Porträt Im Schmerz liegt die Kraft

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Andreas Reiner war ganz unten. In der Psychiatrie fand er zu sich selbst. Heute nutzt er sein früheres Leid für berührende Fotografien.

Altes Ehepaar, Georgien Foto: Andreas Reiner 14 Bilder
Altes Ehepaar, Georgien Foto: Andreas Reiner

Biberach - Seine Außenseitergeschichte beginnt in den siebziger Jahren. Als jüngstes von drei Kindern wächst Andreas Reiner in dem 3000-Seelen-Dorf Wangen bei Göppingen auf. Sein Vater ist der größte Arbeitgeber im

Ort, zweiter Bürgermeister und Vorsitzender des Turnvereins. Andreas merkt schnell, dass er als „der Bua vom Reiner“ nicht zu den normalen Leuten gehört. Er fühlt sich ausgeschlossen, gefangen im Privileg. Daheim schwätzt niemand über Gefühle. Man funktioniert zuverlässig wie die Maschinen, die im Familienbetrieb hergestellt und in alle Welt verkauft werden. In der Pubertät rebelliert Andreas und beginnt eine Lehre als Zimmermann, weil die Beschäftigung mit Holz weit entfernt ist von dem kalten Metall, das sein Vater verarbeitet.

Rolf Reiner stirbt mit 47 Jahren an einem Herzschlag. Andreas’ ältere Geschwister sind längst aus dem Haus, der Heranwachsende bleibt bei der trauernden Mutter. Die Witwe ist überfordert, die Firma geht den Bach runter. Ihre manische Depression spukt durch die Villa. Als Andreas eines Tages aus der Berufsschule kommt, baumelt seine Mutter unterm Dachstuhl an einem Strick. Er schneidet sie ab. Notarzt, Feuerwehr und ein Kriseninterventionsteam eilen herbei, nehmen die verletzte Frau mit und lassen den Sechzehnjährigen allein zurück.

In der Nacht vor seinem 20. Geburtstag steht die Polizei vor der Tür. Helga Reiner hatte ihrem jüngsten Sohn noch ein Geschenk eingepackt und ihm einen Abschiedsbrief geschrieben. Dann nahm sie die Uhr vom Armgelenk und den Ehering vom Finger, fuhr mit ihrem Geländewagen nach Uhingen und parkte neben den Gleisen. Der Lokomotivführer berichtete, die Lebensmüde habe ihm vor dem Aufprall direkt in die Augen geblickt.

Vom elterlichen Betrieb bleibt Andreas Reiner nach der Insolvenz nichts, auch das Eigenheim zählt zur Konkursmasse. Zeitweise hat er nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf, schließlich landet er in einem Göppinger Wohnheim für Übersiedler aus dem Osten. Er rappelt sich auf, besucht die Meisterschule, gründet einen Zimmereibetrieb. Das eigene Unternehmen erweist sich für ihn als Holzweg: Die Last der Vergangenheit drückt aufs Gemüt, Andreas Reiner scheitert beruflich an seinen privaten Problemen.

Ganz unten

Kein Job, kein Geld, kein Ziel. Kurzzeitig scheint ihn eine große Liebe aus dem Sumpf zu ziehen, doch die Ehe zerbricht nach nicht mal einem Jahr. Seine Frau erträgt ihn nicht mehr. Während der Schwangerschaft verlässt sie den lethargischen Jammerlappen, aus einem Versager wird nie ein verantwortungsvoller Vater. Andreas Reiner ist ganz unten, am Gefrierpunkt. Die Hoffnungslosigkeit übermannt ihn. Damit er nicht wie seine Mutter endet, lässt er sich in eine geschlossene Psychiatrie einweisen.

Mit Unterbrechungen verbringt Andreas Reiner mehrere Jahre in stationärer Behandlung. Ehrgeizig erforscht er seine Seele, Angesicht in Angesicht mit den Therapeuten. Allmählich versteht er, warum er sich schnell angegriffen fühlt, warum er dann zuschlägt, warum er niemandem vertraut, warum ihn die Verlustängste wahnsinnig machen. In kleinen Schritten geht er auf sich selbst zu.

Eines Tages muss er die schützende Klinik verlassen. Draußen wartet zunächst nur Hartz IV. Den erlernten Zimmermannsberuf haben ihm die Ärzte untersagt: Er soll nichts machen, was ihn an seine dunkle Vergangenheit erinnert. Die Rentenkasse bietet ihm eine Umschulung an. Andreas Reiner will Arbeitserzieher werden. Kommt nicht infrage, meint ein Gutachter, weil ihn der Umgang mit psychisch Labilen retraumatisieren könne. Stattdessen bietet man ihm einen Ausbildungsplatz bei einer Biberacher Fotografin an. Andreas Reiner ist bereits 37 Jahre alt, als er noch einmal von vorne beginnt.

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