Porsche in der Corona-Krise „Wir fahren gedrosselt an“

Porsche-Produktionschef Albrecht Reimold steht vor Herausforderungen, wenn der Autobauer ab Montag wieder produziert. Foto: Lichtgut/Jan Reich

Ab Montag fährt der Autobauer Porsche die Produktion nach der Zwangspause zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie wieder hoch. Produktionschef Albrecht Reimold ist optimistisch, dass der Anlauf gut verlaufen wird. Entscheidend sei aber, wie sich die Lage auf den großen Märkten entwickeln wird.

Stuttgart - Sechs Wochen lang hatte die Produktion bei dem Stuttgarter Autobauer Porsche wegen der Coronavirus-Pandemie stillgestanden. Ab Montag werden die Bänder wieder laufen – allerdings nur langsam und mit umfangreichem Gesundheitsschutz. Wie der Anlauf funktionieren wird, wie es mit der Kurzarbeit in den Werken weitergeht und wie der Autobauer in die Zukunft blickt, erklärt Porsches Produktionsvorstand Albrecht Reimold im Interview.

 

Herr Reimold, bei Porsche sind die Bänder nun sechs Wochen lang gestanden. Wie sieht Ihr Plan für den Wiederanlauf der Produktion aus?

Ab Montag werden wir in unseren Werken wieder Sportwagen bauen. Zunächst starten wir in Zuffenhausen mit dem Karosseriebau, am Dienstag folgt die Lackiererei. So geht es Schritt für Schritt weiter. Am Mittwoch läuft schließlich zum ersten Mal auch die Montage wieder.

Porsche hat auch Kurzarbeit beantragt. Wie viele Mitarbeiter haben während der Zwangspause in der Produktion nicht gearbeitet, wie viele fangen jetzt wieder an?

In Summe war etwa ein Drittel der Porsche-Belegschaft betroffen. Nicht alle waren in Kurzarbeit, wir haben auch Arbeitszeitkonten und Resturlaub abgebaut. In Zuffenhausen waren mehr als 7000 Mitarbeiter aus dem Produktionsbereich zuhause, die nun sukzessive wieder zur Arbeit kommen. Im Leipziger Werk betraf die produktionsfreie Zeit mehr als 3000 Mitarbeiter.

Gibt es beim Anlauf Unterschiede zwischen den Werken in Stuttgart und in Leipzig?

Konzeptionell ist alles gleich. Zwischenzeitlich hatten wir überlegt, unterschiedlich zu starten. Unsere Zulieferer haben aber nun überall einen ähnlichen Zeitpunkt genannt, sodass wir zeitgleich beginnen. Nur im VW-Werk in Bratislava ist die Produktion des Cayenne bereits diese Woche wiederangelaufen, allerdings in einer geringen Stückzahl aufgrund von Engpässen bei der Versorgung mit Teilen. Problematisch sind unter anderem noch die Lieferketten mit Italien, da dort bis zum 3. Mai noch nicht produziert werden darf.

Der europäische Automobilverband Acea hatte gefordert, dass die Autoproduktion in Europa gleichzeitig hochgefahren werden soll, weil nur so Engpässe vermieden werden können. Jetzt macht jedes Land mehr oder weniger sein eigenes Ding. Hat die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen zu wenig Einfluss auf die Länder genommen?

Die Pandemie hat jedes Land unterschiedlich stark getroffen. Selbst in Deutschland ist der Süden stärker betroffen als der Norden. Eine abgestimmte Vorgehensweise in Europa wäre natürlich wünschenswert. Die Voraussetzungen dafür waren aber nicht gegeben. Für uns hat das etwas mehr Planungsaufwand bedeutet, weil wir uns mit den einzelnen Lieferanten in Frankreich, Spanien oder Italien abstimmen mussten. Aber die unterschiedlichen Ausprägungen der Pandemie erfordern eben unterschiedliche Maßnahmen.

Haben Sie Lieferanten finanziell stützen müssen, weil denen das Geld ausgegangen ist?

Ja, auch das gibt es. Bei Porsche pflegen wir kooperative Partnerschaften. Da erfährt man sehr schnell von einer finanziellen Notlage und dann steht man auch zusammen, wie in einer Familie. Mein Vorstandskollege Uwe-Karsten Städter, der die Beschaffung leitet, kümmert sich intensiv um solche Fälle. Teilweise haben wir Firmen unterstützt, manchmal konnten wir nicht helfen. Letzteres betraf aber nicht Hersteller von Bauteilen, sondern Lieferanten von Fertigungsanlagen. Beides stellt uns vor große Herausforderungen.

VW, Skoda und Audi produzieren seit dieser Woche wieder, Porsche ist im VW-Konzern eine der letzten Töchter, die wieder starten. Wieso ist Porsche so spät dran?

