Andreas Reiner war ganz unten. In der Psychiatrie fand er zu sich selbst. Heute nutzt er sein früheres Leid für berührende Fotografien.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Biberach - Seine Außenseitergeschichte beginnt in den siebziger Jahren. Als jüngstes von drei Kindern wächst Andreas Reiner in dem 3000-Seelen-Dorf Wangen bei Göppingen auf. Sein Vater ist der größte Arbeitgeber im

Ort, zweiter Bürgermeister und Vorsitzender des Turnvereins. Andreas merkt schnell, dass er als „der Bua vom Reiner“ nicht zu den normalen Leuten gehört. Er fühlt sich ausgeschlossen, gefangen im Privileg. Daheim schwätzt niemand über Gefühle. Man funktioniert zuverlässig wie die Maschinen, die im Familienbetrieb hergestellt und in alle Welt verkauft werden. In der Pubertät rebelliert Andreas und beginnt eine Lehre als Zimmermann, weil die Beschäftigung mit Holz weit entfernt ist von dem kalten Metall, das sein Vater verarbeitet.

Rolf Reiner stirbt mit 47 Jahren an einem Herzschlag. Andreas’ ältere Geschwister sind längst aus dem Haus, der Heranwachsende bleibt bei der trauernden Mutter. Die Witwe ist überfordert, die Firma geht den Bach runter. Ihre manische Depression spukt durch die Villa. Als Andreas eines Tages aus der Berufsschule kommt, baumelt seine Mutter unterm Dachstuhl an einem Strick. Er schneidet sie ab. Notarzt, Feuerwehr und ein Kriseninterventionsteam eilen herbei, nehmen die verletzte Frau mit und lassen den Sechzehnjährigen allein zurück.

In der Nacht vor seinem 20. Geburtstag steht die Polizei vor der Tür. Helga Reiner hatte ihrem jüngsten Sohn noch ein Geschenk eingepackt und ihm einen Abschiedsbrief geschrieben. Dann nahm sie die Uhr vom Armgelenk und den Ehering vom Finger, fuhr mit ihrem Geländewagen nach Uhingen und parkte neben den Gleisen. Der Lokomotivführer berichtete, die Lebensmüde habe ihm vor dem Aufprall direkt in die Augen geblickt.

Vom elterlichen Betrieb bleibt Andreas Reiner nach der Insolvenz nichts, auch das Eigenheim zählt zur Konkursmasse. Zeitweise hat er nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf, schließlich landet er in einem Göppinger Wohnheim für Übersiedler aus dem Osten. Er rappelt sich auf, besucht die Meisterschule, gründet einen Zimmereibetrieb. Das eigene Unternehmen erweist sich für ihn als Holzweg: Die Last der Vergangenheit drückt aufs Gemüt, Andreas Reiner scheitert beruflich an seinen privaten Problemen.

Ganz unten

Kein Job, kein Geld, kein Ziel. Kurzzeitig scheint ihn eine große Liebe aus dem Sumpf zu ziehen, doch die Ehe zerbricht nach nicht mal einem Jahr. Seine Frau erträgt ihn nicht mehr. Während der Schwangerschaft verlässt sie den lethargischen Jammerlappen, aus einem Versager wird nie ein verantwortungsvoller Vater. Andreas Reiner ist ganz unten, am Gefrierpunkt. Die Hoffnungslosigkeit übermannt ihn. Damit er nicht wie seine Mutter endet, lässt er sich in eine geschlossene Psychiatrie einweisen.

Mit Unterbrechungen verbringt Andreas Reiner mehrere Jahre in stationärer Behandlung. Ehrgeizig erforscht er seine Seele, Angesicht in Angesicht mit den Therapeuten. Allmählich versteht er, warum er sich schnell angegriffen fühlt, warum er dann zuschlägt, warum er niemandem vertraut, warum ihn die Verlustängste wahnsinnig machen. In kleinen Schritten geht er auf sich selbst zu.

Eines Tages muss er die schützende Klinik verlassen. Draußen wartet zunächst nur Hartz IV. Den erlernten Zimmermannsberuf haben ihm die Ärzte untersagt: Er soll nichts machen, was ihn an seine dunkle Vergangenheit erinnert. Die Rentenkasse bietet ihm eine Umschulung an. Andreas Reiner will Arbeitserzieher werden. Kommt nicht infrage, meint ein Gutachter, weil ihn der Umgang mit psychisch Labilen retraumatisieren könne. Stattdessen bietet man ihm einen Ausbildungsplatz bei einer Biberacher Fotografin an. Andreas Reiner ist bereits 37 Jahre alt, als er noch einmal von vorne beginnt.

