Polyamorie Wenn man mehr als einen Menschen liebt
Mit mehreren Menschen gleichzeitig eine Beziehung führen: Polyamorie ist ein herausforderndes Beziehungsmodell. Was es braucht, um damit glücklich zu sein.
Mit mehreren Menschen gleichzeitig eine Beziehung führen: Polyamorie ist ein herausforderndes Beziehungsmodell. Was es braucht, um damit glücklich zu sein.
Stuttgart - Unsere Beziehungsmodelle verändern sich. Rund 10 000 Menschen leben in Deutschland grob geschätzt polyamor. Polyamorie heißt übersetzt ‚viele lieben‘. Der Soziologe Christian Klesse von der Manchester Metropolitan University definiert in seinem Essay „Polyamorie – von dem Versprechen viele zu lieben“ diese als „ein Beziehungskonzept, das es ermöglicht, sexuelle und/oder Liebesbeziehungen mit mehreren Partner*innen gleichzeitig einzugehen“. Voraussetzung dafür sei, dass alle Beteiligten um den nicht-monogamen Charakter der Beziehungen wüssten und diesen befürworteten.
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Es sei durchaus ein Trend zu offeneren Beziehungen zu beobachten, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stefan Ossmann (45). Er forscht an der Universität Wien zu Polyamorie und hat seine Dissertation zum Thema „Polyamorie in medialer, sozialer und Identitätsperspektive“ geschrieben. Er gibt zu bedenken: „Polyamorie bedroht weder die Monogamie, noch wird sie diese ablösen.“ Aber natürlich lese man viel mehr zu Polyamorie: „Sexualität verkauft sich aber schlicht besser als der Atomwaffensperrvertrag“, sagt er.
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Je mehr Menschen darüber wissen, desto mehr definierten sich vermutlich so. Vieles sei aber kaum untersucht. Studien berufen sich zudem oft auf Online-Befragungen. „Da nehmen oft Zeitgeist-Hippies teil. Und der Flanellhemd tragende Mann mit Dutt und Stoffsackerl um, definiert sich gerne als poly, um seine Weltoffenheit zu demonstrieren“, sagt Ossmann.
Dass viele einem Zeitgeist-Phänomen hinterherlaufen, hat auch der Salzburger Psychologe, Sexual- und Psychotherapeut Florian Friedrich in seiner Praxis erlebt. „Viele junge Menschen versuchen das aus einer Ideologie heraus und verletzen sich dann gegenseitig.“ Er habe schon Patienten in Tränen aufgelöst bei ihm sitzen gehabt, die diesem Modell vorschnell zugestimmt hatten – ihrem Partner oder der Partnerin zu liebe. Umgekehrt beobachte er aber auch: „Viele spüren das tatsächlich innerlich sehr stark, dass sie polyamor leben möchten.“
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Ossmann sieht Polyamorie als eine sexuelle Orientierung an, wenngleich in der Forschung nicht viele dieser Ansicht seien. „Viele Menschen suchen es sich nicht aus, polyamor zu sein“, so seine Begründung.
Auch gebe es Männer und Frauen, die in der Midlife-Crisis keine Lust mehr hätten, treu zu sein, und sich dann plötzlich als poly definierten. „Die wollen sich eher sexuell ausleben“, sagt er. Dabei habe polyamor zu leben, relativ wenig mit reinen sexuellen Abenteuern zu tun. „Poly leben, denken, handeln und fühlen ist Liebe“, sagt Ossmann.
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Aber kann das funktionieren? 2013 befragte der Psychologe Todd Morrison 300 polyamore und monogame Männer und Frauen. Polyamore bescheinigten ihren Liebesbeziehungen im Schnitt sogar eine größere Intimität als Menschen in einem klassischen Zweiergespann.
Auch Melissa Mitchell und Kollegen von der University of Georgia befragten 2014 über einen Onlinefragebogen 1000 Teilnehmer, wie glücklich sie sich in der Beziehung mit ihrem primären Lebensgefährten und einem weiteren Partner fühlten. Die Befragten gaben mehrheitlich an, äußerst zufrieden zu sein.