Alle Marken starten Schritt für Schritt. Wir hatten insbesondere einen Mangel an systemrelevanten Teilen für einzelne Baureihen und halten nur noch eine geringe Vorräte vor. Anders gesagt: Ohne Bremsen kann man keine Sportwagen bauen. Wir wären gerne früher gestartet, das war leider nicht möglich.

Bis wann wollen Sie wieder Ihr normales Produktionsniveau erreicht haben?

Das ist schwer zu sagen. Wir produzieren jetzt unter anderen Bedingungen. Bei den Arbeitsplätzen in der Produktion gilt grundsätzlich ein Abstand von 1,50 Metern. Da dieser Abstand nicht immer eingehalten werden kann, arbeiten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in definierten Bereichen mit Mund-Nase-Schutz. In den nächsten ein bis zwei Monaten fahren wir langsam aber sicher wieder hoch. Wir müssen noch Erfahrungen sammeln, bevor wir abschätzen können, wann wir wieder auf dem alten Niveau zurück sind.

Die Mitarbeiter müssen nun Mundschutz tragen, es gibt weitere umfangreiche Vorgaben zum Schutz der Gesundheit. Dieser Zustand könnte noch sehr lange dauern. Wie sehr bremst das die Produktion?

Bei Porsche steht der Mensch im Mittelpunkt. Das bedeutet, dass wir die Mitarbeiter nicht überfordern. Wir fahren mit gedrosselter Geschwindigkeit, um zu sehen, wie sie damit klarkommen. Ein Chirurg ist es gewohnt, mit Maske zu arbeiten. Wir lernen das noch. Und wenn es Sorgen seitens der Belegschaft gibt, werden wir reagieren. Bislang sind unsere Erfahrungen aber sehr gut.

Gibt es spezielle Regeln für Essenspausen?

Wir haben den kompletten Arbeitstag beleuchtet – den Weg zur Arbeit, das Betreten des Werks, die Pausen, den sicheren Nachhauseweg. Die Plätze in der Kantine sind deutlich reduziert worden, damit der Abstand eingehalten werden kann. Außerdem gibt es nur abgepacktes Essen. Die Mitarbeiter, die das Essen ausgeben, sind auch entsprechend geschützt. Wir sorgen zudem mit gestaffelten Pausenzeiten dafür, dass jeder genug Platz hat.

Wie stellen Sie sicher, dass niemand krank zur Arbeit kommt?

Bei uns wird es kein Fiebermessen am Werkstor geben. Wir appellieren an ein gegenseitiges, vertrauensvolles Aufeinander-Achtgeben. Alle Mitarbeiter erhalten Verhaltensrichtlinien, die das Miteinander regeln. Darin steht, was zu tun ist, wenn man sich morgens schlecht fühlt oder bestimmte Symptome auftreten: Bitte zuhause bleiben. Aus unserer Sicht ist das der bessere Weg. Er funktioniert in den ersten Tests sehr gut. Fahrgemeinschaften sollen nur noch mit maximal zwei Personen kommen und direkt mit Mund-Nase-Schutz.

Inwiefern ist der Anlauf der Produktion beeinträchtigt, weil Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt oder in Quarantäne sind, weil sie Kontakt mit Erkrankten hatten?

Direkt nach dem Auftreten in China haben wir einen interdisziplinären Expertenkreis gegründet und uns von Anfang an schnell gekümmert. In den vergangenen Wochen gab es auch bei Porsche einige wenige Corona-Erkrankte. Einen schweren Verlauf hatte bisher zum Glück niemand. Aktuell sind nahezu alle wieder gesund.

Virologen warnen davor, dass im Herbst eine weitere Corona-Welle kommen könnte. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?

Aus eigener Erfahrung sage ich: Entscheidend ist das eigene Verhalten. Wenn sich alle Menschen an die grundlegenden Schutzmaßnahmen halten – Abstand halten, geordnetes Husten und Niesen, regelmäßiges Händewaschen –, dann ist das Virus beherrschbar. Wenn wir undiszipliniert und leichtsinnig sind, könnte es eine zweite Welle geben. Innerhalb unserer Werkstore haben wir umfangreiche Maßnahmen und Maßgaben erarbeitet, wie wir das verhindern.

Wann Sie wieder normal produzieren können, wird auch maßgeblich davon abhängen, ob die Kunden zurückkehren oder in der Krise lieber auf den Kauf eines neuen Autos verzichten.

Unser Fundament ist hervorragend. In den letzten Jahren haben wir stark an der Erweiterung des Produktportfolios gearbeitet. Unser erster rein elektrisch betriebener Sportwagen, der Porsche Taycan, ist erst kürzlich Auto des Jahres 2019 geworden. Die Auftragsbestände sind gut. Besonders freut uns, dass kein Kunde in den vergangenen Wochen vom Kauf zurückgetreten ist. Die Lage auf unseren drei wichtigsten Märkten ist aber stark unterschiedlich.

Worin liegen die Unterschiede?

