Porträt des Erfolgstrainers Ralf Rangnick Die Fußballrevolution im Remstal

Von Oskar Beck 

Früh wollte er nur eines: gewinnen. Gleich nach dem Abitur am Max-Born-Gymnasium in Backnang schaute Rangnick über den Tellerrand und kickte, um sein Lehramtsstudium in Sport und Englisch zu unterstützen, beim FC Southwick. Ein Jahr lebte er bei der Familie Seymour, fuhr zu den Spielen von Arsenal, West Ham und Tottenham und studierte die englische Härte am eigenen Leib: In seinem ersten Spiel brach er sich drei Rippen, von denen eine die Lunge durchbohrte – danach war er gestählt für die deutsche Karriere.

Für die VfB-Amateure, Heilbronn und Ulm war er am Ball, als Spielertrainer führte er seinen Heimatklub Backnang ein paar Ligen höher, und beim TSV Lippoldsweiler und SC Korb verblüffte er, indem er die sture Manndeckung abschaffte, früh als Revoluzzer: Der Landesligist Korb spielte die fortschrittlichste Taktik im deutschen Fußball – mitten im Remstal. Es hat damals nur noch keiner gemerkt. Mit 25 machte Rangnick dann an der Sporthochschule Köln als Lehrgangsbester die Trainerlizenz, mit Einskommaeins. Und als er den VfB-Talentschuppen befehligte, wurde rasch klar: Er hat ein Auge für Talente.

„Ralf, Sie müssen nach Brasilien“, sagte damals der VfB-Manager Dieter Hoeneß zu seinem Amateurchef Rangnick, „es gibt dort einen 17-Jährigen, der soll richtig gut sein.“ Rangnick flog sofort los, und der Rohdiamant schoss prompt zwei Tore. Nach dem Spiel traf man sich im Hotel, der Talentierte schenkte Rangnick sein Trikot von Cruzeiro Belo Horinzonte, Rangnick schenkte dem Jungen ein VfB-Trikot – und das Wunderkind sagte durch seine Zahnspange: „Es wäre mir eine Ehre, für Stuttgart zu spielen.“

Rangnick erinnert sich: „Sechs Millionen Dollar hätte der Junge gekostet. Ich habe zu Hoeneß gesagt: Überfallen Sie notfalls eine Bank, aber kaufen Sie ihn.“ Der VfB, als sparsamer Schwabe, winkte ab. Ein paar Tage später zahlte der PSV Eindhoven die sechs Millionen, und kurz danach war der 17-Jährige als „El Fenomeno“ der beste Stürmer seiner Zeit – aus dem Talent mit der Zahnspange wurde der große Ronaldo.

Seine Ulmer Underdogs stürmten in die Bundesliga

Rangnick begab sich derweil auf seinen eigenen Höhenflug, SSV Reutlingen, SSV Ulm. Die Ulmer kickten in der dritten Liga, da kam „Prof. Dr. Rangnick“ („Bild“) samt seiner ballorientierten Raumdeckung mit Viererkette und Pressing, und seine Underdogs stürmten in die Bundesliga. Ganz Deutschland staunte mit offenem Mund, als der Backnanger im ZDF-Sportstudio sein innovatives System damals mit Kreide an eine Tafel malte. Spontan soll die Ehefrau von Bundestrainer Ribbeck vor dem Fernseher gesagt haben: „Erich, das hab sogar ich verstanden – warum lässt du nicht so spielen?“

Rangnick war ein Visionär, aber als er danach VfB-Cheftrainer wurde, ließ man ihn in der ersten Krise fallen. Wie ein Bierkutscher soll ein Stuttgarter Funktionär sogar das Wort „Amateur!“ durch die Katakomben geflucht haben – und Rangnick spürte erstmals, dass sich für einen Trainer, wenn er nicht gewinnt, das Leben ändert. Er stand lange im Telefonbuch, unter R, wie Rühle oder Ruppenstein, bis mitten in der Nacht der erste Pöbler anrief. Sein Sohn David war damals fünf und bekam im Kindergarten noch nicht so viel mit. Aber Kevin war neun und in der Schule. Rangnick beantragte eine Geheimnummer.

