InterviewPorsche-Teamchef über Toyota bei Le Mans „Wir machen uns nicht verrückt“

Schnittig: Mit diesem Prototyp will  Porsche den Mythos Le Mans gewinnen. Foto: Porsche
Schnittig: Mit diesem Prototyp will Porsche den Mythos Le Mans gewinnen. Foto: Porsche

Porsche-Teamchef Fritz Enzinger spricht über den starken Gegner Toyota bei den 24 Stunden von Le Mans, den Reiz des Rennklassikers und die Zukunft der Stuttgarter in der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC.

Sport: Dominik Ignée (doi)
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Stuttgart - Fritz Enzinger und Porsche wollen an diesem Wochenende den Le-Mans-Hattrick perfekt machen, Rennstart ist am Samstag (15 Uhr/Eurosport). Nach dem Rennen will der Hersteller entscheiden, ob er in der WEC weitermacht.

Herr Enzinger, sind Sie bereit für den Hattrick in Le Mans?
Ich habe in meinem Hotel das gleiche Zimmer bekommen wie in den beiden Jahren zuvor. Es hat die Nummer 424.
Na, wenn das kein gutes Omen ist.
Wenn es nur so einfach wäre . . .
Diesmal haben Sie nach dem Audi-Ausstieg aber nur noch Toyota als Gegner im Kampf um den Gesamtsieg.
Ein starker Gegner. Hier kämpfen die beiden größten Automobilkonzerne gegeneinander. Wir haben schon in den ersten beiden Rennen gesehen, dass die Japaner ein wirklich schnelles Auto haben. Das ist schon eine harte Nuss, die wir da knacken müssen. Aber wir haben auch ein gutes Fahrzeug, mit dem wir vier 30-Stunden-Tests hinter uns gebracht haben. Das Team hat wieder einen super Job gemacht. Ich denke, wir sind absolut konkurrenzfähig.
Porsche schickt zwei Autos ins Rennen, Toyota drei.
In Spa waren alle drei Rennwagen des Gegners schnell. Aber 24 Stunden sind lang. Wir haben im Vorjahr gesehen, dass selbst noch am Schluss des Rennens viel passieren kann. Wir machen uns da nicht verrückt. Wir gehen guten Mutes in das Rennen.
Gibt es bei Porsche eigentlich ein A- und ein B-Auto?
Überhaupt nicht. Beide Fahrzeuge sind gleichwertig. Mit Earl Bamber und Nick Tandy sind überdies unsere zwei Le-Mans-Sieger von 2015 hinzugekommen. Auch deshalb sind unsere sechs Fahrer (drei pro Auto, Anm. d. Red.) extrem ausgeglichen. Sie alle befinden sich auf höchstem Niveau.

Das Adrenalin hält 24 Stunden wach

Machen Sie in der Nacht von Samstag auf Sonntag auch mal ein Nickerchen?
Während der 24 Stunden ist das Adrenalin so hoch, dass ich gar nicht schlafen könnte. Ich werde in Le Mans auch nie müde. Wenn ich mir nur kurz einen Kaffee oder einen Snack aus dem Verpflegungszentrum hole, dann schaue ich immer, dass sich ein Bildschirm in der Nähe befindet, auf dem ich alles verfolgen kann. Außerdem bin ich ja mit dem Kopfhörer ständig am Funk.
In der PS-Szene wird gemunkelt, Porsche könnte aus der WEC-Serie und damit auch aus dem Le-Mans-Projekt aussteigen, falls der Hersteller am Sonntag den Hattrick holt.
Der Vorstand hat das LMP1-Engagement, also das in der höchsten WM-Kategorie, bis 2018 genehmigt. Trotzdem werden wir sehen, wie es weitergeht. Es hängt auch von der Frage ab, ob ein dritter Hersteller in der LMP1-Klasse hinzukommt und welche Visionen der Veranstalter ACO hat.
Der derzeit einzige Kandidat sind die Franzosen von Peugeot?
Ja. Die Frage ist auch, wann der Hersteller frühestens kommen kann und wie lange wir dann gegen nur einen Gegner fahren. Wir heben uns diese Diskussion aber auf für die Zeit nach Le Mans, worauf wir uns jetzt voll konzentrieren wollen.
Es kann sein, dass Peugeot erst im Jahr 2021 dazukommt.
Das kann nur Peugeot beantworten. Sicherlich ist ein wichtiger Punkt, wann Peugeot grundsätzlich die finale Entscheidung für die Teilnahme trifft und wann mit der Entwicklung begonnen werden kann.
Wenn Porsche und Toyota aussteigen oder auch nur einer der beiden Konzerne, dann wären die WEC-Serie und Le Mans am Ende.
Das Ende wäre es sicher nicht. Wenn es solch ein Szenario gibt, sind in der Serie immer noch etwa 30 Fahrzeuge dabei. Dann wären eben die LMP2-Autos der zweithöchsten Kategorie die schnellsten im Feld, und in der darunter liegenden GTE-Klasse sind neben Porsche viele weitere Hersteller vertreten.
Zuletzt ging es in der Serie turbulent zu.
Vor zwei Jahren hat Nissan den Einstieg nicht geschafft, dann hat Audi seine Teilnahme an der Langstrecken-WM Ende 2016 beendet. In den letzten Jahren sind tatsächlich Dinge passiert, die so nicht vorhersehbar waren. Das macht die Situation für die zwei verbliebenen Hersteller, also Toyota und uns, nicht einfach.

LeMans gehört zur DNA von Porsche

Ihnen als Ex-BMW-Mann in der Formel 1 und Urgestein des Motorsports muss doch das Herz bluten, wenn die WEC und Le Mans in der Zweitklassigkeit versinken.
Von einer Zweitklassigkeit will ich nicht sprechen. Die Meisterschaft ist sehr attraktiv. Bei den Sechs-Stunden-Rennen waren so viele gute Rennen dabei, bei denen der Erste und der Dritte nur wenige Sekunden auseinanderlagen – das war sehr guter Sport, der da geboten wurde. Die Autos sind komplex, sie sind Technologieträger. Und das war auch der Grund, weswegen Porsche in die Serie zurückkam. So findet auch stets ein reger Austausch zwischen uns und den Entwicklern der Serienautos statt.
Aber die Formel 1 dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung – und nicht Le Mans.
Die Formel 1 hat weltweit enorme Einschaltquoten. Aber die Langstreckenrennen verfügen über ein völlig anderes Publikum. Le Mans hat kein Problem, da kommen bis zu 300 000 Zuschauer. Das ist sensationell. Für die Sechs-Stunden-Rennen der WEC ist es dagegen schwierig, ein TV-Format zu finden – denn sechs Stunden sind lang. Aber daran wird gemeinsam kontinuierlich gearbeitet. Zudem bedeuten gerade für Porsche die Langstreckenrennen Tradition. Das ist unsere DNA, da kommen wir her – und deshalb gibt es nichts Schöneres, als mit Porsche Le Mans zu gewinnen.
An Zimmernummer 424 soll’s nicht liegen.
Da gebe ich Ihnen recht.

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