Porträt über Bruno Nagel Zwischen Urbanität und Streuobst

Von Klaus Nonnenmacher 

Bruno Nagel ist ein etwas anderer Heimatdichter. Er veranstaltet Lesungen auf Pferdekoppeln oder Misthaufen, ist anonymer Zaunkünstler in Berlin oder erhebt das Schnapsbrennen zur Kunstform. Jetzt stellt er ein neues Buch vor.

Bruno Nagel schart sein Publikum auch mal um einen Misthaufen. Foto: Horst Rudel
Bruno Nagel schart sein Publikum auch mal um einen Misthaufen. Foto: Horst Rudel

Adelberg - Bruno Nagel ist ein Bummler zwischen den unterschiedlichsten Welten und hat sich dabei seine ganz eigene Sicht der Dinge erobert. Der 53-Jährige passt in keine Kunstsparte, tummelt sich in halb Deutschland, liebt Streuobst, zeigt Dokumentarfilme über das Jodeln in Besenwirtschaften, liest seine Texte in einem Sägewerk, oder auf einem Misthaufen in Oberwälden, brennt Schnaps und erhebt das Destillat unter dem Pseudonym „der Klare Karl“ zu einer Kunstform, die vor allem in Stuttgart und Berlin gut ankommt. Nagel lässt auch mal von einem befreundeten Piloten Johannisbeermarmelade nach Johannisburg fliegen (davon zeugt ein Beweisfoto beim Anflug im Cockpit). Er gestaltet Gärten in Berlin, doziert in Halle und Karlsruhe, macht Kunst am Bau an großen öffentlichen Gebäuden und verdient sein Geld als Ausstellungsbauer und Kellner in der Bundeshauptstadt und der tiefsten Provinz. Von seiner Kunst kann der gebürtige Geislinger kaum leben, ohne sie aber erst recht nicht.

Unter dem Titel Sprachbehausung dichtet Bruno Nagel, packt seine Gedanken zu Heimat, Streuobst, Liebe, Bundesnachrichtendienst, Esoterik, also zu Gott und der Welt, in zum Teil aberwitzige Wortspielereien, die wie der Klare Karl ein Destillat sind. Oft sind sie vom Augenblick inspiriert, von einem Werbebanner, einem Arrangement auf einer Fensterbank, die Bruno Nagel aufgreift. Die Skurrilitäten seines Alltags fängt der Künstler auch gerne mit Fotos, zuweilen auch Videos ein. Bei der Stuttgarter Kulturnacht kommenden Samstag stellt er sein als Internet-Blog dokumentiertes Werk als Buch vor. „Unblogd“ lautet der schlichte Titel.

Zachersmühle als Ausgangspunkt

Wer Bruno Nagel auf die Spur kommen will, für den führt kein Weg an der Zachersmühle in Adelberg vorbei, wohin der Bohemien immer wieder zurückkehrt. Dort findet man nicht nur Werke aus allen Schaffensperioden des Autodidakten, beschriftete Obstkisten, einen künstlerisch durchgestalteten Kräutergarten, Fotos oder Gemälde, sondern man findet auch regelmäßig Bruno Nagel selbst. Seit Jahr und Tag und mit nur wenigen Unterbrechungen kellnert er dort oder kehrt den Hof und entwirft bodenständige Oden an die Vesperwirtschaftskultur mit Zeilen wie: Ohne Wurst und ohne Leber/ gibt es keinen Metzgerkleber/ mit der Gurke an der Wand/ streift der Senf durchs Vesperland... was in den Schluss mündet: Wirt und Haus vom Schnaps erzählt/ die Butter und das Brot vermählt.

Da hat sich einer nicht nur ausgesöhnt mit seiner Herkunft, er hält sie auch noch hoch, mag man denken. Die Eltern hatten eine Metzgerei in Geislingen, der Sohn Bruno lernte bodenständig Industriekaufmann, bis zur Prüfung. Danach quittierte er diesen Dienst und verpflichtete sich auf zwei Jahre bei der Marine. Anschließend arbeitete er als Altenpfleger. Das Malen hat ihm damals ein Kumpel näher gebracht. „Das fand ich super. Ich bin dann gleich los und hab’ Abtönfarbe und buntes Papier gekauft und losgelegt“, erinnert sich Nagel. Im Altenheim hat er dann auch begonnen die Senioren mit Kohlestift zu porträtieren.

Alles, was ihm in die Finger kommt, wird bemalt

Zurück im Filstal verschlug es ihn dann Ende der 80er Jahre in die Zachersmühle. Bemalt wurde von dem stets unter Geldmangel leidenden Jungkünstler alles, was zu haben war. Als Leinwand dienten verschlissene Schürzen und Tischdecken, als Untergrund aber auch ausgediente Gartentische, Fassdauben, Bretter. Damals entstanden auch die Strichmännchen, die bis heute das Markenzeichen des Zachersmühlen-Programmheftchens sind, mit denen Nagel aber auch andere Druckerzeugnisse illustriert, wie das Rezeptheft des gläsernen Kirchentags-Restaurants.

Von Anfang an habe ihn aber auch die Lyrik begeistert, erzählt Nagel. Begonnen habe es ganz banal, mit Liebesgedichten und Oden an die Natur. Streng genommen hat sich bis heute nicht viel verändert. Nur ist sein Wortsinn spitzfindiger. Ende der 90er Jahre gelang Bruno Nagel der Absprung nach Stuttgart. Er wohnte in einer Galerie, kellnerte im Café Heller, druckte seine Gedichte auf einem Visitenkartenautomaten und wurde von einem Architekten engagiert, eine Fassadenbeschriftung für das Kommunikationsmuseum zu realisieren. Es ging aufwärts.

Karriere als anonymer Zaundichter

Im Jahr 2000 zog Bruno Nagel nach Berlin. „Da lief es gut“, erinnert er sich. Im Kunst-Restaurant-Projekt Zagreus fand er eine zweite Heimat. Weitere Aufträge für Kunst am Bau folgten. Als anonymer Zaundichter machte er zwar nicht von sich, aber doch von seinen Werken reden. Eine Baulücke bepflanzte er, gestaltete einen Ateliergarten mit skurrilen Objekten, den Zaun nutzte er als Kommunikationsobjekt, wo er seine Sprachkunst installierte. „Das ging so weit, dass ich sogar Antworten darauf hingehängt bekam“, sagt Bruno Nagel. Nach Halle, Bremen sowie an die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe wurde er schon als Gastdozent für Kommunikationsdesign gerufen.

Und dennoch: „Leben kann man davon allein halt nicht. Andere können das besser, aber mein Ding ist es nicht, mich selbst zu vermarkten“, stellt Bruno Nagel fest, der sich gleichwohl nicht zu schade ist, seine Werke bis zum Rande der Lächerlichkeit verkleidet auf Misthaufen, in Ruinen, Kneipen oder an Pferdekoppeln zu inszenieren. Immerhin wurde seine Poesie schon in der taz abgedruckt. „Ich habe eines meiner Gedichte eingereicht. Die dachten aber, das sei eine Einsendung für ein Preisausschreiben. Ein Honorar gab es nicht, dafür den zweiten Preis, ein Paar Gummistiefel.“

So wird er sich weiter durchschlagen, als Wandler zwischen Urbanität und Streuobstwiesen, Hochschulen und Besenwirtschaften, als Heimatdichter und Künstler.




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