Wie gesund ist der Traumjob Trainer?

„Man muss gut aufpassen, energetisch und seelisch die Balance zu halten“, sagt Rangnick. Die Reisestrapazen kamen dazu. Backnang war stets sein Anker, dort fing sein Tag an, dort hörte er auf. Als er Ulm trainierte, fuhr er dorthin über Böblingen (wo er ein Reha-Zentrum mit VfB-Doktor Thomas Frölich führte) und abends wieder zurück – zwei Jahre lang waren das 280 Kilometer täglich. Vier Stunden brauchte er bei seinen späteren Bundesligajobs mit Auto und Flugzeug, um von Gelsenkirchen über Düsseldorf und Stuttgart nach Backnang zu kommen – und dienstagmorgens ging es wieder zurück. Man fährt dann irgendwann auf Reserve. Dazu die Trennung von der Familie. Rostbraten mit Spätzle konnte Rangnick auch in Hannover oder Schalke essen, aber die Familie blieb immer in Backnang zurück. Er hatte Erfolg, mit Hoffenheim marschierte er aus der dritten Liga an die Tabellenspitze der Bundesliga, mit Schalke holte er den DFB-Pokal – aber war er glücklich?

Das Feuer brennt nicht mehr

„Ich saß in meinem Hotelzimmer neben der Schalke-Arena“, erinnert sich Rangnick, „und habe mich gefragt: Was tust du hier eigentlich? Ich kam mir vor wie auf Montage.“ Im Schalker Stadion gibt es eine Kapelle im Stadion, und vor jedem Spiel zog er sich dorthin zurück, „um zu meiner Mitte zu finden.“ Es gelang immer weniger. Eines Morgens stellte er sich vor die Mannschaft und sagte: „Ich kann nicht mehr.“

Ausgelaugt war er, fix und fertig. „Wenn ich drei Treppen hochgelaufen bin, war ich platt.“ Er schaffte nur noch die Treppen zu Johannes Wessolly, einem Facharzt für Anästhesiologie in Ludwigsburg, und erfuhr: „Hormon- und Blutwerte im Keller, im untersten vorstellbaren Bereich.“ Rangnick konnte nicht mehr schlafen und nicht mehr essen. „Nur wer selbst brennt, kann Feuer entfachen“, hatte er stets gepredigt. Bei ihm brannte nichts mehr.

Burn-out ist ein Tabuthema. Die Krankheit ist nicht schick, nicht hip, nicht sexy, die Spaß- und Leistungsgesellschaft meidet das Wort wie der Teufel das Weihwasser. Rangnick sprach von einem „vegetativen Erschöpfungssyndrom“. Zur Gesundung wählte er den ganzheitlichen Weg. Radikal hat er sein Leben geändert und den Körper wieder ins Gleichgewicht gebracht. Er verdrückt jetzt nicht mehr abends um Zehn zwei fette Würste mit vier Scheiben Brot, um sie sich dann mit zwei Weizen hinunterzuspülen. So eindringlich wie über seine Taktik spricht er über Kohlehydrate, über Pizza, Pasta und Miracoli oder die Laktose- und Glutenunverträglichkeit. Wieder ist er ein Vorreiter, aber diesmal, um den Getriebenen der Erfolgsgesellschaft den taktisch klugen Mittelweg zu weisen in die Entschleunigung.

„Wir müssen raus aus dem Hamsterrad“, sagt Ralf Rangnick.

Ein dreiviertel Jahr war er damals weg aus der Tretmühle, und zurück kam er dann nicht mehr als Trainer, sondern als Sportdirektor. Bei beiden Red-Bull-Klubs, in Salzburg und Leipzig, hat er den Managerjob zunächst gleichzeitig ausgeübt – aber bevor er sich als Pendler auf der Strecke Backnang-Salzburg-Leipzig irgendwann selbst begegnete, hat er bei den Österreichern Schluss gemacht. Auch in Leipzig reitet er künftig nicht länger zwei Pferde mit einem Hintern, als Trainer ist Schluss – der Chefjob des Managers reicht.