Elektrosportwagen Porsche Taycan Die Mitarbeiter in Zuffenhausen üben schon mal

Von  

Streng geheim wird bei Porsche die Fertigung des ersten Elektroautos Taycan aufgebaut. Michael Bärlin zählt zur Pioniermannschaft, die statt Sportwagen mit Verbrenner nun Elektrofahrzeuge herstellt.

Michael Bärlin in der Pilothalle von Porsche im Stammwerk Zuffenhausen. Foto: Porsche
Michael Bärlin in der Pilothalle von Porsche im Stammwerk Zuffenhausen. Foto: Porsche

Stuttgart - Die Pilothalle von Porsche in Zuffenhausen ist eigentlich für Journalisten tabu. Vor ein paar Jahren wurde in dieser Halle der exklusive Porsche 918 Spyder, der fast 770 000 Euro kostete, zusammengebaut. Dieser Super-Sportwagen mit Hybridantrieb war ein Leuchtturmprojekt für Porsche. Heute wird in der Pilothalle streng geheim der Start eines Sportwagens vorbereitet, der noch viel wichtiger für Porsche ist als damals der 918 Spyder. Hier wird Schritt für Schritt die Produktion des Porsche Taycan, des ersten vollelektrischen Seriensportwagens der Marke mit dem Stuttgarter Rössle, entwickelt. Weil die riesige Montagehalle, in der das Elektromobil später einmal auf mehreren Stockwerken gefertigt wird, noch im Rohbau ist, werden in der Pilothalle die einzelnen Fertigungsschritte aufgebaut und geübt. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse über Verbesserungsmöglichkeiten fließen direkt in die letzte Phase der Entwicklung des Taycan ein.

Ein klassisches Fließband wird es bei der Fertigung des Taycan nicht geben

Ausnahmsweise öffnet sich an diesem Tag die schwere Tür der Pilothalle – für ein Gespräch mit Michael Bärlin, einem erfahrenen Porscheaner, der zu den ersten Mitarbeitern gehört, die statt Autos mit Verbrennungsmotor nun reine Stromer herstellen. In der Pilothalle werden derzeit noch Vorserienfahrzeuge zusammengebaut. Wie die Produktionslinie später einmal aussehen wird, ist bis jetzt nur schematisch mit bunten Vierecken auf dem Bildschirm des Laptops von Bernd Würsching zu sehen, dem Projektleiter für die Montage des Taycan. Der wurde in den vergangenen Jahren unter dem Codenamen „Mission E“ entwickelt. Würsching hat dort auch den genauen Zeitplan für die Vorbereitung der Serienproduktion.

Noch braucht man viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Fertigungslinie später einmal real aussehen wird. Doch es ist schon zu erkennen, dass einiges ganz anders laufen wird als bisher. Ein klassisches Fließband wird es in der neuen Montagehalle nicht geben. Schwarz lackierte Karossen fahren bereits heute als Novum in der Pilothalle auf blinkenden fahrerlosen Transportsystemen entlang der Montagelinie. Zudem sind Karossen in kreisrunden Gehängen befestigt, die sich sowohl in der Höhe als auch in der Position verstellen lassen, bis der Wagen aus der Horizontalen um 90 Grad gedreht ist. So können die Beschäftigten ohne Verrenkung aufrecht stehend am Unterboden arbeiten.

Durch dicke Kabel fließt beim E-Auto Strom mit einer Spannung von 800 Volt

Einige Meter weiter befestigen Montagemitarbeiter Kabel im Wagen, prüfen, ob die Länge stimmt und die Stecker passen. Auffällig sind dicke orangefarbene Kabel, in denen Strom mit einer Spannung von 800 Volt fließt. „Wer hier nicht absolut geschult professionell vorgeht, lebt gefährlich“, sagt Michael Bärlin. Jeder direkte Kontakt mit dem Strom ist „hundertprozentig tödlich“, erläutert der Kfz-Elektriker und zieht die Augenbrauen nach oben, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Michael Bärlin ist ein schwäbischer Schaffer, wie er im Buche steht. Auf der rechten Brustseite seines roten T-Shirts steht sein Name, auf der linken „Porsche“. Bärlin ist in Marbach am Neckar geboren und wohnt auch heute in einem Dorf in der Nähe der Schiller-Stadt. Er stammt aus einer Bauernfamilie, hilft ab und zu dem Bruder, der Pferde besitzt, hat Familie, drei Kinder, zwei davon im Teenager-Alter, fährt gern Motorrad, wie er erzählt, hat Haus und Garten, ist schon lange aktives Mitglied bei der freiwilligen Feuerwehr. Bärlin bewarb sich nach seinem Realschulabschluss bei Porsche um einen Ausbildungsplatz als Kraftfahrzeugelektriker. Anfang 1990 begann er seine Lehre und musste miterleben, wie Porsche bald in eine gefährliche Krise rutschte. Die Produktion stand still, der Sportwagenbauer kämpfte ums Überleben. Doch das ist Geschichte. Heute fährt Porsche mit dem Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume von Rekord zu Rekord.