Das wahre Ich abbilden

Mit der Kamera bekommt er ein Werkzeug in die Hand, das ihn wie ein Herzschrittmacher antreibt. Andreas Reiner schaut dorthin, wo andere wegsehen. Als an der Fachhochschule in Bad Saulgau die Aufgabe gestellt wird, Alltägliches abzulichten, verbringen seine Kommilitonen einen Tag beim Friseur oder der Feuerwehr. Andreas Reiner besucht das Hospiz St. Hedwig in Köln-Rondorf, hilft in der ersten Woche den Pflegern, wäscht die Sterbenden, unterhält sich mit ihnen. Erst als ihn niemand mehr als Fotografen wahrnimmt, drückt er den Auslöser seiner Nikon. Es entsteht eine preisgekrönte Bilderserie über das Warten auf den Tod.

Nach der Ausbildung macht sich Andreas Reiner in Biberach selbstständig, seine Agentur tauft er „SichtlichMensch“ in Anlehnung an das Herbert-Grönemeyer-Album „Mensch“, das er einst in der Psychiatrie im Repeat-all-Modus gehört hat. Bei der Eröffnung seines Ateliers zeigt er Nahaufnahmen von Randgruppen: Behinderte, Dunkelhäutige, Obdachlose, Demenzkranke, Autisten.

Sein Begabung, keine Posen, sondern das wahre Ich abzubilden, zieht bald auch Prominente an. Der Liedermacher Hannes Wader, der Fußballer Mario Gomez oder die Schauspielerin Christine Urspruch, bekannt als kleinwüchsige „Tatort“-Rechtsmedizinerin Alberich, buchen Andreas Reiner, um sich einmal so zu zeigen, wie sie sind. Seine Bildreportage über die Ulmer Boxerin Rola El-Halabi drucken der „Stern“, die „Süddeutsche“, der „Spiegel“, die „Zeit“ und die Stuttgarter Zeitung.

Der Außenseiter

Der Erfolg macht Andreas Reiner wieder zum Außenseiter. Einer, der Harley fährt, sich vorübergehend mit einer Rockergang rumtreibt und seinen Lebensunterhalt mit einer Tätigkeit verdient, die für andere ein Freizeitvergnügen ist, passt nicht in die oberschwäbischen Idealvorstellungen vom gottesfürchtigen Schaffer. Der extravagante Fotograf, der seine Empfindsamkeit mit einem kahl rasierten Schädel und einem Stoppelbart kaschiert, wird für den Otto Normalbiberacher intolerabel. Andreas Reiner ergreift die Flucht, gibt sein Atelier auf und kauft sich einen baufälligen Bauernhof.

Dort, in Galmutshöfen, wohnt er nun mit zwei Rindviechern, einer Schafherde und einer Hühnerhorde. Vor der Haustüre parken die Harley, ein 80er-Jahre-Volvo-Kombi und ein antiker Deutz-Traktor. In der Küche knistert der Holzofen, nebenan im Arbeitszimmer stehen die modernsten Apple-Computer. Täglich schaut ein dorfbekannter Alkoholiker vorbei, die alteingesessenen Landwirte lachen über den Suffkopf, der zugezogene Künstler hört ihm zu.

Andreas Reiner kennt die Einsamkeit. Kürzlich hat ihn wieder einmal eine Freundin verlassen, er ist jetzt 45 und noch immer nicht beziehungsfähig. Droht Vertrautheit mit einer Frau, melden sich die alten Ängste zurück. Das Vergangene wird niemals ganz vergangen sein; vermutlich hat seine Seele zu tiefe Dellen, um ganz rund zu laufen. Lebensgefahr besteht nicht, er hat ja ein hochwirksames Medikament gefunden. Sein Antidepressivum ist die Fotografie.

Um von seinem Metier existieren zu können, produziert Andreas Reiner für Hochzeitspaare und Firmenbroschüren Bilder vom hellen Schein. Die Honorare investiert er in Abenteuerreisen nach Afghanistan, Rumänien oder Georgien, wo er das düstere Sein dokumentiert. Krieg, Armut, Krankheit sind Andreas Reiners bevorzugte Motive.

Mehr als 200 seiner tief berührenden Aufnahmen sind seit Samstag in der Städtischen Galerie in Bad Saulgau zu sehen. Herlinde Koelbl, die große alte Dame des deutschen Bildjournalismus, schreibt im Ausstellungskatalog: „Die Empathie für die fotografierten Menschen ist überall spürbar.“

Mit einer sorgenfreien Jugend hätte Andreas Reiner diesen hochsensiblen Blick wohl niemals entwickelt. Ohne das gefühllose Elternhaus, den frühen Tod seines Vaters, den Selbstmord seiner Mutter, die Trennung von Frau und Sohn, ohne all die Irrwege und Umwege wäre sein Talent verschüttet geblieben. Mit der Anerkennung, die Andreas Reiner nun erfährt, wird er für früheres Leid entlohnt.

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