Pornosucht Jugendliche konsumieren Pornofilme immer früher

Den Notschalter legen nicht wenige erst dann um, wenn sich die Sucht in einem Maße auf ihr Leben auswirkt, das sie nicht mehr ignorieren können: Wenn ihre Beziehung zu Bruch geht, wenn sie ihren Job verlieren, wenn sich die sozialen Kontakte einstellen, wenn Schulden oder gar Haftstrafen drohen wegen des Konsums kostenpflichtiger oder illegaler Inhalte. Denn aufgrund des gesellschaftlichen Tabus ist die Pornosucht noch weitaus schambehafteter als eine Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Rund fünf Prozent der Deutschen sind nach Expertenschätzungen von ihr betroffen. Eine offizielle Erhebung dazu gibt es nicht: Als eigenständige Erkrankung ist die Sucht nach Pornografie bisher nicht anerkannt. Erst 2018 soll sie in das weltumspannende Klassifikationssystem für Krankheiten, die ICD-11, aufgenommen werden.

Dabei ist das Phänomen kein neues, sagt Kornelius Roth. Seit 1981 ist er als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie als Suchttherapeut tätig. „Was neu ist, ist, dass die sexuelle Sozialisierung der Digital Natives nun allein im Internet stattfindet. Mit dem frühen In-Kontakt-Kommen zur Pornografie scheitern diese Biografien viel eher als in meiner Generation noch.“

„Jeder Reiz erfordert eine gewisse Reifung“

Tatsächlich erleben Jugendliche ihren ersten Kontakt zu pornografischen Inhaltenimmer früher. Mit durchschnittlich zwölf Jahren sehen schwedische Jugendliche einer Studie der Universität Uppsala zufolge ihr erstes Sexvideo an. Zehn Prozent der Jungen schauen nach eigenen Angaben täglich Sex-Filme, zwei Drittel schauen sie mehrmals im Monat.„Pornografie kann das sexuelle Repertoire erwachsener Paare erweitern. Aber vielen Eltern ist nicht klar, dass sie ihre Kinder nicht einfach vor den Rechner setzen dürfen“, sagt Kornelius Roth. „Jeder Reiz erfordert eine gewisse Reifung, ehe man sich ihm aussetzen kann. Diese Abfolge ist gefährdet durch das Internet.“ Dazu komme, dass die Vorbilder aus dem Netz wenig mit der realen Sexualität zu tun haben. „In Pornofilmen bekommen Jugendliche, die nicht über eigene sexuelle Erfahrungen verfügen, ein unrealistisches Bild vermittelt“, sagt der Therapeut. „Sie selbst können das nicht unterscheiden.“ Dass Sexualpraktiken aus den Filmen später aufs reale Leben übernommen werden, sei Standard – „gerade, wenn man mit ihnen sozialisiert wurde.“

Das beobachtet auch Heike Melzer. „Analsex zum Beispiel war früher exotisch. Heute gehört es für die 18-Jährigen fast zum guten Ton dazu“, sagt sie. „Pornos wecken den Eindruck: Das muss man mal ausprobieren. Das machen ja alle.“ Den Unterschied zwischen Film und Realität zu ziehen, traut die Sexualtherapeutin Jugendlichen durchaus zu. Grund zur Sorge sieht sie dennoch: „Womit wir uns beschäftigen, prägt unser Gehirn und unsere Denkweise.“

Die Folgen: Schlafstörungen, Angstzustände, Herzrhythmusstörungen

Kornelius Roth plädiert aus diesem Grund dafür, Kinder künftig besser vor Pornografie abzuschirmen. Die Medienpädagogik in Deutschland sieht der Suchttherapeut als „rückständig“ an. In der ersten Klasse, meint er, müssten die Lehrer eigentlich die Eltern zusammentrommeln, um sie zum Beispiel darauf hinzuweisen, welches Filter-Software-System sich bewährt habe, um Kinder vor pornografischen und anderen unangemessenen Inhalten zu schützen.

Denn sind die Schäden erst da, dauert es lange, sich von ihnen zu erholen. Etwa drei Monate braucht es, bis sich das Belohnungszentrum eines Süchtigen normalisiert hat; einige Lernprozesse sind nicht mehr umkehrbar. „Man ist allein mit den Folgen – und wenn man das vorher gewusst hätte, hätte man sich vielleicht anders mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Tom. Er leidet unter Schlafstörungen, Angstzuständen, Herzrhythmusstörungen und einer erektilen Dysfunktion. Seine Sozialkontakte beschränken sich auf sporadische Whats-App-Nachrichten, seinen Arbeitsplatz hat er aufgrund der eingeschränkten Leistungsfähigkeit verloren. „Das war für mich der ausschlaggebende Punkt zu sagen: Ich such’ mir professionelle Hilfe.“

Natürlich habe er das Ziel, von der Pornografie wegzukommen, „das ist keine Frage“. Aber nach Jahrzehnten des regelmäßigen Konsums sei das gar nicht so einfach. „Die Pornografie, hat einen großen Teil in meinem Leben eingenommen. Für mich ist das auch eine Methode, um Stress abzubauen“, sagt Tom. „Ich suche im Moment noch nach dem richtigen Anlass, um ganz aufzuhören – und die Zeit vor dem Rechner besser zu nutzen.“

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