In polyamoren Beziehungen bestehen meist mehrere Lieben nebeneinander. Wie das konkret geschieht, ist aber recht unterschiedlich. Es gibt polyamore Paare, die miteinander eine Hauptbeziehung führen und daneben noch Zweit- oder Nebenbeziehungen pflegen. Es gibt Beziehungskonstellationen, bei denen es kein Hauptpaar gibt. „Häufig ist es so: Mit der Primärbeziehung verbringt man drei Wochen in Griechenland, mit der Sekundärbeziehung ein Wochenende an der Nordsee und mit der Tertiärbeziehung macht man einen Tagesausflug“, sagt Ossmann.
Dabei wird auch klar: Die sexuelle Eifersucht ist oft gar nicht das größte Problem bei Polyamorie. „Das knappe Gut ist nicht die Liebe, sondern die Zeit und die Aufmerksamkeit“, sagt Ossmann. Arbeiten, Sport, Freunde, Kinder, Hobbys – oft bleibt ja schon in einer monogamen Beziehung wenig Zeit für den anderen. Wann sollte man da noch jemand Zweites oder gar Drittes unterbringen? „Ich kenne jemand, der deswegen seine Arbeitszeit tatsächlich von 40 auf 20 Stunden reduziert hat“, sagt Ossmann.
Aber woher weiß man nun, ob es der Partner damit wirklich ernst meint? „Wenn man zu Weihnachten den zweiten Partner mit zu den Schwiegereltern bringt, dann gilt es“, sagt Ossmann. Im Alltag helfe es, einen fixen Plan zu haben, wann man sich mit wem treffe – der helfe im Übrigen auch gegen die Eifersucht. Klar ist auf jeden Fall laut Ossmann: „Poly zu leben, erfordert einen ganz hohen Grad an Organisation und Verbindlichkeit.“
Dies sieht auch der Psychologe Friedrich so. Er gibt deshalb zu bedenken, dass poly zu leben, nicht für jeden etwas sei. „Das geht nur mit Menschen, die ganz intensiv bereit sind, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und gut mit Verlustängsten und ihrer Eifersucht umgehen können.“ Es bringe nicht viel, seinen Partner zu diesem Modell zu überreden. „Das kann eine Partnerschaft massiv schädigen“, betont Friedrich.
Vor allem für Menschen mit einer instabilen Persönlichkeit oder mit psychischen Problemen wie zum Beispiel einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sei es vermutlich schwer, eine nicht-monogame Beziehung zu führen. Auch warnt er davor, polyamor zu leben, um eigene Bindungsängste oder eine persönliche Krise zu überdecken. Polyamorie als irgendeine Art von „Heilung“ zu verstehen, hält Friedrich für problematisch. Dies sei im Übrigen auch nicht der Grund, warum Menschen polyamor lebten: „Menschen, die mit Polyamorie glücklich sind, sind meistens sehr sicher gebundene Menschen.“
Davon abgesehen sei es keineswegs das „bessere Beziehungsmodell“ im Vergleich mit der Monogamie – es hänge eben schlicht von den eigenen Bedürfnissen ab, sagt Friedrich. Und die Eifersucht? „Sie reden mehr darüber, offen und ehrlich“, sagt Friedrich und ergänzt: „Wir wären keine Menschen, wenn wir diese Gefühle nicht spüren würden.“ Aber das sei genau der Punkt: „Man darf sie spüren.“
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Das ist es dann vielleicht auch, was monogame Paare von Polyamoren lernen können: Wut, Angst, Schmerz, Eifersucht sind Gefühle, die in jeder Beziehung auftauchen können, aber mit einer guten Gesprächskultur und der Akzeptanz seiner eigenen Gefühle, lässt sich vielleicht besser damit umgehen. „Je besser dies einem selbst gelingt, desto glücklich ist man in einer Beziehung – egal ob monogam oder polyamor“, betont Friedrich.
Studien zu Polyamorie