Auch der Korntal-Münchinger Bürgermeister Alexander Noak besorgt ein paar Lebensmittel im „Refarmhaus“. Darren mag es, Kunden zu beraten. Unterstützt wird er von seiner Lehrerin Laura Nürnberger. Foto: Simon Granville
Die Macher des Schulbauernhofs Zukunftsfelder haben ein ungewöhnliches Projekt gestartet: Achtklässler verkaufen Produkte von regionalen Bauernhöfen und Start-ups.
Eine Lieferung kommt. Darren eilt zur Tür. Der 13-jährige Schüler nimmt Eier, Walnüsse und Ackersalat entgegen. Nüsse sind noch genug da, also bringt Darren den Nachschub zunächst ins Lager. Als eine Frau den Laden im Korntal-Münchinger Stadtteil Korntal betritt, begrüßen Darren und Hannah, die für die Kasse zuständig ist, sie freundlich. Die Frau schlendert an den Regalen entlang. Wäre sie eine von den Kunden, die Beratung oder andere Unterstützung wünschen – Darren wäre sofort zur Stelle gewesen. Nachdem die Frau bei Hannah bezahlt hat, will Darren noch von ihr wissen, wie ihr der Laden gefällt. Die Frage ist: Braucht der Ort so ein Geschäft?
Das hoffen die Beteiligten sehr. „Wir finden das Projekt cool. Die Arbeit macht Spaß“, sind sich Hannah und Darren einig. Vorerst ist das „Refarmhaus“, wie das Geschäft in der Korntaler Ortsmitte in der Mirander Straße heißt, ein Laden auf Zeit. Ein sogenannter Pop-up-Store, der nur vorübergehend existiert. Im Falle des „Refarmhauses“ sind es drei Wochen. Der Laden ist in vielerlei Hinsicht besonders. Florian Aufrecht, der Leiter des Schulbauernhofs Zukunftsfelder, gehört zu denen, die die Idee hatten – und spricht von einem „einzigartigen Modellprojekt“. Es ist ein Gemeinschaftswerk mit der Bio-Musterregion Ludwigsburg-Stuttgart, der Johannes-Kullen-Schule, einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, sowie der Diakonie der Brüdergemeinde als Träger.
Die Produkte sollen die Vielfalt der Region sichtbar machen
Das „Refarmhaus“ verkauft regionale Produkte von Landwirten und Start-ups aus dem Kreis Ludwigsburg. Neben Eiern, Nüssen und Salat auch Kaffee, Bier, Burgerpatties, Nudeln, Mehl, Obst, dazu Gemüse, Honig und Öle. Ebenso Dekoartikel und Selbstgebasteltes von Schülern und Kindergartenkindern. „Ein einfacher Weg, die Vielfalt unserer Region sichtbar zu machen“, meint Florian Aufrecht.
Am Vormittag kümmern sich je zwei Achtklässler der Kullen-Schule um das Geschäft. Wie Hannah und Darren. Sie übernehmen die Aufgaben, die nötig sind, um den Laden am Laufen zu halten. Die jungen Leute lernen die Abläufe und den Arbeitsalltag kennen. Ihre Lehrerin Laura Nürnberger ergänzt: „Die Schülerinnen und Schüler sammeln ganz neue Erfahrungen, auch mit anderen Menschen, und erleben sich als selbstwirksam.“
Im „Refarmhaus“ gibt es auch saisonales Obst und Gemüse wie Kürbis. Foto: Simon Granville
Sie wissen nun auch bestens über Biolandwirtschaft und gesunde Ernährung Bescheid. Ebenso, wie man sich Kunden gegenüber verhält und mit Lebensmitteln hygienisch umgeht. „Wir sollen höflich sein, die Hände waschen und eine Schürze tragen“, zählt Darren auf.
