Stuttgart - Wenn Lutz Meschke über die Beteiligung von Porsche am kroatischen Start-up Rimac spricht, gerät er ins Schwärmen: „Ich bin begeistert und überzeugt von Mate Rimac und seinem Team“, sagt der Finanzvorstand von Porsche. Die Stuttgarter beteiligten sich 2018 im Rahmen einer Finanzierungsrunde zunächst mit zehn Prozent, stockten dann auf 15 Prozent auf. Jetzt hat der Aufsichtsrat eine Aufstockung der Beteiligung an Rimac Automobili auf 24 Prozent genehmigt. Dafür zahlen die Stuttgarter 70 Millionen Euro.
Der Lebensweg des Gründers Mate Rimac ist ebenso ungewöhnlich wie die Autos, die er baut. Die Familie floh einst vor dem Bürgerkrieg von Bosnien nach Frankfurt, wo Mate Rimac aufwuchs. Nach der Rückkehr in die Heimat machte er eine Art Fachabitur, begann den Eltern zuliebe ein BWL-Studium, das er aber abbrach, um Unternehmer zu werden. Der Technikfreak startete 2009 in einer Garage in Zagreb. Heute beschäftigt sein in Sveta Nedelja bei Zagreb angesiedeltes Unternehmen fast 1000 Mitarbeiter. Mate Rimac hängt an seiner Heimat. Ein fürstliches Angebot des Scheichs von Abu Dhabi lehnte der Gründer ab, weil er dann in das sandige Emirat hätte umziehen müssen.
Ein Elektrosportwagen mit fast 2000 PS
Das junge Unternehmen arbeitet derzeit an einem Supersportwagen, der kurz vor dem Start steht. Der Renner mit der Modellbezeichnung Rimac C Two hat fast 2000 PS, soll in weniger als zwei Sekunden von null auf hundert Kilometer in der Stunde beschleunigen, die Höchstgeschwindigkeit wird mit mehr als 400 km/h angegeben, die Reichweite mit fast 600 Kilometern.
Ist dieses Engagement der Stuttgarter nicht riskant? Weltweit gibt es eine Vielzahl von Start-ups, die mit Stromern experimentieren. Vielen geht das Geld aus, bevor die Wagen in die Showrooms kommen. Was kann ein kroatisches Garagenunternehmen besser als Porsche mit seinen Heerscharen von erfahrenen Ingenieuren im Entwicklungszentrum in Weissach?
Der Porsche-Finanzchef ist begeistert von dem kroatischen Start-up
Rimac sei bei Prototypen und Kleinserien hervorragend aufgestellt, versichert Porsche-Finanzchef Meschke. „Mate Rimac inspiriert uns mit seinen innovativen Ideen. Umgekehrt profitiert er von unserem Know-how in Sachen Produktion und Methodenkompetenz in der Entwicklung“, erläutert Meschke. Auch Stefan Reindl vom Geislinger Institut für Automobilwirtschaft (IFA) findet, dass Rimac gut zu Porsche passt. Der Wissenschaftler weist darauf hin, dass es große technische Unterschiede bei den Elektromotoren und der Batterietechnik für Alltagsautos und für Supersportwagen gebe. Für Porsche sei es wichtig, schnell Zugang zur neuesten Technik zu erhalten. Als Anteilseigner habe Porsche hier bessere Chancen.
Rimac will trotz Partnerschaft eine Armlänge Abstand zu Porsche halten
Rimac wiederum müsse danach streben, seine Elektroantriebe und seine Batterietechnik auch an andere Hersteller zu liefern und damit die Kostenvorteile größerer Stückzahlen zu erreichen. Um die Unabhängigkeit von Rimac zu unterstreichen dürfte Porsche die Beteiligung auf 24 Prozent beschränkt haben. Mit 25 Prozent hätten die Stuttgarter eine Sperrminorität und deutlich mehr Einfluss. Dieses Streben nach einer Armlänge Abstand trotz enger Partnerschaft unterstreicht auch der Gründer. „Da wir viele Autohersteller weltweit als Kunden haben, ist es sowohl für Porsche als auch für Rimac wichtig, dass wir ein völlig unabhängiges Unternehmen bleiben“, sagt Mate Rimac. Der Autobauer vom Balkan hat schon Aufträge für Komponenten von Porsche, Aston Martin und den koreanischen Fahrzeugbauern Hyundai und Kia erhalten.
Porsche will die Sportwagensparte von Rimac mit Bugatti zusammenlegen
Neben der Lieferung von Komponenten gibt es nach Informationen unserer Zeitung auch Pläne, das Sportwagengeschäft von Rimac mithilfe von Porsche mit dem zum VW-Konzern gehörenden Autobauer Bugatti zusammenzulegen. Der frühere VW-Patriarch Ferdinand Piëch kaufte einst Bugatti, um dem Wolfsburger Konzern mehr Glanz zu verleihen. Das habe nicht so richtig funktioniert, urteilt heute der Autoforscher Stefan Reindl. Das Image von Marken wie Audi, Porsche oder VW habe nicht davon profitiert. Auch der finanzielle Beitrag von Bugatti zur Konzernkasse sei trotz exorbitanter Preise von mehreren Millionen Euro pro Auto wohl sehr überschaubar gewesen.
Ein raketengleicher Elektroantrieb von Rimac könnte Bugatti womöglich zu neuer Blüte verhelfen. IFA-Chef Reindl jedenfalls glaubt nicht, dass Bugatti-Käufer dem Verbrenner groß nachtrauern werden, wenn sie ihren Luxuswagen in der elsässischen Bugatti-Manufaktur in Molsheim abholen und nach der Fahrt über den Rhein auf der Autobahn erst einmal das Gaspedal durchdrücken.