InterviewPornografie „Porno-Sucht ist Panikmache“

Von Steve Przybilla 

Die Amerikanistin Madita Oeming spricht über ihr Seminar im Fach „Porn Studies“ und über konservative Moralvorstellungen.

Madita Oeming forscht hin und wieder auch im realen Leben – hier bei einem Spaziergang über die Hamburger Reeperbahn Foto: Steve Przybilla
Madita Oeming forscht hin und wieder auch im realen Leben – hier bei einem Spaziergang über die Hamburger Reeperbahn Foto: Steve Przybilla

Stuttgart/Paderborn - Madita Oeming hat einen ungewöhnlichen Job: Die Amerikanistin erforscht die Wirkung und Wahrnehmung von Pornografie – und lehrt „Porn Studies“. Im Interview erzählt sie, was es damit auf sich hat.

Frau Oeming, wie viele Ihrer E-Mails landen im Spam-Ordner?

Das passiert immer wieder. Es wird vor allem dann zum Problem, wenn das Wort in der Betreffzeile auftaucht – und das passiert oft. Da habe ich leider noch keine Lösung gefunden, wie ich das meinem E-Mail-Programm erklären kann. (lacht)

Wie sind Sie darauf gekommen, Pornos zu erforschen?

Die Frage wird mir häufig gestellt. Da besteht wohl die Hoffnung, dass es eine schmutzige Geschichte gibt. In Wahrheit bin ich zufällig darauf gestoßen. Bei meiner Recherche zu einer Hausarbeit über „Moby Dick“ bin ich auf Pornografisches gestoßen. Irgendwann habe ich auf einen Link geklickt und war verloren im Wissensdurst.

Was war denn daran so spannend?

Ich hatte zuvor noch nie mit meiner wissenschaftlichen Gehirnhälfte einen Porno angeguckt. Auf einmal hatte ich Tausende Fragen. Und ich habe gemerkt, dass auch andere Menschen dazu forschen – allerdings eher im amerikanischen Raum. Die Wiege der „Porn Studies“ liegt in Kalifornien, begründet durch die Filmwissenschaftlerin Linda Williams.

Wie muss man sich ein Seminar in „Porn Studies“ vorstellen?

Wenn 40 Studierende mit der Dozentin Pornos gucken, ist das natürlich erst mal merkwürdig. Aber man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran. Ich achte darauf, dass ich mit etwas einsteige, was leichter zu verdauen ist. Wir sitzen auch nicht einfach in einem dunklen Raum und schauen 90 Minuten lang schweigend Pornos. Ich verpacke es in zumutbare Häppchen, die wir gemeinsam analysieren.

Warum sind Pornos eigentlich so beliebt?

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Wenn wir alle unsere sexuellen Fantasien ausleben würden, hätte Pornografie keine Wirkungsmacht mehr.“ Auch Hollywood agiert nach diesem Ansatz: Sie bringen uns in eine Welt, die anders ist als unsere Lebensrealität. Pornos machen das Gleiche. Aber man kann die Frage auch pragmatischer beantworten: Wir schauen sie, um uns schnell zu erregen, zu masturbieren oder etwas über Sexualität zu lernen.

Dafür braucht es Pornos? Ist Sex nicht präsenter denn je?

Das denkt man schnell, aber je spezifischer es wird, desto weniger verbreitet sind fundierte Informationen. Wenn ich wissen möchte, wie ich mit einem Umschnall-Dildo richtig penetriere, ist es gar nicht so leicht, etwas Hilfreiches zu finden. Das geht im Porno wesentlich schneller – auch wenn ein Porno nie dafür gemacht wurde, Aufklärungsarbeit zu leisten. Und das wiederum ist ein Problem.

Warum?

Weil es keine ausreichende Sexualkunde gibt, die junge Menschen nicht nur über die Gefahren, sondern auch die Lust beim Sex aufklärt. So werden Pornos in diese Rolle gedrängt, sind dafür aber überhaupt nicht geeignet. Pornos sind Unterhaltung, Fantasie, Fiktion. Sie sollten keinen Bildungsauftrag haben.

In Ihrer Doktorarbeit beschäftigen Sie sich mit Pornosucht. Was untersuchen Sie?

Ich versuche darzustellen, dass sie ein Mythos ist. Da geht es mir um den Diskurs, wie wir über Pornos sprechen, welche Ängste damit verbunden sind.

Das heißt, es gibt gar keine Pornosucht?

Das ist natürlich eine steile These, die ich so nicht aufstellen kann. Ich bin keine Ärztin. Aber als Kulturwissenschaftlerin kann ich sagen, dass wir es mit Panikmache zu tun haben, mit einem pseudo-medizinischen Ansatz, mit konservativen Moralvorstellungen, wie Sex zu sein hat. Das merkt man allein daran, wie stark sich die Kirche und rechte Gruppen in die Debatte einmischen, vor allem in den USA.

Was meinen Sie?

Wenn ich Berichte von Menschen lese, die sich als pornosüchtig beschreiben, ist das Problem fast immer Scham und fehlende Kommunikation. Sie berichten, heimlich Pornos zu schauen. Oder online Sehnsüchten nachzugehen, die sie sich nicht trauen, auszusprechen. Das tut keiner Beziehung gut, aber daran sind nicht die Pornos schuld. Das Thema ist wahnsinnig komplex, aber die öffentliche Unterhaltung darüber geht in die falsche Richtung.

Was würden Sie denn jemandem raten, der exzessiv Pornos schaut?

Helfen könnte man vermeintlich Betroffenen mit einem offenen Dialog über Sex – damit, ihnen zu sagen, dass sie völlig normal sind, statt sie als krank zu labeln und Masturbationsabstinenz zu verschreiben, wie es gerade oft passiert.

Ist Pornografie überhaupt noch ein Tabu?

Sie ist definitiv noch tabuisiert. Es wird oft von der Pornofizierung des Alltags gesprochen, aber alleine an den Reaktionen auf mein Forschungsgebiet sehe ich, dass das nicht stimmt. Wenn es wirklich normal wäre, über Pornos zu sprechen, würden die Menschen nicht auf die Weise reagieren, wie sie es tun. Es passiert etwas mit den Menschen, wenn man das Wort „Porno“ benutzt: Scham, Angst, Neugierde, Aufregung.

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