Popkonzerte Eine Weltmacht namens Taylor Swift
Alle lieben Taylor Swift. Das ist zwar gut so, aber auch ein wenig schade und besorgniserregend, findet unser Autor Gunther Reinhardt.
Alle lieben Taylor Swift. Das ist zwar gut so, aber auch ein wenig schade und besorgniserregend, findet unser Autor Gunther Reinhardt.
Welche dieser drei Aussagen ist erfunden? Erstens: Taylor Swift verteilt im Rahmen ihrer aktuellen Tour Bonuszahlungen in Höhe von insgesamt 55 Millionen Dollar an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – jeder Truckfahrer erhält zum Beispiel 100 000 Dollar extra. Zweitens: Beim Konzert in Seattle haben Swift-Fans tanzend ein Erdbeben der Stärke 2,3 ausgelöst. Drittens: Für den Ticketverkauf in Singapur haben sich bereits am ersten Tag über drei Millionen Menschen mehr registriert als das Land Einwohner hat.
Die Antwort: Keine der Aussagen ist erfunden. Nie zuvor war ein Popstar so gefragt, so erfolgreich, so mächtig wie Taylor Swift. Nicht auszudenken, was wäre, wenn sie bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen antreten würde. Um Donald Trump müsste man sich dann wohl keine Sorgen mehr machen. Bei Instagram kommt der jedenfalls nicht einmal auf ein Zehntel der Follower (23,4 Millionen), die Taylor Swift (269 Millionen) aufweisen kann. Die 33-Jährige ist eine politische und wirtschaftliche Weltmacht und taugt offenbar sogar zur Naturgewalt.
Und das, obwohl die Popbranche in der Krise steckt. Seitdem Albumverkäufe eingebrochen sind, weil Musik nur noch gestreamt wird, können Musikerinnen, Musiker und Bands nur noch selten von den Centbeträgen leben, die sie bei Spotify und Co. verdienen. Hinzu kommt die Coronapandemie, die das Tourgeschäft für fast alle nachhaltig zum Risikounternehmen gemacht hat. Es sei denn, man ist ein Superstar wie Taylor Swift.
Die US-Musikerin ist zwar eine Ausnahmeerscheinung, aber kein Einzelfall. Wer mit seiner Musik sowieso Stadien füllt, gehört zu den Gewinnern der Krise – etwa Helene Fischer, Harry Styles, Coldplay oder K-Pop-Stars wie Blackpink oder BTS (deren Umsätze von fünf Milliarden Dollar im Jahr 2020 sogar 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Südkoreas ausmachten). Diese Acts verbindet, dass sich alle auf sie einigen können. Rockmusik trat in den 1950ern noch als der Soundtrack der Rebellion der Jugend gegen ihre Eltern an, inzwischen übernimmt Pop die Funktion des Klebstoffs zwischen den Generationen. Statt entschieden für einen neuen, möglicherweise unbequemen eigenwilligen Lebensentwurf zu stehen, geht es darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, damit Opa, Mama und Enkelkind gemeinsam Spaß beim Konzert haben.
Bei TV-Serien hat das Streamingzeitalter zu einer größeren Vielfalt der Produktionen und zur Abkehr von der Vorstellung, es allen recht machen zu müssen, geführt, weil man erkannt hat, dass es im internationalen Geschäft lukrativer ist, bestmöglich die Bedürfnisse einzelner Zielgruppen zu erfüllen. Der Pop scheint dagegen nur noch den Mainstream als Erfolgsmodell zu akzeptieren. Diese Entwicklung ist nicht nur angesichts der großen Macht problematisch, die einzelne, mehr oder weniger verantwortungsvoll handelnde Popstars dadurch bekommen, sondern auch ästhetisch: Künstlerische Vielfalt geht so nach und nach verloren.
Das ändert natürlich nichts daran, dass Taylor Swift eine großartige Künstlerin ist. Lassen Sie sich das von jemand sagen, der zu den Glücklichen zählt, die sich ein Ticket für Swifts erstes Deutschlandkonzert im Juli 2024 sichern konnten. Aber es lohnt sich immer, auch offene Ohren für Musik abseits der Bestseller zu haben. Wenn Sie kein Ticket für Taylor Swift ergattern konnten, nutzen Sie das als Chance und investieren das Geld, das Sie dort für eine Eintrittskarte ausgegeben hätten, um auf sechs, sieben oder acht Konzerte im Musikclub in Ihrer Nachbarschaft zu gehen. Wer weiß, vielleicht tritt da ja gerade sogar die nächste Taylor Swift auf.