Porträt über Antiquar Gert Nagel Alte Liebe vergeht nicht

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Ein viertel Jahrhundert hat Gert Nagel sein international renommiertes Auktionshaus geleitet. Nun wird er 75 Jahre alt.

Gert Nagel in seinem Wohnzimmer. Er mag schwäbische Maler des 19. Jahrhunderts. Foto: Stioppel
Gert Nagel in seinem Wohnzimmer. Er mag schwäbische Maler des 19. Jahrhunderts. Foto: Stioppel
Stuttgart - "Gaaabi! Halloooo! Prächtig schaust du aus". Carl Ludwig Fuchs, in eine orientalische Parfumwolke gehüllt, ist wieder in Topform an diesem frühen Morgen. Schon hat der hochangesehene Kunsthistoriker aus Dessau die nächste Kollegin entdeckt: "Franziska! Meine Teure! Dein Dekolleté glitzert ja gewaltig. Hast du geerbt?" Küsschen-Küsschen, man knuddelt sich, defiliert übermütig Hand in Hand durch das Foyer, wo Fuchsens Perlenbrosche am Revers bewundert wird: "Paris, Siebzehntes", entgegnet er leichthin.

Während die anderen Kunstkoryphäen ihre Honneurs machen, steht Gert Nagel schon bei den Gästen, einen alten Teller in der Hand. "Des isch ein sehr interessantes Stück." An diesem Vormittag wird in Augsburg "Kunst & Krempel" aufgezeichnet, die meistgesehene Sendung im Bayerischen Rundfunk. Gert Nagel ist natürlich wieder dabei. Der Stuttgarter gilt als wandelndes Kunstlexikon – und er weiß vor allem, was der Markt für die guten Stücke hergibt. Ein wichtiges Element der Sendung. Diesmal geht es um Porzellan.

Etwa hundert Privatleute haben ihre Familienschätze in Samtkästchen, Kartons und Wäschekörben zum alten Kursaal getragen, um mehr über sie zu erfahren. Wie beim Flohmarkt sitzen sie dicht gedrängt an Tischen, vor sich die Vasen, Schüsseln, Biedermeierkännchen.

Der Name Nagel genoss schnell einen guten Ruf


Gert Nagel und Samuel Wittwer, Kustos bei der Stiftung Preußische Schlösser, gehen durch die Reihen, flüstern sich hin und wieder was ins Ohr oder nehmen die Lupe aus dem Lederetui. Mancher Besitzer versucht besorgten Blicks, im Gesicht der Experten zu lesen: Prachtstück oder Plunder? Zwanzig Porzellanobjekte werden vor der Kamera besprochen, Nagel wählt sie aus. Bei manchen Stücken muss er schmunzeln. Nicht, weil sie so lustig aussehen, sondern weil sie so schön sind.

Ein Mann mit Seidenschal sitzt neben einer Frau mit Hut und orangenem Wollkostüm. Er hat eine bauchige Terrine. Sie ein zierliches Tässchen. Ein in Stuttgart ersteigertes Erbstück. Den dazugehörigen Katalog vom Auktionshaus Fritz Nagel hat sie auch noch. "Von wann isch denn der?" fragt Gert Nagel. Von 1954.

1922 gründete Fritz Nagel seine Kunsthandlung in Mannheim. Die Liebe zu den schönen Dingen, den "Sächelchen" wie er sie nannte, kam vom Vater, selbst Antiquitätenhändler. Schon bald genoss der Name Nagel einen exzellenten Ruf. Im Krieg wurden Wohnung, Laden und alle Schätze zerbombt. Nur eine Bronzestatue ragte heil aus der Ruine.

Gert Nagel zog sich zurück - aber nicht von der Kunst


Nach dem Krieg hielt sich die Familie mit geerbten Bildern des Landschaftsmalers Wilhelm Nagel (1866-1945) über Wasser. Die Nagels tauschten die Gemälde bei einem Bauern gegen Wurst, Schmalz und Honig. Der Mann machte das Geschäft seines Lebens. 1949 fing Fritz Nagel in Stuttgart neu an. Nicht lange, und die Kronprinzenstraße galt als erste Adresse.

Im Jahr 1965 übernahm Sohn Gert Klaus die Leitung. In Deutschland führend, reiht sich das Traditionshaus heute in Asien gleich hinter den internationalen Branchenriesen Sotheby’s und Christie’s ein. Nachdem er sein einziges Kind verlor, regelte Gert Nagel vor zwanzig Jahren die Nachfolge innerbetrieblich und zog sich zurück. Vom Auktionsgeschäft. Nicht von der Kunst, und nicht vom Krempel.

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