Porträt von Jean Claude Juncker Der exzentrische Eurokrisenmanager

Von , Brüssel 

Jean-Claude Juncker spielt gegenüber Athen die Rolle des „good cop“. Ob es ein Happy End in der griechischen Schuldenkrise geben wird, zeigt sich diese Woche.

Jean Claude Juncker führt die Kommission selbstbewusst – und mit Witz. Foto:AP
Jean Claude Juncker führt die Kommission selbstbewusst – und mit Witz. Foto:AP

Brüssel - Jean Claude Junckers Tag endet, wie er begonnen hat. Am Morgen hat er Alexis Tsipras kess gefragt, ob sein auf Griechisch vorgetragenes Pressestatement inhaltlich mit dem übereinstimme, was er ihm auf Englisch erzähle, um Athens Premier dann einen Klaps auf die Wange zu verpassen. Nun, da der Eurogipfel der Staats- und Regierungschefs vorüber ist, berichtet er über die neuen Reformvorschläge, die der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds „zur Meditation vorgelegt wurden“. Gekicher im Pressesaal: Juncker ist immer für eine schräge Bemerkung gut. Er sticht damit schon aus dem sach- und zahlenbezogenen Brüsseler Normalbetrieb heraus, in der zugespitzten Krisensituation, da sich Griechenland und der Rest der Eurozone einen Schlagabtausch liefern, erst recht.

Aufsehen erregte er, der die Akteure besser kennt als andere, kürzlich beim EU-Ostgipfel, als er Ungarns Viktor Orban mit „Hallo, Diktator“ begrüßte, Belgiens Premier Charles Michel die Glatze küsste und dem Luxemburger Landsmann Jean Asselborn symbolisch eine klebte. „Manchmal übertreibt er es mit seiner exzentrischen Art“, sagt ein belgischer Diplomat, „aber in dieser angespannten Lage hilft es, dass er mit allen klarkommt – er bringt die Menschen trotz unterschiedlichster Positionen zusammen.“ Gegenüber der neuen Athener Regierung hat er im Gegensatz zu vielen anderen „bad cops“ den „good cop“ gespielt. Anders als Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa hat er einen „Grexit“ stets ausgeschlossen, weil er es als Aufgabe seiner Generation begreift, die europäische Integration unumkehrbar zu machen. Und auch in der Institutionen-Troika war es stets die Kommission, oft der ehemalige Eurogruppen-Chef Juncker selbst, der Kompromisse vorschlug. „Der IWF ist eindeutig härter gegenüber Griechenland, wir sind irgendwo dazwischen“, sagt ein Zentralbanker. Man hätte sich gewünscht, dass Juncker Tsipras früher öffentlich getadelt und damit mehr Druck ausgeübt hätte.

Juncker hält sich zugute, ein Freund Griechenlands zu sein

Schon bei ihrem ersten Treffen nahm Juncker den Neuling Tsipras bei der Hand, zeigte ihm die Tabelle mit den Milliardenbeträgen, die sein Land noch 2015 seinen Schuldnern zurückzahlen muss, oder setzte ihn – als Tsipras völlig unvorbereitet zu einem weiteren Treffen erschien – erst mal vor einen Computer in seinem Büro, damit er sich die nötigen Zahlen besorge.

Tsipras ließ das mit sich machen, weil Juncker der erste EU-Akteur war, der ihm Gespräche jenseits der Technokraten-Ebene zugestand – und über einen Draht zu Angela Merkel verfügt, ohne unter ihrer Fuchtel zu stehen. Überliefert ist ein Telefonat, als sich die Kanzlerin im Namen von Günther Oettinger beschwerte,, „ihr“ Kommissar habe ein wichtiges Sitzungsdokument zum Euro-Stabilitätspakt zu spät erhalten. „Das ist nicht dein Kommissar“, soll Juncker gekontert haben, „das ist mein Kommissar.“ Nicht zuletzt hält sich Juncker zugute „ein Freund des griechischen Volkes“ zu sein – und telefoniert angeblich wöchentlich mit persönlichen Freunden vor Ort, um sich ein Bild zu verschaffen.

Tagelang hat er sich geweigert, mit Tsipras zu telefonieren

„Ich weiß, dass viele, vor allem in Deutschland, in mir einen naiven Griechenlandversteher sehen“, hat der Luxemburger dem „Spiegel“ gesagt. Schwer etwa wiegen die Anschuldigungen, er übergehe die Eurogruppe als Entscheidungsinstanz und habe mit seinem Nein zum „Grexit“ die Griechen zum Zocken eingeladen. Juncker kontert damit, Tsipras mehrfach darauf hingewiesen zu haben, dass er nicht mehr als ein Brückenbauer sein könne. Zu einem Treffen Anfang Juni bat er Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem gegen Tsipras’ Wunsch hinzu. Und als Tsipras Vorschläge öffentlich „absurd“ nannte, die er im Gespräch zuvor akzeptiert hatte, nahm Juncker tagelang das Telefon nicht ab, als Tsipras anrief – um ihn später wieder freundlich zu empfangen.

In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der Film mit Juncker in der Rolle des verständnisvollen Kumpels auch ein Happy End hat. Er sei sich nicht sicher, ob die Griechen nur blufften oder schlicht zu unerfahren seien, um zu ermessen, worum es gehe, heißt es. Klar ist, dass er vor der für Mittwoch geplanten Eurogruppen-Sitzung wieder viel am Telefon hängen wird.