenn wir Frauen uns umarmen, oder wenn Georg erst die eine, dann die andere küsst.“ Aber in der Großstadt mache ihr das nichts aus.

Der polyamore Lebensstil hat sich in den USA verbreitet

Das Münchner Paar will bald heiraten. Doch die beiden werden die Ehe nicht mit dem Versprechen verbinden, ein Leben lang eine monogame Zweierbeziehung zu führen. Georg und Katharina erlauben einander auch weiterhin, andere zu lieben und mit anderen Sex zu haben.

Seit den 90er Jahren hat sich der polyamore Lebensstil in den USA verbreitet. Inzwischen gibt es auch in Deutschland Treffen, in denen man sich austauschen und gegenseitig beraten kann. Prominente wie die Hollywoodschauspielerin Tilda Swinton oder der Regisseur Dieter Wedel haben Polyamorie durch ihr Auftreten mit mehreren Partnern in der Öffentlichkeit bekannter gemacht. „Noch vor drei Jahren waren in unserer Stuttgarter Gruppe manchmal nur zwei oder drei Leute da, mittlerweile sind es mindestens zwanzig“, sagt Sandra ein wenig stolz.

Christoph erzählt: „Meine Freundin hat mich einmal gefragt, was wir denn eigentlich immer bei diesen Treffen machen? Ich habe ihr gesagt, dass wir uns einfach unterhalten, und dann hat sie sofort gerufen: ,Ach so, ich dachte, ihr macht Gruppensex!’“ Christoph und Sandra lachen.

Manche teilen sich Wohnung und Bett

Viele Polyamore seien Akademiker – Informatiker, Soziologen oder Pädagogen wie sie selbst, sagt Sandra. Viele Singlemänner, auch einige Swinger seien dabei. Doch schneller, bedeutungsloser Sex sei für die meisten „Polys“ nichts. Lieber auf Kuschelpartys stundenlang eng aneinandergeschmiegt über die Tanzfläche schleichen. Manche „Polys“ erleben den Alltag zusammen, teilen sich Wohnung und Bett. Andere treffen sich nur ab und zu, um Gedanken, Berührungen und Küsse auszutauschen.

Sandra und Christoph sind begeistert von den Workshops und Seminaren, die bei den bundesweiten Treffen auf dem Programm stehen. „Man spricht zum Beispiel darüber, ob es sinnvoll wäre, eine Börse für Polyamore im Internet einzurichten, es gibt Kommunikationsseminare, aber auch Seminare zu SM-Methoden“, sagt Christoph. In einem Workshop hat er gelernt, sich fallen zu lassen: Augen schließen, nach hinten kippen und darauf vertrauen, aufgefangen zu werden. Es hat lange gedauert, bis Christoph sich traute.

Gut drei Jahre ist es jetzt her, als Sandra den Anfang machte. „Im ,Focus‘ stand ein Artikel über Polyamorie, und ich wusste damals sofort: Genau so will ich leben.“ Christoph war zuerst überhaupt nicht begeistert. „Ich fühlte mich gekränkt und hatte Angst, meiner Frau plötzlich nicht mehr zu genügen.“ Es fällt Christoph nicht leicht, das alles in Worte zu fassen.

Und es hat eine Weile gedauert, bis er so weit war, sich die Polyamoren genauer anzuschauen. Sandra ist sich sicher: „Wir haben beide gesehen, dass es in einer langjährigen Beziehung nie wie am Anfang bleibt, so aufregend und reizvoll und abwechslungsreich, da kann man noch so viel daran arbeiten. Man verspürt einfach das Bedürfnis nach Gefühlsintensität und nach Veränderung.“

Eifersucht als schneidende Kraft

Ob das Organisieren, Analysieren und Austauschen in den vielen Beziehungen auf Dauer aufregend bleiben kann, oder ob sich nicht doch irgendwann die Eifersucht als schneidende Kraft in den Liebesverbund drängt, können Sandra und Christoph noch nicht sicher sagen. „Man hat natürlich nicht weniger Probleme als monoamore Paare, nur manchmal eben andere“, sagt Sandra und gibt zu: „Ich stelle immer lieber die positiven Seiten heraus und versuche zu sehen, dass jeder negative Punkt ja auch einen positiven Aspekt trägt.“

Christoph nickt: „Mit unterschiedlichen Partnern kann man ganz verschiedene Seiten von sich ausleben.“ Der 52-Jährige geht gerne wandern. Sandra hasst es zu wandern. Anstatt die missmutige Sandra über Berge zu jagen, zieht Christoph jetzt also mit seiner anderen Partnerin los – die ist auch gerne an der frischen Luft.

Keine Angst vor den Folgen

Sandra und Christoph kuscheln nicht nur mit ihren Partnern, sie haben auch Sex, weil es für sie zur Liebe dazugehört. „Natürlich ist es eine Konkurrenzsituation, aber das bringt andererseits mit sich, dass man zum Beispiel wieder mehr auf Körperpflege achtet“, meint Sandra. Eifersucht spiele immer seltener eine Rolle – man „arbeite daran“. Noch bis vor Kurzem war das Haus des Paares auf der Alb ein „Schutzraum“, wie sie es nennen. Dort trafen sie sich nicht mit ihren anderen Partnern. Mittlerweile sei das Vertrauen aber so groß, dass auch dies möglich sei. „Eifersüchtig bin ich nicht auf die körperlichen Aspekte, sondern eher, wenn Christoph mit seiner Partnerin einen Tanzkurs machen möchte – weil es das ist, was auch wir immer sehr gut miteinander konnten“, sagt Sandra und lächelt. Angst, dass ihre ungewöhnliche Lebensweise ihre Ehe doch irgendwann zerstören könnte, hat das Paar nicht: „Für uns steht fest: wir wollen ein Leben lang zusammenbleiben“, sagt Sandra und legt ihre Hand auf die ihres Mannes. Christoph lächelt und nickt.