Polyamorie Wir haben uns alle lieb

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Polyamorie bedeutet, dass man nicht nur mit einem Partner zusammen sein will, sondern mit mehreren Partnern gleichzeitig. Die Geschichte einer komplexen Dreierbeziehung.

Zwei Frauen, ein Mann, ein Kind: Polyamorie kann  in einer um einen Erwachsenen  erweiterten Kleinfamilie  praktiziert werden. Andere Polyamoristen pflegen enge Beziehungsgeflechte mit zig Personen. Gemein ist ihnen allen, dass sie in einer Paarkonstellation nicht glücklich werden können. Foto:  
Zwei Frauen, ein Mann, ein Kind: Polyamorie kann in einer um einen Erwachsenen erweiterten Kleinfamilie praktiziert werden. Andere Polyamoristen pflegen enge Beziehungsgeflechte mit zig Personen. Gemein ist ihnen allen, dass sie in einer Paarkonstellation nicht glücklich werden können. Foto:  

Wie ist es, wenn man spätabends aus der Kneipe nach Hause kommt, und die Gattin liegt mit einer jungen Frau im Ehebett? „Früher hätte ich mir das auch nicht vorstellen können“, antwortet Tom. „Aber ich bin der lebende Beweis dafür, dass sich verkrustete Vorstellungen über die Liebe auflösen können.“

Der heterosexuelle Tom lebt seit gut zwei Jahren mit der bisexuellen Carola und der lesbischen Meike in einer Dreizimmer-Wohnung in Stuttgart-Mitte. Zu der Gemeinschaft gehört außerdem Kolja, der fünfjährige Sohn von Tom und Carola. Weil weder die Nachbarn noch die Kollegen, ja nicht einmal die Eltern von Tom und Meike von diesem exotischen Lebensmodell etwas wissen dürfen, heißen die vier Beteiligten in Wirklichkeit anders.

Vor ein paar Wochen hatte Carola eine Mail an die Stuttgarter Zeitung geschickt. „Ich führe seit mehr als zwei Jahren eine polyamore Dreierbeziehung“, schrieb sie. „Wir erziehen gemeinsam unseren Sohn und teilen auch den Rest unseres Alltags miteinander. Wir wollen Ihre Leserschaft darüber aufklären, dass man auch in einer solch ungewöhnlichen Partnerschaft Werte wie Treue, Vertrauen und Fürsorge leben kann.“ Nun sitzen die drei Erwachsenen am Esstisch und erzählen reihum ihre besondere Liebesgeschichte, während Kolja gedankenverloren sein Spielzeug auf dem Wohnzimmerboden verteilt.

Sie begehrt die andere Frau

Tom stammt aus Backnang und arbeitet als freier Architekt. Vor 18 Jahren, während des Studiums, lernt er Carola kennen, die seinerzeit in Stuttgart ein Referendariat zur Gymnasiallehrerin macht. 2005 heiratet das Paar, Anfang 2010 kommt Kolja zur Welt. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes freundet sich Carola mit einer lesbischen Frau an. Die beiden gehen spazieren, treffen sich auf einen Kaffee, plaudern über dies und das, kommen sich allmählich näher. Irgendwann spürt Carola, dass sie diese Frau nicht nur mag, sondern auch begehrt. „Für mich war das damals ein emotionales Erdbeben“, erzählt sie. Es kommt zu Knutschereien, Carola merkt, dass sie mehr als ein Techtelmechtel will: Sie möchte ihr ganzes Leben mit dieser Frau teilen. Doch es gibt ja noch Tom, ihren Ehemann, und den liebt sie auch.

„Polyamorie“ setzt sich aus dem griechischen „poly“ (viel) und dem lateinischen „amor“ (Liebe) zusammen. Die Definition des Begriffs ist weit gefasst: Manche Anhänger dieser Lebensweise bilden wie Carola, Tom und Meike eine erweiterte Kleinfamilie. Andere pflegen enge Beziehungsgeflechte mit zig Personen. Polyamoristen verbindet, dass sie in einer Paarkonstellation nicht glücklich werden können. Im Gegensatz zu „Swingern“, die sich mit Wildfremden in Clubs zum Partnertausch treffen, geht es ihnen jedoch nicht hauptsächlich um Abwechslung beim Geschlechtsverkehr. Sie suchen die wahre Liebe – oder besser: mehrere wahre Lieben. Heimlichkeit ist bei Polyamoristen tabu, jeder Partner weiß von den anderen Partnern.

Carola stammt aus einer fränkischen Bauernfamilie. Von klein auf war ihr klar, dass sie einmal heiraten und Kinder kriegen will. Bis heute ist Tom der einzige Mann, mit dem sie geschlafen hat. „Ich bin eine treue Seele“, sagt sie. „Und wenn ich einen Menschen liebe, dann will ich auch mit ihm zusammen sein.“

Vor vier Jahren erzählt sie ihrem Ehemann, dass sie künftig neben ihm gerne eine lesbische Frau an ihrer Seite haben wolle. Tom ist entsetzt. Für ihn besteht eine Paarbeziehung aus zwei Menschen, die sich versprechen, exklusiv füreinander da zu sein, bis der Tod diese Symbiose beendet. So wie er es Carola bei der kirchlichen Trauung versprochen hat. Er sieht sich als Monopolist ihrer Sexualität. Carola mit einer Lesbe teilen? Niemals! Sie gibt nach – „weil ich Tom nicht verlieren wollte“.

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