Porträt Das bedrohte Andere

Schlenker vor einer Strohhütte am Niger Foto: Michael J. H. Zimmermann
Schlenker vor einer Strohhütte am Niger Foto: Michael J. H. Zimmermann

In Grönland, im Hindukusch, in Kolumbien: Seine Arbeit hat Hermann Schlenker in die entlegensten Winkel der Welt geführt. Der Schwenninger ist ein Ethnologe mit der Kamera.

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Schwenningen - Achtzig Lenze zählt er nun und hat auf seinem Griesget-Hof im Schwarzwald mit Yakherde und Fischzucht eine zweite Karriere als Bauer gestartet: der am 16. Juni 1932 in Schwenningen am Neckar geborene Hermann Schlenker, der Altmeister des ethnologischen Films. Dank seiner Arbeit, die ihn in die entlegensten Gegenden der Erde führte, taucht das Publikum in fremde Welten ein.

Zuletzt hat sich Schlenker in Zusammenarbeit mit Volkskundlern der Universität Freiburg dem versinkenden Brauch und dem vergessenen Handwerk in seiner südwestdeutschen Heimat gewidmet. In diesen Dokumentationen verzichtet er weitgehend auf einen Sprecher, stattdessen lässt er die Akteure selbst ausgiebig zu Wort kommen. Da reden Glasbläser und Hinterglasmaler, Flößer und Köhler, Schappelmacherin und Schildmaler, Schnitzer und Schindelmacher in ihrer Mundart. Dabei ist Schlenker selbst ein begeisternder Erzähler, der bei seinen frühen unvertonten Filmen ein gebildetes Publikum mit seinen Kommentaren in den Bann zog. Mit einem berührenden Porträt über den Maler und Grafiker Hans-Georg Müller-Hanssen, der während der Nazizeit Juden half, füllte er bereits vor Jahrzehnten große Säle.

Solche Erfolge des Außergewöhnlichen werden nicht an der Wiege gesungen, sondern mühsam errungen. Hermann Schlenker, Spross einer alteingesessenen Schwenninger Familie, war ursprünglich ein anderer Weg vorgezeichnet. Sein Wunsch, sich zum Kameramann ausbilden zu lassen, blieb unerfüllt: Auf Wunsch des Vaters ging’s nach dem Gymnasium in die Feinmechaniker- und Uhrmacherlehre. Als Jahrgangsbester ausgezeichnet, durfte Schlenker 1955 mit den anderen Preisträgern Südwürttembergs nach München reisen. Doch statt im Hofbräuhaus mit ihnen zu zechen, büxte er aus nach Geiselgasteig, um sich bei der Dachorganisation der filmschaffenden Künstler Deutschlands nach Möglichkeiten zu erkundigen, wie er ans Ziel seiner Träume gelangen könne.

Der Ratsuchende kam unangemeldet. Und er kam ungelegen, störte er doch den Chef der filmschaffenden Künstler bei einem traulichen Tête-à-tête. Hochkant flog Schlenker aus dem Büro und wurde des Geländes verwiesen. Zwölf Jahre später kehrte Schlenker als Produzent nach München zurück, und die Bavaria kaufte ihm seinen ersten Film ab: eine Genugtuung!

Neugier auf das Fremde

Dazwischen lag so manches. Die Ausbildung zum Lichtbildner beim Starfotografen Willi Moegle in Stuttgart brachte Schlenker seinem Berufswunsch schon etwas näher. Zudem weckte das sich in Ausstellungen der Welt öffnende Schwenninger Heimatmuseum seine Neugier auf das Fremde. Für vier Jahre verschlug es den jungen Fotografen in den hohen Norden. Mit 20 Mark in der Tasche, bescheidener Ausrüstung, aber gewaltiger Hoffnung zog Schlenker 1957 nach Island. Zunächst verdingte er sich in einer Fischfabrik, dann erkannte der Fabrikant und Verleger Ragnar Jonsson in ihm den Mann mit einem ungewohnten Blick auf die Dinge.

Schlenker hatte zu diesem Zeitpunkt, auch mit Hilfe der Kinderfibel seiner Wirtin, bereits Isländisch gelernt. Nun avancierte er innerhalb kurzer Zeit zum berühmtesten Lichtbildner der Insel. Von den Vestmannaeyjar aus erkundete er die schroff aus dem Meer aufragenden Felsen der Vogleinseln und drehte seinen ersten und einzigen Tierfilm.

Und er ließ sich für Wochen von der Fluggesellschaft Flugfélag Íslands, für die er Werbeaufnahmen machte, nach Grönland einschmuggeln, das zu jener Zeit als gemeinsames dänisch-amerikanisches Verteidigungsgebiet unter Nato-Führung für Touristen gesperrt war. Es gelangen einmalige Aufnahmen, die mit Erfrierungen erkauft wurden und mit der Ungewissheit, ob er das Land wieder ungestraft verlassen könne. Es glückte mit dem letzten Flug vor Wintereinbruch – und Freunden an Bord, die gegen einen blinden Passagier nichts einzuwenden hatten.

Vortragsreisen in der Heimat brachten Schlenker am Stuttgarter Linden-Museum in Kontakt mit Ethnologen, die der schwungvolle Schwenninger rasch für sich einnahm. Kontakte wurden geknüpft. Der erste große Auftrag ließ nicht lange auf sich warten: 1962 begleitete Schlenker für anderthalb Jahre als Kameramann eine Expedition unter Leitung des schwäbischen Völkerkundlers Friedrich Kussmaul zu den Bergvölkern im Hindukusch, ins Grenzgebiet zwischen Afghanistan, Pakistan, China – und fand fern der Heimat seine Lebensaufgabe: den eigenen tiefen Eindruck künstlerisch auf Zelluloid zu bannen, das bedrohte Andere erlebbar zu machen.

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