Porträt von Ethan Hawke Freund und Feind des Hollywood-Mainstreams

Von RKo 

Vom „Club der toten Dichter“ zur Ikone der Generation X: der Hollywood-Schauspieler Ethan Hawke legt viel von seiner Persönlichkeit in seine Rollen.

Ethan Hawke und Julie Delpy in dem Film „Before Midnight“ Foto: dpa
Ethan Hawke und Julie Delpy in dem Film „Before Midnight“ Foto: dpa

Hollywood - In Richard Linklaters bezaubernder Romanze „Before Sunrise“ ist der junge Ethan Hawke als Jesse im Jahr 1994 auf Interrailtour durch Europa, trifft im Zug die Französin Céline (Julie Delpy), bringt sie dazu, mit ihm eine Nacht lang durch Wien zu streifen, und als sie am nächsten Morgen weiter reist, wird für ein halbes Jahr später ein Wiedersehen verabredet. Es dauert dann allerdings ein knappes Jahrzehnt, bevor sich Jesse und Céline in der in Paris spielenden Fortsetzung „Before Sunset“ wieder begegnen. Er ist unglücklich verheiratet, Familienvater, Schriftsteller, und auch sie steckt in einer Beziehung fest. Aber nach dem ungeschickten Begrüßungsküsschenritual ist die Befangenheit weg, die Wörter sprudeln, die große Vertrautheit ist erneut da. Ob er nun zurückfliegt in sein altes Leben oder endlich bereit ist für ein neues mit Céline, diese Frage allerdings hat der Regisseur damals offen gelassen und erst jetzt, in „Before Midnight“, beantwortet.

Warum aber hat sich diese Frage im Kopf des Zuschauers länger festgesetzt als manch anderer offene Schluss im Kino? Vielleicht weil der Regisseur dieser Independent-Filme die Langzeitbeobachtung ausprobiert, die vorwiegend aus Dokumentationen bekannt ist. Die Realität lugt also schon deshalb in die Fiktion hinein, weil die Darsteller der Jesse-und-Céline-Geschichten das Älterwerden nicht nur spielen. Vor allem für Ethan Hawke, der wie Julie Delpy an den Drehbüchern mitarbeitet, geht es aber auch darum, seine Filmfigur als Alter ego aufzubauen, eigene Erfahrungen in sie einfließen zu lassen, Ereignisse in seinem Privatleben zu reflektieren oder mit Alternativen zu spielen.

Wie im echten Leben

„Dies ist das echte Leben, es ist nicht perfekt, aber echt!“, sagt Jesse jetzt in dem weniger romantischen denn alltagsgesättigten „Before Midnight“, in dessen erster Sequenz er den Sohn aus seiner gescheiterten Ehe zum Flughafen bringt. Jawohl, der schlaksige Jesse, der Kerl mit dem schlampigen Slacker-Look, dem das Hemd halb über den Gürtel hängt, lebt nun mit Céline zusammen, mit der er auch Zwillingstöchter hat. Den letzten Urlaubstag verbringt er aber damit, sich mit Céline zu streiten – und sich vielleicht wieder zu versöhnen.

Auch Ethan Hawke, der von 1998 bis 2004 mit seiner Kollegin Uma Thurman verheiratet war, hat zwei Kinder aus dieser gescheiterten Ehe. Inzwischen lebt er mit Ryan Shawhughes zusammen, die mal die Nanny dieser Kinder war und jetzt selber Mutter von zwei Hawke-Töchtern ist.

„Ich habe einen amerikanischen Teenager am Hals!“, sagt Céline spöttisch in „Before Midnight“. Tatsächlich wirken nicht nur der 41-jährige Jesse, sondern auch sein 42-jähriger Darsteller Ethan Hawke, denen ein Ansatz von Bäuchlein wenn nicht gut, dann doch zusteht, immer noch jungenhaft, als hätte der Ernst des Lebens noch nicht wirklich begonnen. Und Hawke, der schreibt und Theater spielt und auch eine eigene, inzwischen wieder aufgelöste Gruppe gegründet hat, will ja auch für so vieles offen bleiben und sich nicht in die Hollywood-Routine hineinpressen lassen.

Alles begann mit dem „Club der toten Dichter“

Begonnen hat seine Filmkarriere 1989 mit Peter Weirs Drama „Der Club der toten Dichter“. Er war der schüchterne Schüler Todd, der am Ende rebelliert, sich auf einen Tisch stellt und seinen entlassenen Lehrer mit dem Ruf „O Captain! My Captain!“ ehrt. In Ben Stillers „Reality Bites – Voll das Leben“, ist dann von Rebellion keine Rede mehr. Denn alles, was man gegen die Verhältnisse aufbieten könnte, wird ja sofort geschluckt, verdaut und verkauft. „Ich habe nicht den Auftrag, die Welt zu verändern“, sagt Ethan Hawke als sarkastischer Nichtstuer Troy, der hier schon sein in der „Before“-Serie gepflegtes Bärtchen trägt und zu einer Ikone der Generation X wird.

Ein Filmstar aber wollte er nie werden, behauptet Hawke, auch wenn er es probiert habe. Der Thriller „Taking Lives“, in dem er an der Seite von Angelina Jolie spielt, sei ein Popcorn-Movie, „der erste Film , in dem es um nichts geht. Ich mochte das nicht, es gibt genug solchen Quatsch.“ Die Filmindustrie werde immer mehr vom Big Business „kontrolliert und aufgefressen“. Einen Film wie „Before Sunset“ aber, so Hawke, würde sogar Tschechow lieben: „Weil es um Nuancen geht. Jede Drehbuchschule hätte das Script weggeworfen. Es gibt keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende, alles fließt, alles versucht, die Nuancen des Lebens zu erfassen, alles glaubt daran, dass das, was Gott sein könnte, in dieser Energie lebt, die zwischen uns fließt. Ich lebe für so etwas.“

Mit solchen Reden kann man es sich in Hollywood verscherzen. Hawke ist auch nicht im Zentrum des Mainstreamkinos zu finden, ganz draußen ist er trotzdem nie. In dem Science-Fiction-Film „Gattaca“ spielt er einen genetisch nicht perfekten Mann in einer Perfektion verlangenden Welt, in „Training Day“ einen auszubildenden Polizisten in einem korrupten Apparat. Auch bei solchen Filmen geht es Hawke darum, die Rolle mit Persönlichem zu verbinden, so dass das Spiel nicht nur Pose bleibt. In der „Before”-Serie sei er einem „dreidimensionalen Charakter” wohl am nächsten gekommen. Sein Jesse sei nicht „flamboyant, aber ein wiedererkennbarer Mensch“. Und genau deshalb würde man gerne wissen, wie es mit ihm und Céline weiter geht.




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