Rosen, Tulpen, Callas und Anthurien – alle sind längst verblüht. Dennoch sieht es im ehemaligen Verkaufsraum des Aidlinger Blumenhandwerks so bunt aus wie eh und je. Der Grund dafür ist Angelika Staigers Designer-Mode-Outlet, mit dem die Gültsteinerin den seit Ende November geschlossenen Laden wieder aufblühen lässt – zumindest bis Ende August. So lange soll der Pop-up-Store für Mode ab Größe 38 geöffnet bleiben. Ob und wie es danach weitergeht, muss sich erst noch zeigen. Seit 3. Juni ist der Laden in der Böblinger Straße 14 geöffnet.
„Ich bin da immer daran vorbeigefahren“, erzählt Angelika Staiger. Als eine Aidlinger Freundin ihr von der Geschäftsaufgabe der Floristin Stephanie Brodbeck erzählt hatte, fragte sie bei den Besitzern an, ob sie die Räumlichkeit für einige Wochen mieten könne. „Pop-up-Store“ nennt sich dieses Konzept, mit dem auch die Wirtschaftsförderung Sindelfingen GmbH (WSG) seit einiger Zeit versucht, in der Planiestraße am Marktplatz die Innenstadt zu beleben. Es bedeutet: Ladengeschäfte öffnen erstmal nur auf eine bestimmte, meist kurze Zeit. Dann schließen sie wieder und andere kommen.
Die ersten Käuferinnen kamen aus Kirchheim-Teck
Ursprünglich wollte Staiger sich auf zwei Monate beschränken. „Jetzt habe ich bis Ende August verlängert“, erzählt sie. Der Laden wird offenbar gut angenommen: An diesem Nachmittag betreten innerhalb einer halben Stunde vier Kundinnen das Geschäft. Dass Angelika Staigers allererste Käuferinnen aus Kirchheim-Teck zu ihr kamen, sagt etwas darüber aus, wie außergewöhnlich diese Boutique ist. „Schicke Einzelteile bis Größe 62“ bewirbt ein Flyer das Sortiment, in dem sich Kleider, Blusen, Stiefel, Handtaschen, Hosen und diverse andere Waren finden, die definitiv nicht wie „von der Stange“ aussehen.
Von farbenfrohen Batik- und Blumenmustern über eigenwillige spinnennetzartige Lederstrukturen bis hin zu Schriftzügen, Nummern in Sporttrikotoptik und einem Totenkopf aus Silberpailletten gibt es hier eine in jeder Hinsicht passende Mode für alle, die sich nicht anpassen wollen. „Vincenzo Allocca, Chalona, La Bass, Zedd Plus, H4 Fashion und Mädchenglück“, zählt Staiger einige der Modelabels in ihrem Sortiment auf, deren eigenwillige Designs perfekt zu ihrer freigeistigen Weltsicht zu passen scheinen.
Einige dieser Unternehmen richten sich speziell an eine Kundschaft, die bei der Suche nach modischer Kleidung oft genug verzweifelt. Zum Beispiel mit einem Chasuble – so lautet der französische Ausdruck für einen leichten Mantel oder Kleiderrock, mit dem sich Rundungen elegant kaschieren lassen. „Schasubele“ spricht Staiger den Begriff augenzwinkernd-schwäbisch aus. Mit feinem Blick für Muster und Stoffe hat sie dieses Accessoire in diversen Ausführungen gleich als passenden Kombi-Vorschlag über einige Kleider in ihrem Sortiment gehängt.
Eine Freundin nennt sie liebevoll „Miss Mollywood“
Designer sprechen von „figurfreundlichen Schnitten“ oder „Komfortgrößen“. Auch Angelika Staiger selbst passt in keine Normgröße – und will das auch gar nicht. „Was ich alles erlebt habe, würde in zwei Leben passen“, sagt die Frau, die kurz vor Eröffnung ihres Aidlinger Designer-Mode-Outlets ihren 73. Geburtstag gefeiert hat.
„Miss Mollywood“, nennt eine Freundin sie liebevoll und spielt dabei zugleich an ihre Figur und ihre schillernde Erscheinung an. Wenn man sie so vor sich sieht – von Kopf bis Fuß und von der Brille bis zu den Fingernägeln in schriller und dennoch perfekt aufeinander abgestimmter Schwarz-Weiß-Optik – dann fällt es tatsächlich schwer, sich vorzustellen, dass diese Frau ihre Kindheit und Jugend in Albstadt-Ebingen zugebracht haben soll. „Ich bin mir da wie ein Fremdkörper vorgekommen“, sagt sie rückblickend und erzählt, wie sie schon als 14-Jährige auf der Singer-Maschine der Oma ihre eigenen Kleider genäht und damit ihrer unbändigen Individualität Ausdruck verliehen habe.
In ihrem Elternhaus war allerdings etwas anderes gefragt, weswegen die junge Angelika schon mit 14 Jahren eine kaufmännische Lehre beim lokal ansässigen Maschinennadelhersteller Groz-Beckert begann und dort bis zum 21. Lebensjahr tätig war. Danach zog es sie nach Stuttgart – weg von der Enge und Strenge der Schwäbischen Alb. In der von Männern dominierten Berufswelt arbeitete sie in der Arbeitnehmerüberlassung, wo sie über Kaltakquise via Telefon versuchte, Kunden zu gewinnen.
Mit dem Pop-up-Store verwirklicht sie einen lang gehegten Traum
Seit sie vor 13 Jahren in Rente ging, kann sie sich endlich ihrer eigentlichen Leidenschaft widmen: der Mode. Die Liebe für schöne Stoffe und eigenwillige Stile ziehe sich durch ihr ganzes Leben, meint sie. Sie fährt regelmäßig zu Modegroßhändlern nach Düsseldorf, besucht dort die Fashion Days, veranstaltet Modeschauen im eigenen Garten in Gültstein und verkauft Designerkleidung an Freunde und Bekannte.
Mit dem Aidlinger Laden erfüllt sich Angelika Staiger einen Traum. Zugleich nutzt sie die Gelegenheit, um Ware zu stark reduzierten Preisen aus ihren Lagerbeständen abzusetzen. „Vieles stammt noch aus der Pandemiezeit, als ich nichts verkaufen konnte“, sagt sie. „Aber das macht nichts, weil ich ja zeitlose Mode verkaufe“, sagt sie.
Das sehen offenbar auch ihre Kundinnen so, die weiterhin neugierig und beständig den Laden betreten. Und wer weiß? Wenn das so weitergeht, bleibt Angelika Staigers Pop-up-Store ja vielleicht doch mehr als eine vorübergehende Modeerscheinung in Aidlingen.