Pop-Superstar Harry Styles Der Glücklichmacher

Irgendwie süß: Harry Styles bei einem Konzert in New York Foto: Imago//Lev Radin

Der Brite Harry Styles ist das neue Idol der Popmusik. Seine ungekünstelte Freundlichkeit hüllt die Fans wie in Watte ein. Ernst zu nehmen ist sein Kampf für sexuelle Diversität.

Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte hat die Musikwelt auf den nächsten jungen männlichen Popstar gewartet, der das Image, die Performance, die Botschaften, die Sexiness und vor allem die Songs hat, um Stadien überall in der Welt zu füllen und mehrere Generationen von Musikfans vor der Bühne zu vereinen. Nach George Michael und Prince war es darum nicht besonders gut bestellt. Doch nun gibt es ihn: Der Brite Harry Edward Styles (28) gastierte mit seiner „Love on Tour“ am Sonntag im ausverkauften Volksparkstadion in Hamburg vor 50 000 überwiegend weiblichen Fans.

 

Harry Styles flieht aus einem langweiligen Leben

2010 hatte er an der britischen Castingshow „The X Factor“ teilgenommen und wurde Mitglied der dabei gegründeten Boyband One Direction. Mit der Ballade „Sign of the Times“ startete er 2017 als Solist durch. Erst vor zwei Wochen hatte Styles seine erste Stadionshow in Glasgow gespielt, in Hamburg ist es die erste auf dem europäischen Festland. „Leuten wie mir passiert so was eigentlich nicht“, meint er später am Abend, als er sich bei den deutschen Fans bedankt. Einige von ihnen dürften sich dabei sofort an sein erstes Casting erinnert fühlen. Damals war Styles noch ein 16-jähriger Lockenkopf aus dem Ort Redditch nahe Birmingham: „Es ist ziemlich langweilig, da passiert nicht viel“, gab er zu Protokoll. Tagsüber jobbt er in einer Bäckerei, er will ein Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie beginnen, ansonsten gibt er den Leadsänger in einer Schülerband, die gerade einen Wettbewerb gewonnen hatte. „Ich habe so einen Nervenkitzel verspürt, als ich vor Leuten gesungen habe, ich wollte mehr davon“, erinnert er sich an diese Anfänge.

Styles – der androgyne Stilgott

Seine Mutter trug damals schon ein T-Shirt mit der Aufschrift „We think Harry has the X-factor“ (zu Deutsch: „Wir glauben, Harry hat das gewisse Etwas“). Ihr Sprössling interpretierte „Isn’t she lovely“ von Stevie Wonder, überzeugte die Jury, und der Rest ist Geschichte . . .

Zwölf Jahre später gleicht sein Konzert einem Freudentaumel. Ohrenbetäubend ist der Lärm, als Styles um 20.45 Uhr die Bühne betritt. Dort, wo gerade noch Vogelgezwitscher vom Band zu hören war, entlädt ein Stadion voller junger Frauen seine Entzückung mit grellem Kreischen. Er ist aber auch ein erfreulicher Anblick: Harry trägt ein weißes T-Shirt mit gelben Kreisen, dazu eine eng anliegende Hose und eine gelbe Holzperlenkette, wie man sie an diesem Abend auch im Publikum sieht. Längst ist er auch Stilikone. Es gibt ganze Seiten in den sozialen Netzwerken, die sich nur mit seiner ausgefallenen und androgynen Gucci-Garderobe beschäftigen. Auf seiner aktuellen Tournee sind es meist einteilige Anzüge mit auffälligen Mustern und Farben, die eigentlich niemand anderes tragen könnte als Harry Styles. Aber auch für durchsichtige Frauenblusen hat er ein Faible. 2020 zierte er als erster Mann im Kleid das Cover der Modezeitschrift „Vogue“.

