Porträt Jede gelungene Integration ist ein Glücksfall

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In den KoBV-Klassen, die in der Regel aus sechs bis acht Schülern bestehen, werden den Menschen mit geistiger Behinderung auch allgemeine Schlüsselqualifikationen wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nahegebracht. „Solche Basiskompetenzen brauchen die Jugendlichen später auch bei der Wohnungssuche und bei Freizeitaktivitäten“, erklärt Timur Erdem. Um eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden, gehöre immer auch Glück und die Offenheit eines Arbeitgebers dazu. „Die Pflegedienstleiterin Bettina Gampe-Röhrl in der Tagespflege Rutesheim hatte so eine offene Haltung im Bereich Inklusion“, lobt Erdem. Gampe-Röhrl sieht für die Zukunft allerdings Probleme: „Viele einfache Arbeitsplätze in sozialen Einrichtungen fallen weg. Zudem werden an diese auch immer mehr wirtschaftliche Anforderungen gestellt“, erläutert sie.

Für Timur Erdem ist jede gelungene Integration ein Glücksfall. „Es ist oft die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, sagt er. In diesem Jahr hat er viele Nadeln gefunden, fünf seiner sechs KoBV-Schüler hat er vermittelt, die sechste hat einen Arbeitsvertrag ab 1. August. „Wir sind aber nicht auf den ersten Arbeitsmarkt fixiert, sondern wollen nur alle Schüler unterbringen“, betont er. Wenn es keinen regulären Arbeitsvertrag gebe, betrachte man das nicht als Misserfolg. Manchmal müsse man auch einen Schritt zurückgehen, wenn man Rückmeldungen bekomme, dass sich ein Schüler in einem Praktikum als nicht passend herausstelle.

Was den Schülern wirklich wichtig ist

Außerdem sei es wichtig, genau herauszuhören, was den Schülern wirklich wichtig sei. „Uns ist das Herz in die Hose gerutscht, als eine Schülerin einmal sagte, sie wolle Stewardess werden“, erinnert sich Erdem. Nach mehreren Gesprächen mit ihr stellte sich heraus, dass ihr eigentlicher Wunsch war, bei der Arbeit ein Kostüm zu tragen. „Wir haben sie dann in ein Hotel vermittelt, wo sie beim Aufbau des Frühstücksbuffets hilft“, sagt Erdem.

Auch bei Margarita Mitrova gab es noch ein Problem, das gelöst werden musste. „Ich kriege ja gar kein Geld für meine Arbeit“, sagte die 22-Jährige zu ihrer Mutter, weil sie mit dem Lohnzettel der Rutesheimer Tagespflege nichts anfangen konnte. Seitdem geht ihre Mutter am Ende des Monats mit ihr auf die Bank, um das Gehalt in bar abzuheben. Denn Margarita Mitrova liebt es, shoppen zu gehen – am liebsten Klamotten. Da ist das Mädchen mit dem Down-Syndrom nicht anders als andere in ihrem Alter.




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