Pop, Jazz, Neue Musik Das Label ECM gibt seine Musik-Schätze frei

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Die Plattenfirma ECM hat nach längerer Weigerung ihren Katalog jetzt komplett den Streamingdiensten zugängig gemacht. Nun kann jeder Freund anspruchsvoller Musik im Netz auf Schatzsuche gehen.

Die Hand, die alles steuert: der ECM-Produzent Manfred Eicher bei der Arbeit Foto: Universal Music Entertainment Gm
Die Hand, die alles steuert: der ECM-Produzent Manfred Eicher bei der Arbeit Foto: Universal Music Entertainment Gm

Stuttgart - Sechsachteltakt, kribbelige Sechzehntel in der linken Hand, die rechte hat noch Pause. Am Bass Isla Eckinger, am Schlagzeug Clarence Becton, am Klavier Mal Waldron: „Rat Now“ ist 1969 die erste Aufnahme des neu gegründeten ­Labels ECM. Programmatisch heißt das ­Album „Free at last“. Es ist optisch ein totaler Bruch mit der herkömmlichen Werbeästhetik und musikalisch ein Brückenschlag in mehrere Richtungen: Der Afroamerikaner Waldron hatte Billie Holiday begleitet, mit Charles Mingus gespielt und war als offener Mensch und Münchner auf Zeit sogar bereit, mal beim Kraut-Rock von Embryo mitzutun.

Offen war auch Manfred Eicher, Kriegskind aus Lindau in Bayern, vormals festangestellter Kontrabassist der Berliner Philharmoniker, gleichzeitig jedoch praktizierender Free-Jazz-Musiker und jedenfalls bereit, nicht nur mit Manfred Scheffner und Karl Egger eine unabhängige Plattenfirma auf den Weg zu bringen, sondern auch dazu, als Produzent Schritt für Schritt ein Experiment zu wagen, das keinerlei Vorbild hatte. Eicher löste die Purismen seiner Zeit auf und brachte einander fremde Welten in Berührung. Dass er zehn Jahre später die Serie New Series startete, die gleichzeitig vor allem auf Alte Musik wie auf zeitgenössische Werke setzte, war da nur konsequent.

Konsequent ist es jetzt auch, mit der Überzeugung zu brechen, man müsse das Programm von ECM den Streamingdiensten vorenthalten (vor allem wegen des Artworks), wie es eine Weile auch mit dem musikalischen Erbe der Beatles gehandhabt worden war. Seit ein paar Tagen jedenfalls ist der komplette ECM-Katalog über verschiedene Anbieter (darunter Apple Music, Amazon, Spotify, Deezer, Tidal und Qobuz) zugänglich, die digitale Verteilung läuft über einen der letzten verbliebenen Branchenriesen, die Firma Universal Music.

ECM betont, dass die bevorzugten Medienformate der Produzenten nach wie vor die CD respektive Langspielplatte blieben. Andererseits könne man sich kaum der Tatsache verschließen, dass im Netzt bereits Hunderte illegaler Downloads existierten, von denen die Künstler nichts hätten. Es sei nötig gewesen, eine Situation herbeizuführen, in deren Rahmen das Copyright respektiert werde. Auch das System der Musikkunst befindet sich im Augenblick „inmitten einer radikalen Neuorientierung, konzeptuellen Umwälzung und grundlegenden Transformation“.

Es war einmal die Langspielplatte

Mit diesen Worten eröffnete vor ziemlich genau fünf Jahren der auch heute noch amtierende Direktor Okwui Enwezor eine Ausstellung zum Projekt ECM im Münchner Haus der Kunst, und er meinte damals mit dieser Passage die sechziger Jahre, in denen er die großen Ideale der Moderne zersplittern sah: Fluxus und Happening, Pop-Art und Minimalismus, feministische Kunst und Performance jedenfalls sorgten dafür, dass in der bildenden Kunst bereits Sichtweisen ins Schwanken kamen, während die Musikszene sich gewissermaßen einbetoniert hatte: Während der Rock in Richtung Monumentalität marschierte, um sich selbst erst mal zu überleben, und der Jazz sich vom Rock ein bereits totes Vermarktungskonzept ausborgte, setzte der Klassikmarkt auf fetten Mainstream – Karajan und seine Brüder. Bis zu Nikolaus Harnoncourt war es noch ein Stück Weg.

In dieser Situation signalisierte Manfred Eicher schon mit dem Namen ECM, dass diese Musik einen demokratischen Geist atmen solle, ohne sich ganz der Massenproduktion opfern zu müssen. Obwohl es manchmal anders gewirkt haben mag, kamen die Produktionen „ohne jede Art von Dünkel“ (Enwezor) aus. Sie sicherten vielmehr den jeweiligen Künstlern den jeweils höchsten Standard bei Aufnahme und vorheriger Konzeption zu. Gleichzeitig bestimmte die Musik Struktur und Format ihrer Präsentation.

In diesem Zusammenhang kann man gleich zwei der erfolgreichsten ECM-Produktionen nennen: Zum einen war das die Kassette mit den „Sun Bear Concerts“. Sie umfasste ursprünglich zehn Schallplatten, die der Pianist Keith Jarrett in Japan aufgenommen hatte. Heute wie 1978 ist das, in welcher Form auch immer, eine Herausforderung für den Hörer – das Streaming macht die Abende jetzt unkompliziert zugängig. Geschickterweise ging dieser Veröffentlichung jene Platte bevor, die ECM bis heute die meisten Käufer beschert hat: Jarretts unter widrigen Umständen, mitten in der Nacht und an einem schlechten Flügel aufgenommenes „Köln Concert“ von 1975.

Von Anfang an und von nun an erst recht war ECM das erste Independent-Label überhaupt, offen für Musik von Jan Garbarek bis Eberhard Weber und Don Cherry bis Terje Rypdal. Freier als frei, wenn man so will, durfte ein Radikaler wie der britische Saxofonist Evan Parker agieren, während auf einem anderen, beruhigteren Feld der argentinische Bandoneonspieler Dino Saluzzi agierte. Eichers Kunst und Geschick bestand darin, dass er – lange bevor man vom Networking redete – die Musiker und ganze Stilistiken manchmal buchstäblich verbunden hatte und keineswegs nur vernetzt.

Ein Haus für Jazz und Klassik

Ganz und gar nicht zufällig war die erste Aufnahme der New Series aus dem Jahr 1984, als die Achtziger die Musik insgesamt auf einer schwer zu unterbietenden Schwundstufe angesiedelt hatten: „Tabula Rasa“ von Arvo Pärt. Mit einem Mal, lange vor Öffnung der Grenzen, ging eine Tür nach Osteuropa auf – und nicht wieder zu. Mehr noch: Pärt lebte nun im direkten, produktiven Vergleich zu Steve Reich und Meredith Monk, also der amerikanischen Avantgarde dieser Tage.

Der britische Musikkritiker Paul Griffith, der später für Tan Duns „Marco Polo“- Oper und Elliot Carters „What’s next“ die Libretti schreiben sollte, formulierte sein Erstaunen so: „Was bis dahin, in Ermangelung eines besseren Begriffs, ein Jazz-Label gewesen war, war nun auch ein Haus , in Ermangelung eines besseren Begriffs, mit klassischer Musik“ – und so geht es bis heute, von Troubadour-Liedern über John Abercrombie, zurück zu Franz Schubert und hin zu Karlheinz Stockhausen. Wer sich auf diesen Kosmos einlässt und in diesen Fluss begibt, der muss aufpassen, dass es ihn nicht so schnell umwirft. Mit Fug und Recht kann man da nur wünschen: gute Klangreise!