Frauen lieben Harry Styles

An diesem Abend macht er auch Hamburg bunt: Väter tragen Federboas neben ihren Töchtern – ein fast rührender Anblick. Und eines wird schnell klar: Mit den Frauen meint es Harry ernst. Mit seiner Band würde er die Frauenquote jedes Festivals anheben. Gleich drei seiner fünf Musiker sind (augenscheinlich) weiblichen Geschlechts, darunter die Schlagzeugerin. Styles positioniert sich gegen den Sexismus der Popkultur. Sein Konzert bezeichnet er als „Familienshow“, wozu auch gehört, dass er seine weiblichen Anhängerinnen ernst nimmt und nicht arrogant behandelt. „Wir werden Spaß heute Nacht haben. Wir machen es zusammen. Fühlt euch frei zu sein, wer ihr immer sein wolltet“, meint der Mann der Stunde. Mit „Harry’s House“, so der Titel seines aktuellen Albums, hat er so etwas wie einen Safe Space kreiert: einen Ort, wo sich seine Fans wohl und sicher fühlen können. Da ist Lisa, die ein Schild mit der Schrift „Help me come out please“ hoch hält. Styles tänzelt daraufhin mit einer Regenbogenflagge, ruft „Freiheit für Lisa!“ und beglückwünscht sie zu ihrem sexuellen Coming-out – was immer es auch sein möge. Für eine Schwangere öffnet Harry den Brief, der das Geschlecht ihres Kindes offenbart. „It’s a girl!“, lässt er die Mutter wissen und sackt gleich in die Knie vor Begeisterung. Ein ganzes Stadion applaudiert. Echt oder inszeniert? Für die Fans ist diese Frage klar zu beantworten. Ein Plakat mit der Schrift „My body, my choice“ (etwa: „Mein Körper, meine Entscheidung“) ist zu sehen – als Reaktion auf das Abtreibungsurteil in den USA. Wie eine Trophäe trägt der Sänger das Schild über den Steg bis zur Hauptbühne, wo er es ausstellt wie in einer Galerie.

Seine Konzerte sind wahre Tanzorgien

Styles ist der Prototyp eines neuen Männertyps in der Post-Metoo-Ära, der auf Machogehabe verzichtet. Der Song „Treat People with Kindness“ ist längst zu seinem Credo geworden. Und es wirkt tatsächlich ansteckend: Styles-Fans sind freundlich, feiern auch die Vorband und amüsieren sich bei einer Polonaise durchs Stadion.

Den Rest an guten Botschaften erledigen Styles’ fabelhafte Popsongs, die alles andere als von der Stange sind. Sein akustisches Stück „Matilda“ wendet sich an Menschen aus schwierigen Familienverhältnissen. In dem mit ausgefeiltem Harmoniegesang ausgestatteten „Boyfriends“ zweifelt er die Treue und Zuverlässigkeit von Männern an. „Wer wollte noch nie einen Boyfriend haben?“, fragt er in Hamburg und öffnet auch hier die Türen für andere Lebensentwürfe.

Seinen Fans gilt Harry Styles als Glücklichmacher. Wenn er über die riesige Bühne des Stadions tanzt und seine Hüften schwingen lässt, setzt das wohl jede Menge Dopamin bei den BetrachterInnen frei – und vermutlich auch bei ihm selbst. Mitunter erinnern seine Gebärden an Ikonen wie Mick Jagger, Elvis Presley und Freddie Mercury. Passend dazu wird Harry auf den Video-Leinwänden als Pop-Art-Kunstfigur inszeniert. Wer das Ganze zu Hause erleben will, kann sich täglich die neuesten Tanzclips von Harrys Konzerten auf Instagram betrachten. Das ist für viele Fans in Zeiten von Krieg und Krisen wohl ein emotionaler Booster. In Hamburg gibt es als Zugabe den Hit „Watermelon Sugar“ und noch einmal jede Menge Styles’schen Hüftschwung. Und auf seine Frage „Es ist sehr, sehr warm in Hamburg, oder?“ kann es für die Fans eigentlich nur eine Antwort geben: „Du bist zu heiß, Harry!“ Die im März erschienene Single „As it was“ katapultierte ihn bis in die Stadien und verbreitet dort kollektive Glückseligkeit. „Danke schön, Hamburg! Auf Wiedersehen. Tschüss“, verabschiedet er sich mit ein paar Deutschbrocken und jeder Menge Luftküssen. A star is born.

Auch im Kino erfolgreich

Und das nicht nur in der Musik: Nachdem Styles 2017 im historischen Kriegsfilm „Dunkirk“ von Christopher Nolan besetzt wurde, kommt er im September mit dem Psycho-Thriller „Don’t worry Darling“ in die Kinos, bei dem seine jetzige Lebensgefährtin Olivia Wilde Regie führte. Ebenfalls im Herbst startet der Film „My Policeman“ nach dem gleichnamigen Roman von Bethan Roberts. Darin spielt Styles den Polizisten und Lehrer Tom, der sich in den 50er Jahren in der englischen Stadt Brighton in einen Kurator verliebt. So oder so: Die Harry-Styles-Show geht weiter.

Tourneedaten 2023

Harry Styles tourt von Mai bis Juli 2023 noch einmal durch Deutschland: Am 17. und 18. Mai tritt er im Münchner Olympiastadion auf, am 27. und 28. Juni ist er in der Merkur Spiel-Arena zu Gast, am 5. und 6. Juli gibt er im Deutsche Bank Park in Frankfurt Konzerte. Tickets gibt es hier.

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