Porträt einer Rollstuhlfahrerin Die Wut ist ihr Antrieb

Von Michael Santen 

„Wenn ich Du wäre, hätte ich mich längst umgebracht“: Laura Gehlhaar wird als Rollstuhlfahrerin beleidigt und ausgegrenzt. Das lässt sie sich nicht gefallen.

Taffe Frau: Laura Gehlhaar und ihr Rollstuhl, den sie Manfred nennt Foto: Weiland
Taffe Frau: Laura Gehlhaar und ihr Rollstuhl, den sie Manfred nennt Foto: Weiland

Berlin - Laura Gehlhaar ist eine lebenslustige Frau. Sie lacht viel, mag Partys, sammelt Sneakers, liebt guten Rotwein und singt gern Celine Dion-Songs lauthals mit. Gehlhaar ist 33 Jahre jung, blond, bildhübsch. Und ein kluger Kopf – sie hat Abitur gemacht und studiert. Gehlhaars ständiger Begleiter heißt Manfred. Das ist nicht ihr Freund, so hat sie ihren Rollstuhl getauft. An den sie nicht „gefesselt“ ist, sie ist nur auf ihn angewiesen. Das sei ein großer Unterschied. Und auf den legt sie Wert.

Ihre Krankheit nennt sie nicht beim Namen. „Der ist doch egal“, winkt sie ab. „Ich habe schwache Muskeln. Punkt.“ Sie war etwa zehn, als es auffiel. Seitdem, vor allem aber in den elf Jahren, die sie nun im Rollstuhl sitzt, weil sie mit Anfang 20 kaum noch laufen konnte, hat Gehlhaar Verletzendes, Erniedrigendes erlebt. Dinge, die fassungslos machen. Sie ist Zielscheibe von Beleidigungen, wird angepöbelt, sogar attackiert. Das macht sie traurig, noch mehr aber wütend. Diese Wut war der Antrieb zu ihrem populären Blog im Internet unter fraugehlhaar.wordpress.com, auf dem sie über ihren Alltag als Rollstuhlfahrerin berichtet. Und nun auch zu einem Buch in dem sie leidenschaftlich das „verzerrte Bild der Realität vieler Behinderter, die selbstständig ihr Leben leben“ geraderücken will.

Schlimmer geht’s nicht? Doch!

Darin schildert die Düsseldorferin, die seit 2008 im Berliner Szene-Kiez Friedrichshain wohnt, was ihr so alles widerfährt. Maulende Busfahrer zum Beispiel, die genervt sind, weil sie an der Haltestelle eine Rampe anlegen müssen, damit „die Behinderte“ mitfahren kann.

Da sind die Postboten, Nachbarn, Café- Gäste, die sehr mitleidig schauen oder verkrampft in eine andere Richtung. Da sind die Sprüche von dem Schnösel an der Theaterticket-Hotline, bei dem sie mühsam einen Platz am Rand erstreiten muss („Leute wie Sie sollten froh sein, dass sie überhaupt ins Theater können!“)

Schlimmer geht’s nicht? Doch. Sätze wie „Wenn ich du wäre, hätte ich mich schon längst umgebracht!“ treffen die Seele. Gehlhaar berichtet von Partys, zu denen sie erst nicht eingeladen wurde. Begründung: „Na, die ist im dritten Stock. Da kommst du doch nicht hin.“ Sie: „Wieso nicht? Ich wieg’ nur 64 Kilo. Zwei nette Jungs tragen mich hoch – und schon bin ich dabei!“ Sie schreibt über den Typ in der U-Bahn, der seinen Kumpel auf die starken Spinergy-Reifen von Lauras Rollstuhl hinwies und zur Demonstration gleich mehrfach kräftig dagegen trat. Unfassbar die Typen, die Silvester unter ihrem Rollstuhl Böller zündeten.

„Das war wie ein Schlag in die Fresse“

Es war allerdings auch ein solches Schock-Erlebnis, das schon recht früh ihr Leben nachhaltig veränderte: der Beratungstermin im Arbeitsamt. Da wollte sich die Abiturientin damals über die Aussichten nach einem Sozialpädagogik-Studium informieren. Süffisant meinte der Berater: „Wie wollen SIE denn anderen helfen, wenn Sie selbst Hilfe brauchen?“ „Das war wie ein Schlag in die Fresse“, sagt Gehlhaar. „Meine Energie war schlagartig weg. Mit einem Satz. Von einem arroganten Kerl, der weder mich, noch meine Träume und Talente kannte.“ Aber dem „Kerl“ ist sie auch dankbar, denn seine Abfuhr stachelte sie an. Sie zog ihr Sozialpädagogik-Studium durch, arbeitete vier Jahre in der Psychiatrie und ein Jahr als Texterin in einer Werbeagentur. Inzwischen ist sie beim Verein „Sozialhelden“ aktiv und absolvierte eine Mediator- und Coach-Ausbildung.

„Kopf in den Sand? Früher ja“, sagt Gehlhaar. „Heute lasse ich nichts mehr geschehen und wehre mich, wenn man mich ausgrenzt.“ Ihre Augen funkeln und man sieht in dieser taffen Frau die Mutmacherin. „Nee, bin ich aber nicht“, wehrt sie ab. „Ich kaufe ein, ich arbeite, ich fahre Bus und Bahn, ich gehe aus. Dazu braucht es keinen Mut. Ich tue alles, was du auch tust. Nur, dass es anders ist, anstrengender.“ Ihr größter Wunsch? „Dass man mich akzeptiert, wie ich bin. Ich will für selbstverständlich genommen werden.“

Laura Gehlhaar: Kann man da noch was machen?
Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin, Heyne-Verlag, 260 S., 9,99 Euro.

Hier geht es zu Laura Gehlhaars Blog.




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