Erfahrung mit Hochvolttechnik hatte Bärlin schon vom Porsche 918 Spyder

Michael Bärlin kümmerte sich in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Kollegen als Kfz-Elektriker in der Montage darum, dass Fehler möglichst noch am Band behoben wurden. Er habe bei gewissen Aufgaben auch den Meister vertreten, sagt Bärlin. Und warum hat er diese sichere Position aufgegeben und nun etwas ganz Neues gewagt? Er sei jetzt 45 und habe überlegt, wie es weitergehen soll bis zur Rente, erzählt Bärlin. Das Projekt habe ihn gereizt: ein komplett neues Auto, eine komplett neue Strategie mit dem reinen Elektroantrieb. Erfahrung mit der Hochvolttechnik hatte er schon vom Porsche 918 Spyder. „Da hat man gesehen, da tut sich noch einiges, da ist noch viel Potenzial drin, wo man sich als Elektriker einbringen kann. Das war für mich ausschlaggebend zu sagen: Okay, ich werfe meinen Hut in den Ring“, sagt Bärlin.

Für ihn bringe das neue Elektroauto keine riesige Veränderung, meint der Porsche-Mann. „Es hat vier Räder, ein Lenkrad, die elektronischen Assistenzsysteme sind ähnlich, zum Teil auch gleich wie bei den heutigen Sportwagen“, sagt Bärlin. Grundlegend unterscheide sich der Wagen natürlich durch den reinen E-Motor, die große Batterie und den Wegfall von Verbrennungsmotor und Tank, ansonsten sei es im Prinzip ein ähnliches Fahrzeug wie die Wagen, die heute produziert werden.

Um am Ball zu bleiben, muss man sich fortlaufend weiterbilden

Auch die Schulungen für das neue Fahrzeug seien ihm nicht schwergefallen. Schon in der Vergangenheit habe er immer wieder Seminare besucht, weil sich die Technik in seinem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert habe, und auch beim Wechsel der Modelle sei immer wieder etwas Neues obendrauf gekommen. „Um da am Ball zu bleiben, muss man sich fortlaufend weiterbilden. Als Elektriker muss man offen für Veränderungen sein, sonst kann man den Beruf nicht ausüben“, sagt Bärlin. Auch beim E-Auto werde er grundsätzlich die gleiche Aufgabe haben wie bisher: „Wenn etwas nicht hundertprozentig funktioniert, muss ich die Ursache herausfinden, die Störung beheben und eine Rückmeldung an denjenigen geben, der das Problem verursacht hat, etwa den Lieferanten“, erläutert Bärlin.

Obwohl Studien davor warnen, dass durch den Wandel vom Verbrenner zum Elektroantrieb zahlreiche Arbeitsplätze in der Autoindustrie gefährdet sein könnten, zeigt sich Bärlin nicht besorgt – zumindest nicht für Porsche. Das Elektroauto habe zwar weniger Teile, der Elektromotor und die Batterie seien jedoch sehr aufwendig. Zudem habe die neue Montagehalle genauso drei Etagen wie die bisherigen Produktionslinien für die Autos mit Verbrennungsmotor. „Ich glaube, hier im Hause wird es nicht weniger Arbeit geben“, sagt Bärlin und hat dabei wohl auch die Pläne seines Arbeitgebers im Hinterkopf. Für die Produktion des Taycan soll die Mannschaft bei Porsche deutlich aufgestockt werden. Insgesamt sollen Schritt für Schritt rund 1200 Männer und Frauen eingestellt werden.

Michael Bärlin werde bei diesem Personalaufbau eine wichtige Rolle als „Multiplikator“ spielen, sagt der Montage-Projektleiter Würsching. „Durch seine Erfahrung, seine Kenntnisse, aber auch durch seine Fähigkeit, andere zu unterweisen, kann er die intensive Schulung neuer Mitarbeiter gut unterstützen“, erklärt Würsching.

Unsere Empfehlung für Sie