Porträt Nichts verklären, nur bewahren

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Eva-Maria Manz (ema)
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Das Dunkle und Unberechenbare, die Natur, sind Teil des ländlichen Lebens. Wer sollte das besser wissen als ein Bauer? Der Raußmüller sagt, er wolle nichts verklären, nur bewahren. Alles hier entspreche dem Versuch, ein winziges Stück Erde aus dem Kampf gegen die Natur herauszuhalten.

Die Natur will niemand zum Gegner haben. Das weiß, wer täglich von ihr abhängt. Und der Mensch ist wie die Kuh und die Weizenfrucht ein Teil des Kreislaufs, muss sich fortpflanzen, ernähren, wird geboren, stirbt. Fruchtbarkeitsmotive, eingeritzt auf Dachziegeln, sollten den Familien Wachstum bescheren, etliche sind im Archiv ausgestellt. Nebenan im Regal liegt ein Verlobungsring, auf dem zwei winzige Hände die Merkel-Raute bilden, eigentlich ein Symbol für die Vulva, sagt der Raußmüller, das bedeuten sollte: Ich möchte mich dir ganz geben. Berührreliquien, die Phallusnase eines normannischen Schamanen oder eine vollbusige Fruchtbarkeitsstele von einem Acker, sie alle beschreiben die Hingabe des Menschen an die Natur.

Brandanschläge auf die Scheune

Der Raußmüller schließt die dicke Tür, tippt einen Code in ein piepsendes Gerät, eine Alarmanlage. Auch die moderne Welt und die Menschen bedrohen seine Schätze. Drei Brandanschläge auf die Scheune hat es schon gegeben. Warum, das weiß niemand.

Und dann, gerade als der Raußmüller zum nächsten Schritt in den Hof ansetzt, zischt ein Windhauch über die Dächer. Die Gänse schnattern, immer lauter. Plötzlich, wie aus dem Nichts heraus, springt ein Fuchs direkt am Zaun vorbei. Er prescht in den Hühnerhaufen, reißt den Hahn. „Heeee!“, ruft der Raußmüller. Schnell hat der Tumult sich im nächsten Gebüsch verloren. Wo ist der Hahn? Der Raußmüller geht zur Haustür, lässt den Berner Sennenhund heraus, treibt die aufgescheuchten Hühner in den Hof. „Am hellichten Tag!“ Am Fenster taucht ein roter Haarschopf auf. Auch Heidi ist vom Geschnatter aufgescheucht worden, der Fuchs längst wieder über alle Berge. Die Luft steht still im Hof. Der Hahn ist weg. Vielleicht habe er sich für seine Hühner geopfert, sagt der Raußmüller, den Tieren traue er alles zu.

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