Porsche-Renningenieur Norbert Singer Lebende Legende

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Nach 16 Jahren nimmt Porsche wieder am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teil. Der ehemalige Rennleiter Norbert Singer blickt auf die früheren Erfolge zurück.

Norbert Singer gibt dem Rennfahrer Hans Joachim Stuck gute Tipps. Foto: Porsche
Norbert Singer gibt dem Rennfahrer Hans Joachim Stuck gute Tipps. Foto: Porsche

Stuttgart/Le Mans -

Das Schönste in all den Jahren auf der Rennstrecke von Le Mans war für ihn nicht der Duft des Benzin-Gummi-Gemischs und auch nicht das grandiose Motorengeräusch, wenn die Sportwagen über die Rennstrecke südlich des französischen Ortes brettern. „Der schönste Moment bei dem 24-Stunden-Rennen ist, wenn es endlich vorbei ist“, sagt Norbert Singer. Dann lacht der 74-Jährige so schallend, dass er die auf seiner Nasenspitze thronende Lesebrille festhalten muss.

Norbert Singer sitzt auf einer Holzbank in der Essecke seines Eigenheims in Vaihingen an der Enz. Die kleine Küche schließt sich an, der Bereich zum Wohnzimmer ist offen gehalten. Der Bungalow aus den 1970er Jahren wirkt schwäbisch-bescheiden – so wie der Hausherr. Dabei könnte Norbert Singer mit seinen beruflichen Erfolgen prahlen: Jahrzehntelang war er der Entwicklungsleiter für Rennsportwagen bei Porsche. Mit seiner Arbeit trug er maßgeblich zu den 16 Gesamtsiegen des Autobauers aus Zuffenhausen beim legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans bei, das morgen zum 82. Mal startet. Erinnerungsstücke wie Modellautos, Plakate und Fotos sucht man in Singers Haushalt vergeblich. Der Ingenieur bewahrt die Erinnerungen an die Renntage in seinem Kopf auf.

Es ist Nacht am 14. Juni 1981, 250 000 Zuschauer sitzen entlang der Strecke, die teilweise über abgesperrte Landstraßen verläuft. Die Hälfte der 24 Stunden sind geschafft, der Porsche 936 läuft bis dato tadellos. Als der Bolide an der Box vorbeirast, zerschneidet das Scheinwerferlicht die Dunkelheit, aus den Auspuffrohren schießt ein kurzer Feuerstrahl. Singer schaut nervös auf die Uhr. Wieder ist eine 13,5 Kilometer lange Runde absolviert, für die der Rennwagen etwa vier Minuten benötigt. „Wir sind zehn Sekunden zu langsam unterwegs“, stellt Singer fest. Er weiß nun, dass mit dem Auto etwas nicht stimmt. Singer kennt es so gut wie kein anderer.

Eine Demonstration der Stärke

Ein Rennwagen ist eine hochkomplizierte Konstruktion, doch Singer erkennt sofort: die Reifen haben nicht mehr genügend Haftung. Alle zehn bis 15 Minuten kommt der Porsche ohnehin zum Auftanken an die Box. Also bei der Gelegenheit schnell runter mit den maroden Pneus und frische drauf. Anschließend läuft es wieder rund. Knapp zwölf Stunden später steht der Porsche 936 als Gesamtsieger fest: Mit 4825 gefahrenen Kilometern hat er einen neuen Distanzrekord für den Circuit des 24 Heures aufgestellt – mit 186 Kilometern Vorsprung auf den Zweitplatzierten. Eine Demonstration der Stärke.

Jubel in der Porsche-Box. Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft. Das Technikerteam um Norbert Singer hat ein Auto entwickelt, dass die Konkurrenz locker abhängt. Und das Fahrergespann Jacky Ickx/ Derek Bell war fehlerfrei unterwegs – mit einer Höchstgeschwindigkeit auf der Geraden von 400 Kilometern pro Stunde. „Wir treffen uns dann gleich im Café du Sport“, brüllt einer. Der Besuch des Restaurants gehört für die Porsche-Mitarbeiter zur Le-Mans-Tradition. Dort steht Madame Peschard persönlich am Herd, zu jeder Zeit kocht sie für das schwäbische Team französische Hausmannskost, dazu gibt es jede Menge Rotwein.

Die Müdigkeit beißt Norbert Singer in den Augen. Seit wie vielen Stunden er jetzt auf den Beinen ist? Vor mehr als 24 Stunden hat das Rennen begonnen, zuvor musste er letzte Vorbereitungen am Auto treffen und den Mechanikern viele Fragen beantworten. Zudem hat er in der Nacht auf Samstag vor Aufregung schlecht geschlafen. Aber Madame Peschards vorzügliche Küche und die Glückshormone halten ihn vorerst wach. Ein Jahr lang hat Singer mit seinem Team auf diesen Moment hingearbeitet. Es ist der sechste Gesamtsieg, den der Chefkonstrukteur mit dem Porsche-Team beim bedeutendsten Sportwagenrennen der Welt feiert, am Ende seiner Karriere werden ­16 Le-Mans-Erfolge seine Vita schmücken.

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