Porsche-Landhaus auf dem Killesberg In dieser Stuttgarter Villa wurde der VW Käfer erfunden

, aktualisiert am 04.01.2026 - 13:19 Uhr
Wohnhaus, Büro, Werkstatt: Zwei Prototypen des „KdF-Wagens“, Vorläufer des VW Käfer, vor der von Paul Bonatz gebauten Porsche-Villa am Feuerbacher Weg in Stuttgart. Foto: Unternehmensarchiv Porsche AG

Vorstandsvilla, Familiendomizil, Behelfswerkstatt: Die Porsche-Villa auf der Feuerbacher Heide am Killesberg spiegelt Automobilgeschichte. Wir zeigen, wie es drinnen aussieht.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Das Baugesuch vom 26. April 1923 trägt große Namen. Ferdinand Porsche hat als Auftraggeber unterschrieben, daneben stehen Paul Bonatz und dessen Partner Eugen Scholer. In der sonst akkuraten Bauzeichnung haben die Architekten die rechteckigen Dachgauben zur Gartenseite durchgestrichen und per Hand kleinere Rundgauben eingefügt. So wird es gebaut – und zwar, nach heutigen Maßstäben, blitzschnell.

 

Wohl noch im selben Jahr, das exakte Datum ist nicht bekannt, kann Ferdinand Porsche die Villa auf der Feuerbacher Heide am Killesberg beziehen. Sie wird in den kommenden mehr als 100 Jahren viele Funktionen erfüllen: Familiendomizil, Büro und Entwicklungswerkstatt. Noch heute steht in der Garage die Werkbank, die es schon gab, als hier in den 1930er-Jahren die Prototpyen für Hitlers KdF-Wagen gebaut wurden, die Vorläufer des VW Käfer. Die Tanksäule im Hof hingegen ist verschwunden. Ein Glasschild am Eingangstor sagt: Gästehaus der Dr. Ing. h.c. F. Porsche Aktiengesellschaft.

Eine Heimstatt für Familienmitglieder auf Stuttgart-Besuch

Wenn Wolfgang Porsche, der Aufsichtsratschef des Sportwagenherstellers, oder andere Mitglieder der weit verzweigten Familie in der Stadt sind, übernachten sie hier. Gelegentlich lädt der Vorstand besondere Gäste zum Gespräch am steinernen Kamin. Anders als der 1959 gebaute Alterswohnsitz des früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss auf dem Nachbargrundstück ist die Porsche-Villa nicht öffentlich zugänglich. Im Porsche-Archiv aber ist die Geschichte des Hauses mit vielen Details dokumentiert.

Wolfgang Porsche, Enkel von Ferdinand und Sohn von Ferry Porsche, Aufsichtsratschef der Porsche AG. Das Bild entstand kurz vor seinem 70. Geburtstag im Jahr 2013. Foto: dpa/Christoph Bauer

Ferdinand Porsche, Ingenieur aus dem nordböhmischen Maffersdorf (heute Vratislavice in Tschechien), ist 47 Jahre alt, als er den Bau in Auftrag gibt. Aus Österreich kommend hat er gerade bei der Daimler Motoren-Gesellschaft, einem Vorläuferunternehmen von Daimler-Benz, als Technischer Direktor und Vorstandsmitglied angeheuert. Entsprechend repräsentativ soll die Villa in Stuttgart ausfallen.  Die Gründung eines Konstruktionsbüros, in dem er  unter eigenem Namen seine Ziele verfolgen will, ist noch sieben Jahre entfernt.