Das Geschäft auf unserem größten Markt China ist wieder angelaufen, die Nachfrage ist gut und gibt uns Hoffnung. Europa und die USA sind noch im Krisen-Modus. Wir sind optimistisch, dass sich die Märkte für Porsche wieder gut entwickeln werden. Vergangene Rezessionen zeigen allerdings, dass die Käufer von Premiumfahrzeugen in schwierigen Zeiten auch manchmal zurückhaltend reagieren. Für Prognosen ist es noch zu früh. Aus heutiger Sicht trauen wir uns zu, den Hochlauf gut zu meistern und im zweiten Halbjahr wieder in einen vernünftigen Modus zu kommen.

Sie sagen, kein Taycan-Käufer sei abgesprungen, aber trotzdem konnten Sie jetzt sechs Wochen keine Wagen produzieren. Sind Sie flexibel genug, um den Ausfall bis zum Jahresende wieder aufzuholen?

Ich wäre kein guter Produktionschef, wenn ich nicht alle Hebel in Bewegung setzen würde, um so viel wie möglich wieder aufzuholen. Konkret bedeutet das, dass wir alle Möglichkeiten der Arbeitsorganisation nutzen, um möglichst viele Fahrzeuge zu produzieren. Darüber sprechen wir gerade mit dem Betriebsrat, mit dem wir auch die aktuellen Maßnahmen eng abgestimmt haben.

Es gab kürzlich viel Kritik an der hohen Mitarbeiter-Prämie bei Porsche für das Jahr 2019. Wie stehen Sie dazu? War die Prämie angemessen?

Porsche hat vergangenes Jahr neue Bestmarken bei Umsatz und Absatz erreicht. Die freiwillige Sonderzahlung wurde bereits Anfang des Jahres mit dem Betriebsrat vereinbart und ist eine Anerkennung für diese Mannschaftsleistung. Wir haben unseren Mitarbeitern damit auch Kaufkraft gegeben und setzen sozusagen konjunkturelle Impulse. Das Geld wird wieder ausgegeben, es kommt Handwerkern und anderen Mittelständlern zugute. Zudem haben wir die Zahlung mit einem Spendenaufruf verbunden. Und natürlich fließt ein guter Teil davon auch wieder in die Steuerkasse.

Es werden auch Forderungen laut, in der Krise sollten die Manager ein Zeichen setzen und auf Teile ihrer hohen Vergütung verzichten. Wie sieht es damit bei Porsche aus?

Der Vorstand von Porsche engagiert sich persönlich. Für mich ist klar: Wer gut verdient, muss auch seinen Beitrag leisten und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wir haben 500 000 Euro gespendet. Zusätzlich hat das Unternehmen seine Spendensumme um fünf Millionen Euro erhöht. Wir haben auch an unsere Mitarbeiter appelliert, einen Teil der Prämie zu spenden und verstärkt ehrenamtlich mit anzupacken. Solidarität und soziales Engagement sind für Porsche selbstverständlich.

Es ist auch kritisiert worden, dass Porsche als einer der profitabelsten Autobauer der Welt, der hohe Prämien zahlen kann, Kurzarbeit beantragt hat und damit die Sozialkassen anzapft. Passt das zusammen?

Diese Diskussion muss man versachlichen. Die freiwillige Sonderzahlung honoriert die Mannschaftsleistung in 2019. Porsche und unsere Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren viel Geld in die Sozialkassen eingezahlt – sozusagen als Versicherung. Es ist nur gerecht, dass sie in der aktuellen Situation Geld aus diesen Kassen erhalten. Wir leisten unseren Beitrag für die Gesellschaft und stehen für solidarisches Handeln. Im Übrigen, das möchte ich nochmals betonen, sind wir mit der Kurzarbeit sehr verantwortungsvoll umgegangen, denn zwei Drittel unserer Belegschaft hat unverändert gearbeitet.

Bis wann haben Sie Kurzarbeit angemeldet?

Bislang nur für den Monat April. Im Mai streben wir an, keine Kurzarbeit mehr anzumelden. Unser derzeitiger Planungsstand sieht nicht vor, dass größere Teile der Arbeit wegfallen und wir in der Folge auch keine Kurzarbeit benötigen. Wir wollen die Produktion wieder hochfahren, wieder Sportwagen bauen und wieder Geld verdienen.

Sie werden beim Hochfahren der Produktion in den kommenden Monaten aber nicht alle Mitarbeiter voll beschäftigen können.

Nein, hier und da nicht. Aber wir können unsere Mitarbeiter sinnvoll beschäftigen und beispielsweise Qualifizierungsmaßnahmen durchführen. Wir stehen zu den CO2-Zielen, setzen unsere Nachhaltigkeitsstrategie konsequent fort und investieren bis 2024 zehn Milliarden Euro in Zukunftstechnologien. Dafür müssen wir die Mitarbeiter weiterbilden und auf neue Arbeitsabläufe vorbereiten. Wir versuchen, diese Krise als Chance zu nutzen.

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