Porsche Grand Prix in Stuttgart Hass und Tränen – wie der russische Krieg die Tenniswelt spaltet

Muss sich auch in Stuttgart erklären: die Belarussin Aryna Sabalenka Foto: Paul Zimmer

Auch wenn keine Ukrainerinnen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart aufschlagen, ist das angespannte Verhältnis innerhalb der Szene spürbar. Die Belarussin Aryna Sabalenka findet deutliche Worte.

Sport: Gregor Preiß (gp)

Kürzlich fiel Thomas Bach mit einem eigentümlichen Statement auf. Es ging um die Rückkehr russischer und belarussischer Athleten in das internationale Sportsystem. Als Legitimation für den Schritt des Internationalen Olympischen Komitees nannte der IOC-Präsident die Tennisszene. Dort funktioniere die friedliche Koexistenz zwischen Ukrainern, Russen und Belarussen doch ganz hervorragend. Wo also sei das Problem?

 

Offensichtlich hat sich einer der mächtigsten Männer des Sports zuletzt nicht viel auf den Tennisanlagen dieser Welt herumgetrieben. Denn von Harmonie zwischen den in den russischen Angriffskrieg verwickelten Nationalitäten kann keine Rede sein. Die Ukrainerin Marta Kostjuk brach kürzlich nach ihrem Sieg gegen die Russin Warwara Gratschowa weinend zusammen und verweigerte ihrer Gegnerin den Handschlag. Ihre Landsfrau Lessja Zurenko trat gegen die Belarussin Aryna Sabalenka gar nicht erst an. Sabalenka wiederum sprach hernach von Hass, der ihr in der Umkleidekabine entgegenschlage.

Friedliche Koexistenz? Nun, in dieser Woche schlägt die Weltelite in Stuttgart auf. Nach allem, was man hört, musste die Sportliche Leiterin Anke Huber bisher zumindest zu keiner Schlichtung in die Umkleide gerufen werden. Der Umstand, dass keine Ukrainerin im Einzel am Start ist, führt zu einer gewissen Milderung der atmosphärischen Spannungen. Schon beim nächsten Turnier könnten sie sich aber fortsetzen. Zu Beginn der Woche von Stuttgart gab Sabalenka einen Einblick in ihre Gefühlswelt. „Es ist ein blödes Gefühl, nur aufgrund seiner Herkunft komisch angeschaut zu werden. Es ist auch Hass dabei. Das ist bitter, aber ich kann es nicht ändern.“ Namen nannte die 24-Jährige keine, doch machten ihre Ausführungen klar, dass der Krieg innerhalb der osteuropäisch geprägten Tennisszene sehr wohl ein Thema ist. „Die Atmosphäre ist ziemlich angespannt“, berichtete auch Iga Swiatek, die Weltranglistenerste aus Polen.

Belarussin Sabalenka spürt auch Hass gegen sich

Die Tennisverbände WTA (Frauen) und Männer (ATP) haben sich von Anfang gegen einen Ausschluss von Spielerinnen und Spielern aus Russland und dem verbündeten Belarus entschieden. Als diskriminierend wurde die Forderung abgelehnt. Seither touren Sabalenka und Co. unter neutraler Flagge über die Tennisplätze dieser Welt. So auch beim Porsche-Grand-Prix in Stuttgart.

Eingespannt von Diktator Lukaschenko

„Es ist die Entscheidung der WTA, und da stehen wir als Turnier dahinter. Die einzelne Spielerin kann man meiner Meinung nach auch nicht infrage stellen“, sagt Anke Huber. Eine Argumentation, hinter der sich die betreffenden Spielerinnen gerne versammeln.

„Ich bin nur eine Sportlerin, mit Politik habe ich nichts am Hut“, sagte Sabalenka. Fast flehentlich fügte sie hinzu: „O. k., ich komme aus Belarus – aber was kann ich dafür?“ Dass sie kürzlich in einer Rede von Diktator Alexander Lukaschenko zum Opfer eines Propagandakrieges stilisiert wurde, machte sie in der Presserunde von Stuttgart kurz sprachlos. „Was soll ich dazu schon sagen? Wenn Ukrainer:innen mich nach der Rede noch mehr hassen – bitte, sollen sie.“

Zumindest das Stuttgarter Publikum ist der Vorjahresfinalistin wohlgesinnt. Es erfreut sich am Tennisspektakel und an ihrem impulsiven Spiel. Der Krieg? In diesem Moment weit weg. Weder gibt es Pfiffe noch Plakate. Auch Ukraine-Flaggen hängen in der Porsche-Arena keine.

Und doch ist die russische Agitation und der Umgang der Sportwelt damit omnipräsent. Nach dem Aufreger um Anastasia Potapowa, die in Indian Wells im Trikot ihres Lieblingsclubs Spartak Moskau auf den Platz erschienen und von der WTA verwarnt worden war, wurde ihr erster Auftritt in Stuttgart mit Spannung erwartet. Doch die Russin bot keine erneute Angriffsfläche.

Keine neuen Angriffsflächen

Genauso Elena Rybakina. Als die Wimbledon-Siegerin von 2022 nach ihrem Erstrundensieg auf das konfliktträchtige Thema angesprochen wurde, gab sich die gebürtige Russin und jetzige Kasachin schmallippig. „Es ist richtig, dass sie auf der Tour spielen dürfen. Restriktionen gibt es ja schon.“ Gemeint war das Auftreten unter neutraler Flagge, wovon die für Kasachstan antretende Russin gar nicht betroffen ist. 2018 hatte sie der besseren Fördermöglichkeiten wegen den Verband gewechselt. Für ihren Wimbledon-Sieg wurde Rybakina aus aller Welt beglückwünscht, auch aus Russland. Hinterher musste sie sich prompt rechtfertigen.

Mit ihrer Forderung, die WTA hätte Spielerinnen aus Russland von Beginn des Kriegs an von der Tour verbannen sollen wie nach dem Zweiten Weltkrieg Deutsche, hat sich Swiatek nicht nur Freundinnen gemacht. Nach ihrem Achtelfinalsieg legte die Polin nach: „Es ist alles so verwirrend. Nur in der Ukraine ändert sich nichts. Städte werden weiter bombardiert, und Menschen verlieren ihr Leben. Es ist herzzerreißend.“ Sabalenka entgegnete: „Wenn ich könnte, würde ich den Krieg stoppen.“ Es klang wie ein Basta unter all die Diskussionen.

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