Bonatz, der zwölf Jahre zuvor den Wettbewerb für den Stuttgarter Hauptbahnhof gewonnen hat, entwirft ein Gebäude im Landhausstil mit asymmetrischem Satteldach, das auch auf der Nordseite viel Licht einfängt. Es ist einerseits ein bodenständiger Gegenentwurf zur 1909 errichteten klassizistischen Bosch-Villa auf der Gänsheide, ausgeführt „in handwerklichen Traditionen und mit natürlichen Materialien“ (Porsche-Archiv). Andererseits wird die Abgrenzung zur Bauhaus-Moderne deutlich, die vier Jahre später nur einen guten Steinwurf entfernt am Weißenhof eine Blütezeit erfährt. Das berühmte Foto mit den kugelförmigen Prototypen vor der Kulisse des Landhauses kommentiert die Fachzeitschrift „Bauwelt“: „Die Szenerie wirkt wie ein alltagstaugliches Gegenmodell zu Le Corbusiers mit eleganter Autofahrerin avantgardistisch in Szene gesetztem Haus in der Weißenhofsiedlung.“

Es braucht eine große Garage und keine Bibliothek

Das Haus am Feuerbacher Weg 48 spiegelt Porsches Interessen. „Die Welt der Bücher und Musen war ihm fremd“, schreibt der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta. Die Anlage des Anwesens bestätige das: „Es gab in dieser Immobilie keine große Bibliothek des Hauseigentümers, in welcher die literarischen Zeugnisse bürgerlichen Bildungseifers gesammelt wurden. Stattdessen hatte Porsche direkt neben dem Wohnhaus eine geräumige Garage mit angegliederter Werkstatt bauen lassen, um dort nach Ende der Bürotätigkeit nach Herzenslust seinen mechanischen Neigungen nachgehen zu können“, heißt es in Pytas Buch „Porsche – vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke“.

So unstet wie Porsches Vita – der Konstrukteur überwirft sich auf der Suche nach Aufträgen und gestalterischer Freiheit mit diversen Arbeitgebern und sucht opportunistisch die Nähe zu Hitler – verläuft die Geschichte des Hauses. Nach ungutem Abschied von Daimler, einschließlich Streit um Darlehen für den Hausbau, muss er seinen Nachfolger im Daimler-Vorstand als Mieter in die Villa einziehen lassen. Porsche geht zu Steyr nach Österreich, erst nach der Rückkehr 1930 und einer Zahlung von 30 000 Reichsmark an Daimler kann er Haus und Garage wieder in Beschlag nehmen.

Ferry Porsche kehrt zurück – mit einem Büro im Chauffeurshaus

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und das rasche Entnazifizierungsverfahren erlebte die Familie in Zell am See in Österreich. Die Geschäfte führen zuerst nach Gmünd in Kärnten, dann aber doch wieder nach Stuttgart – wohl auch wegen der Familienvilla und einer Fertigungshalle in Zuffenhausen. Der Sohn Ferry Porsche kehrt 1949 als erster in das Haus zurück, das mittlerweile von den Alliierten genutzt wird. Ein provisorisches Büro im Chauffeurshaus wird zur Keimzelle der künftigen Autofabrik. Heute wohnt dort das Ehepaar, das sich um das Gästehaus kümmert.

Mehr als 100 Jahre nach dem Baugesuch zieren zwei prachtvoll blühende Magnolienbäume den Garten. Die mittlerweile als Kulturdenkmal geschützte Villa ist mehrfach renoviert worden – unter anderem vom Bonatz-Schüler Rolf Gutbrod, der später auch Werksteile in Zuffenhausen gebaut hat. Im Innern aber scheint die Zeit kaum vergangen zu sein.

Ein Haus voller Geschichten – einschließlich Überseekoffer

Die Holztreppe in der Eingangshalle und die offenen Deckenbalken im Kaminzimmer geben dem Haus eine rustikal gemütliche Note. Im Herrenzimmer blinken diverse Pokale von Porsche-Rennerfolgen, mehrere Regalmeter nehmen gebundene Ausgaben des Porsche-Club-Magazins „Panorama“ ein. Die Gemälde im Esszimmer sind von Ferry Porsches Schwester Louise Piëch, detailreiche ländliche Szenen. Ein Bild zeigt die Porsche-Villa.

Es ist ein Haus voller Geschichten. Selbst Ferdinand Porsches Überseekoffer stehen noch auf dem Dachboden. Da kriegt sie auch keiner mehr runter. Seit der letzten Sanierung gibt es keine Luke mehr, die groß genug wäre.

Dieser Text erschien erstmals im April 2023.

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