Pop-Sound made in Stuttgart Das Label Treibender Teppich hat ein Gespür für Innovatives

Jerafim Meier, Tim Kordik und Markus Milcke haben das Label Treibender Teppich Records gegründet. Foto: privat

Mit sicherem Gespür für neue Sounds zeigt das Label Treibender Teppich Records, was die Stuttgarter Musikszene zu bieten hat.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Zumindest in den Feuilletons ist in den vergangenen Jahren immer wieder mit einem gewissen Erstaunen von einer Häufung interessanter Pop-Platten aus Stuttgart berichtet worden. Die meisten der für dieses Phänomen verantwortlichen Künstler haben ihren Stallgeruch am Nordbahnhof angenommen, zum Beispiel im längst verschrotteten „Konzertwägele“ von Moritz Finkbeiner. Der Sound des Stuttgarter Untergrunds gibt sich verschroben, ist letzten Endes aber auf eine seltsame Art doch auch eingängig und setzt sich im Ohr fest.

 

Das Label Treibender Teppich Records ist ein besonders eifriger Chronist dieses Nordbahnhof-Klangs. Das verwundert schon deshalb nicht, weil die drei Gründer Tim Kordik, Jerafim Meier und Markus Milcke sich ebendort beim Auflegen kennengelernt haben – und die meisten der von ihnen vermarkteten Künstler gleich mit.

Nun stößt eine alteingesessene Band zum Label

Auf Treibender Teppich sind Alben der Die-Nerven-Mitglieder Max Rieger (alias All diese Gewalt) und Julian Knoth (alias Peter Muffin), des Songwriters JFR Moon, der mit Kunstakademie verbandelten Künstler Perigon und Levin Goes Lightly, des Schorndorfers Sloe Paul und seiner Bandkollegen Tristan Rêverb erschienen. Vergangene Woche gesellte sich mit Loretta eine alteingesessene Stuttgarter Band dazu (siehe Besprechung). Auch hier spielen persönliche Beziehungen eine Rolle: Zwei von drei Labelbetreibern arbeiten mit dem Loretta-Gitarristen Rainer Rupp im Plattenladen Second Hand Records.

Mit leuchtenden Augen erzählen die drei, alle Anfang dreißig, von ihrer ersten Platte: „Dizzy Height“ von Levin Goes Lightly (2013). Dessen unterkühlter Pop und die dazugehörige Bühnenshow elektrisierte die Labelgründer in spe. Sie brachten die Bänder persönlich zum Presswerk nach Augsburg, drehten nachts auf dem Schrottplatz ein Musikvideo. „Wir dachten, das geht jetzt voll steil“, erinnert sich Tim Kordik. Mittlerweile ist die Platte zwar ausverkauft; Levin Goes Lightly veröffentlicht jetzt bei Tapete Records. Jedoch bedeutet „ausverkauft“ in der heutigen Streaming-Welt und eben auch in diesem Fall, dass man ein paar Hundert Platten absetzt – Treibender-Teppich-Alben erscheinen stets nur auf Vinyl. Reich werden Labelbetreiber so nicht, im Gegenteil. Ihre Künstler „bezahlen“ sie, indem sie die Pressung finanzieren, die Verpackung aufwendig gestalten und ihnen einen großzügigen Anteil zum eigenen Verkauf überlassen.

Was kommt nach der Generation Nordbahnhof?

Auf diesen Deal lassen sich viele Künstler ein – weil ein besserer nicht möglich scheint, zumindest finanziell. Das Label hilft außerdem bei der Promotion und teilweise beim Buchen von Liveauftritten. Vor allem gilt es auch unter Musikern aus dem Pop-Untergrund als Ritterschlag, bei einem Label zu veröffentlichen – zumal bei einem, das wie kein zweites für den besonderen Nordbahnhof-Sound steht. Mittlerweile, erzählen die drei Labelbetreiber, sprudelt diese Popquelle nicht mehr so wie noch vor drei, vier Jahren. „Viele sind halt abgewandert“, sagt Tim Kordik. Das heiße natürlich nicht, dass es nicht woanders eine andere, eben ganz junge Szene geben könne.

Was nach der Generation Nordbahnhof kommt, weiß noch keiner. Treibender Teppich, die Zusammenarbeit mit Loretta zeigt es, orientiert sich ohnhein mehr hin zu den älteren Hörern. Nach der ersten Euphorie vor fünf Jahren sehe man „das ganze Business realistischer“, sagt Jerafim Meier – auch das haben er und seine Kollegen wohl eher mit den Erfahreneren aus der Stuttgarter Popszene gemein. Die wirtschaftliche Realität in diesem Geschäft ist abseits der großen Labels eben doch eine andere, als viele immer noch glauben mögen.

Ein Segen war die Förderung durch das Popbüro, das Treibender Teppich den „Zukunftspreis“ und die damit verbundenen 5000 Euro Fördermittel zukommen ließ. Damit habe man vergangenes Jahr zwei Alben finanziert, erklären die Labelbetreiber. Eine weitere Platte sei für 2019 geplant, mittlerweile erhalte man fast mehr Bewerbungen von auswärts als aus Stuttgart.

Der Nordbahnhof-Sound verteilt sich in der Popwelt. Und doch muss, wer dessen Ursprung nachhören will, zu den Platten von Treibender Teppich greifen.

Neues Album von Loretta

Zum Beispiel zum neuen Werk von Loretta mit dem Titel „The Stars My Destination“, das schön gestaltet als limitiertes Doppelalbum daherkommt, sehr transparent aufgenommen und gemischt ist es überdies. Bemerkenswert bei diesem nun schon dreizehnten Album dieser Band seit 1990 ist, dass sie die Hälfte der tatsächlich gleich zwanzig neuen Tracks diesmal in Köln und mit den Mitgliedern der befreundeten Band Locas in Love eingespielt haben.

Man darf vermuten, dass dies etwas disparate Ergebnisse zeitigt – und damit liegt man auch richtig. Auf der ersten Albumseite klingt alles etwas zu springsteenig, auf der dritten etwas zu westernhagenig. Aber Schwamm drüber. Denn auf dem Album gibt es auch viele sehr gute Stücke, das sauberst produzierte „Gail“ etwa, schöne Alternative-Nummern wie „Last Day of the Season“ oder kleine Perlen wie „the Man who invented Love“. Die einzige Coverversion des Albums, Don Henleys Evergreen „The Boys of Summer“, fügt dem Original nicht wirklich was dazu – auch deshalb darf man Loretta raten, weiterhin auf ihren eigenen Stil zu setzen und diesem treu zu bleiben. Denn dass sie eine der besten Stuttgarter Bands sind, zeigen sie seit langem. (juw)

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