Der Achtklässler hat nicht zum ersten Mal mit Kundschaft zu tun: Ein Praktikum in einem Supermarkt liegt schon hinter ihm. Ob er mal Verkäufer werden möchte? „Vielleicht“, sagt der 13-Jährige. Vielleicht will er aber auch Koch werden. Oder Handballer. Darren grinst. „Ich habe mich noch nicht festgelegt.“ Mit Sicherheit weiß er aber: Er will nach der zehnten Klasse eine Ausbildung machen.
Schulleiter: „In vielen Familien ist der Beruf kaum ein Thema“
Nicht alle in seinem Alter sind so zielstrebig wie Darren. „In vielen Familien ist der Beruf kaum ein Thema“, stellt Kai Holtkamp, der Rektor der Johannes-Kullen-Schule, fest. Es sei wichtig, sich nicht erst im letzten Schuljahr damit zu beschäftigen. Der Übergang von der Schule ins Berufsleben sei die „kippeligste Schwelle“. Viele Jugendliche würden im sogenannten Übergangssystem verharren, in Programmen, die die Chance auf eine Ausbildung erhöhen sollen. Dabei könnten viele von ihnen eine Lehrstelle finden, wenn sie nur rechtzeitig mehr Unterstützung bekämen.
Deshalb ermöglicht der Schulbauernhof neuerdings bereits Siebtklässlern der Kullen-Schule vor Ort die praxisnahe Berufsvorbereitung – und deshalb war es Florian Aufrecht wichtig, die Schule auch ins „Refarmhaus“ mit einzubeziehen. „Es war mir immer ein Anliegen, dass der neue Store einen Mehrwert hat.“
Die Kunden indes hätten Spaß an der Art des Einkaufens: Sie kommen mit den Schülern ins Gespräch, die wiederum Freude daran hätten, sie zu beraten. Florian Aufrecht schmunzelt: „So viel Kundenpflege gibt es nirgendwo sonst.“ Auch schätzten die Kunden die Auswahl an regionalen, ökologischen Produkten unter einem Dach. Damit sparen sie sich die Fahrerei zu verschiedenen Höfen und Zeit. Eine Karte an der Wand zeigt, woher die Produkte sind.
Der Auszug des Reformhauses war der Start des „Refarmhauses“
Das „Refarmhaus“ ist dort, wo bis vor den Sommerferien das Reformhaus war, ehe es auszog. „Wir sahen das als Chance, einen Verkauf im Ort zu versuchen“, berichtet Florian Aufrecht. Die Produkte des Schulbauernhofs sind für einen Verkauf in dieser Größe aber zu wenig. „Daher machten wir uns auf die Suche nach Partnern.“ Ein „tolles soziales Mehrgenerationenprojekt“ entstand, nachdem Andreas Abrell, der auf dem Hof für die Landwirtschaft verantwortlich zeichnet, auf die Idee kam, andere Landwirte ins Boot zu holen, um das Sortiment zu erweitern. Nachmittags übernehmen Ehrenamtliche das Ruder – von denen es laut Aufrecht aber so viele gibt, dass er eine Warteliste führt.
Im Januar prüft die Brüdergemeinde, wie es in der Mirander Straße weitergeht. Am Ende sei es eine Geldfrage, sagt Florian Aufrecht. Der Erfolg indes hat sich für die Macher längst eingestellt.
Shoppen im Pop-up-Store
Öffnungszeiten Das „Refarmhaus“ in der Mirander Straße 8 in Korntal ist bis 20. Dezember offen. Die Ladenzeiten sind Montag bis Samstag von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr.
Einzigartig Der Schulbauernhof Zukunftsfelder ist eine fast einzigartige Einrichtung. Vergleichbar mit dem 2010 eröffneten Schulbauernhof ist der im Jahr 1992 gegründete Schulbauernhof Pfitzingen im Main-Tauber-Kreis. Die Stadt Niederstetten betreibt und das Kultusministerium finanziert ihn. Jener Hof ist laut dem Korntaler Leiter Florian Aufrecht aber kleiner als „seine“ Einrichtung, deren Träger die Diakonie der Brüdergemeinde ist. Der Schulbauernhof engagiert sich mit Projekten für benachteiligte Menschen.