Die Gitarre kreischt, der Bass dröhnt, das Schlagzeug wirbelt, und der Intendant jubelt. In seiner Loge hat sich Viktor Schoner wie alle anderen im Opernhaus vom Platz erhoben und applaudiert ausdauernd den drei Männern zu, die da gerade auf der Opernbühne einen spektakulären Auftritt abgeliefert, mit einem unwiderstehlich-ungestümen Mix aus Noise-Rock und Postpunk eine Stunde Lang den altehrwürdigen Littmann-Bau, in dem die Stuttgarter Oper seit dem Jahr 1912 zu Hause ist, beschallt haben. Eine knackige Version ihres Frühwerks „Angst“ vom inzwischen auch schon zehn Jahre alten Album „Fun“ steht am Ende des Auftritts von Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn, der wiederum den Schlusspunkt eines gewollten Durcheinanders setzt, das sich „The Littmann-Sessions“ nennt.
Eine Mischung aus „Herzblatt“ und Kindergeburtstag
Garagenrock trifft auf New Wave, Hip-Hop auf Techno – das ist nicht unbedingt die Art von Musik, die es sonst im Opernhaus, dessen Prunk ein bisschen ramponiert und angestaubt ist, zu hören gibt. Und bei dieser kuriosen Pop-Revue dürfte Viktor Schoner nicht der einzige gewesen sein, der sich bei dieser ausverkauften Show am Samstagabend auf neue Töne einstellen musste. Wer vor dem Auftritt und während der Pause ein bisschen seine Nebensitzerinnen und Nebensitzer belauschte, konnte oft mitanhören, wie jüngere Menschen etwas älteren erklärten, warum selbst die Hipster aus Berlin-Mitte den schwäbischen Kulturexport Die Nerven lieben, in welchen zig anderen Bands Kevin Kuhn noch spielt, welche Verbindung es zwischen Levin Goes Lightly und Max Rieger gibt, was Julian Knoth, der letzte der Nerven, der noch in Stuttgart lebt, mit Zweilaster zu tun hat, und überhaupt, was es mit der Wagenhallen-Szene auf sich hat.
Der Abend zerfällt nämlich in zwei Teile. Während Die Nerven im zweiten Teil einfach ein großartiges Konzert geben, bei dem sie einmal mehr beweisen, dass sie eine der besten Livebands Deutschlands sind, bietet der erste Teil ein grandios-kunterbuntes musikalisch-theatralisches Chaos-Programm (Konzept und Regie: Daniela Victoria Kiesewetter). Es ist eine Mischung aus der TV-Flirtshow „Herzblatt“ und Kindergeburtstag, eine Art musikalischer Zirkus voller schriller Sensationen, in denen das Lo-Fi-Duo Zweilaster die Clowns spielen, und Levin Goes Lightly den dandyhaften Zampano mimt, der mit seiner Band und wunderbar elektronisch eingefärbten New-Wave-Songs für die glamourösen Momente des Abends sorgt. Und für den, als er das Stück „Headbanging“ spielt, alle anderen Beteiligten der Show auf der Bühne zu tanzen beginnen.
Stuttgarts Popszene braucht ein Zuhause
Der Abend, bei dem die Staatsoper mit dem Pop-Büro zusammengearbeitet hat, ist zudem eine Art Leistungsschau für die örtliche Popszene und ein wenig auch eine Entschuldigung dafür, dass die freie Szene in der Container City bald der Oper Platz machen muss, die das Gelände als Zwischennutzungsfläche benötigt, wenn der Littmann-Bau saniert wird. „Zuhause kann ein Ort, aber auch ein Gefühl sein“, sagt Anka Ebel, die den ersten Teil des Abend moderiert, „und Platz sollte für alle sein.“ Schoners Applaus ist also auch ein Bekenntnis dazu, dass auch all jene, die musikalisch jenseits des klassischen Staatsopern-Apparats in der Stadt unterwegs sind, eine Daseinsberechtigung haben und ein Zuhause brauchen.
Bei der Eröffnung des Abends legt die Mezzosopranistin Maria Theresa Ullrich, die Ensemblemitglied der Staatsoper ist, zwar zunächst noch eine falsche Fährte: setzt sich an den Flügel und singt Bizets „Carmen“-Arie über die Liebe, die ein unzähmbarer, wilder Vogel ist. Doch es dauert nicht lange, bis die Wahl-Stuttgarterin Laima Adelaide vorbeischlendert, den Flügel zuklappt und mit elektronischen Brummen ein atmosphärisch knisterndes Deep-Techno-DJ-Set beginnt. Sie wird dann wiederum abgelöst von der Singer/Songwriterin Abenaa, die im Tütü die wunderbar mit Popmelodien aufgeladene Rapnummer „Konstrukt“ singend über die Bühne tanzt.
Zweilaster als die heimlichen Stars des Abends
Nach und nach füllt sich die Bühne mit den Protagonisten des Abends, die sich mit ihren Auftritten immer wieder abwechseln und die auf Sesseln. Barhockern oder einer Couch zwischen Instrumentenpodesten und Garderobenständen Platz nehmen, mal mitwippend, mal mitsingend den Auftritten der anderen zuhören oder sich neu verkleiden – wie Marie und Arno, die als Zweilaster mit ihrem skurrilen Mix aus Lo-Fi-Grungepop, Postpunk und Comedy die heimlichen Stars des Abends sind. Vielleicht auch weil sie das Konzept des Abends am offensivsten verinnerlicht haben und sich völlig ungeniert den Bühnenraum aneignen und das Opernhaus zu ihrem Zuhause machen.
Littmann-Sessions: Vier Beispiele für die Vielfalt der Stuttgarter Popszene
Zweilaster
Das aus Schlagzeug und Gitarre bestehende Duo steht für schrulligen, (selbst-)ironischen Garagen-Punk und New Wave.
Levin goes Lightly
Mit elektronisch aufgeladenem New Wave und großen Melodien ist Levin einer der großen Hoffnungsträger der Stuttgarter Szene.
Abenaa
Die Lieder der Singer/Songwriterin mit ghanaischen Wurzeln verbinden Pop, Hip-Hop und Gesellschaftskritik.
Laima Adelaide
Die aus Lettland stammende Musikerin hat ein Faible für die experimentelle Seite elektronischer Tanzmusik.