Porträt von Kai Thomas Geiger „Wie waren die Achtziger in Möhringen?“

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Der Werbetexter und Blogger Kai Thomas Geiger hat seinen ersten Roman geschrieben – über Jugendliche im Stuttgart seiner Jugend: „autoreverse“.

Kein alberner, kein ironischer Rückblick: Kai Thomas Geiger hat ein Buch geschrieben, das einfach Spaß machen soll. Foto: Tom Ziora
Kein alberner, kein ironischer Rückblick: Kai Thomas Geiger hat ein Buch geschrieben, das einfach Spaß machen soll. Foto: Tom Ziora

Stuttgart-Möhringen - Wer mit Kai Thomas Geiger im Reyerhof in Stuttgart-Möhringen zu Mittag isst, sitzt eigentlich auch gleich mittendrin, mitten in dem Ort, an dem seine Geschichte spielt. Nur dass seither mehr als drei Jahrzehnte vergangen sind. Seither – das heißt seit den achtziger Jahren, in denen Geiger, Jahrgang 1966, selbst in Möhringen aufgewachsen ist, und von denen auch die Coming-of-Age-Geschichte in seinem soeben erschienenen Roman „autoreverse“ erzählt.

Es ist zwar nicht ungewöhnlich, an einem realen Ort zu sein, den man aus einer Romanhandlung zu kennen meint, aber normalerweise ist das dann der Berliner Alexanderplatz oder der Club Berghain oder eine Bar in Hollywood. In Wahrheit hat es doch aber sehr viel mehr poetische Größe, wo zu sitzen und zu wissen, dass in der Nähe der Fasanenhof-Bus verkehrt. Die wichtigste Verkehrsachse! Zumindest für die jugendlichen Protagonisten in „auto­reverse“. Man ist schließlich als Dreizehnjähriger damals nicht ohne Weiteres irgendwo anders hingekommen: da gab es Möhringen, den Heimatort, und höchstens noch Fasanenhof. Gut, später war da noch die Tanzschule Dieterle in Stuttgart-Mitte. Doch das kam eben später.

autoreverse Trailer from Thauma on Vimeo.

Kai Thomas Geiger blickt durch die Fensterscheiben des Reyerhofs in den Kuhstall, der vom Restaurant aus zu sehen ist: „Es war damals natürlich noch nicht wie heute, dass man von der einen in die andere Location getingelt ist, dass man ständig auf Facebook schauen konnte, wo die anderen gerade sind.“ Wer jetzt denkt, der Geiger sei ein Nostalgiker, liegt falsch. Kai Thomas Geiger arbeitet seit bald 25 Jahren als Werbetexter und Gestalter, er entwirft Werbung für große Kunden wie Adidas oder DM. Geiger hat in München gearbeitet und in L. A. ein Filmdrehbuch (und zwar das zu dem Film „Dead Fish“ mit Gary Oldman) geschrieben und unter anderem in der Metal-Band Sinner gespielt.

Lust auf Veränderungen und auf Neues

Und jetzt hat er die Geschichte seiner Jugend in Möhringen aufgeschrieben? Geiger schüttelt entschlossen den Kopf. „Sonst fragt doch auch niemand, ob die Anzeige, die ich fürs Bettenhaus gemacht habe, autobiografisch sei. Man sollte mal einen Pornoregisseur fragen, ob seine Werke eigentlich autobiografisch sind.“ Geiger lacht. Fast jeden Satz, den er so dahersagt, will man sich auf ein Kissen sticken lassen. Und dabei spricht Kai Thomas Geiger mit ruhiger Stimme, wirkt immer ein bisschen so unprätentiös wie der Typ von nebenan. Das kann aber auch an der Geschichte liegen, die er in seinem Roman beschreibt, die einem immer irgendwie bekannt vorkommt und im Kopf herumschwirrt, wenn man ihn trifft.

Die Geschichte im Möhringen der Jahre 1979 bis 1984, in der auch Bands wie AC/DC oder Motörhead ihre Rollen spielen, ist bei Geiger aber kein „ironischer Blick auf die Achtziger – nach dem Motto: Oh, schau, wir hatten alle so doofe Frisuren – wie oft in Talkshows“. Dass er an einem Buch schreibt, hat Geiger lange geheim gehalten – sogar vor seinen Freunden. Klar, ein Blogger, der auch bei dem bekannten Stuttgarter Blog Kessel-TV aktiv ist, ein Werbetexter, einer, der viel im Internet schreibt – aber ein Schriftsteller? „Ich wusste ja gar nicht, ob ich das schaffe.“

Angefangen hatte es mit einem Blogeintrag, den er zu einem kuriosen Kartenspiel seiner alten Schule, dem Möhringer Königin-Charlotte-Gymnasium, geschrieben hatte: das Spiel war ein „Lehrerquartett“ – mit Abbildungen der Lehrer aus der Schulzeit damals. Was der Autor darüber gebloggt hatte, fand der Stuttgarter Theiss Verlag so spannend, dass er Geiger prompt fragte, ob er ein Buch schreiben wolle. So über damals eben. Bis dahin hatte sich der Werbetexter das nie überlegt. Doch offen für Neues war er schon immer gewesen. Wenn er zu lang für eine Agentur gearbeitet hatte, zu lang an einem Projekt oder in einer bestimmten Sparte, dann stellte sich oft ganz plötzlich der Wunsch nach Veränderung ein. „Ich wusste, ich muss wieder springen, ich brauche einen Bruch“, erzählt Kai Thomas Geiger.

Vitamin B hat er nicht nötig

Er ist ein Ruheloser. Irgendwie ist es diesem Mann gelungen, sich einen ungewöhnlich neugierigen Blick zu behalten, und vor allem, sich diesen auch selbst zu erlauben. Manchmal, wenn er Zeit hat, geht er „stromern“, läuft einfach los und schaut, was passiert. Und es passieren die schönsten Dinge. Einmal hat Kai Thomas Geiger in Los Angeles in einem Hinterhof einen alten Porsche entdeckt. Schnell stellte sich heraus, dass das ungewöhnliche Modell von seinem Vater gebaut worden war, der einst bei Porsche gearbeitet hatte. Überhaupt Los Angeles. Wie so viele, die einmal länger dort waren, hat auch Kai Thomas Geiger die Liebe für diese widersprüchliche Metropole so richtig gepackt. Und die kann auch wehtun. Ist er hier, will er dort sein und umgekehrt, manchmal zumindest.

Doch Geiger hat es bisher immer wieder zurück nach Stuttgart gezogen. Nach dem Abitur in Möhringen hatte er einmal schon „eine Einliegerwohnung in Berlin“, wie er erzählt. Doch dann hat er gemerkt, dass auf dem favorisierten Studiengang ein Numerus clausus war. „Dann bin ich eben hier geblieben.“ Und plötzlich hat ihn eine von diesen Vitamin-B-Geschichten in die Werbebranche gehievt – und dort hat er gezeigt, dass er Vitamin B gar nicht nötig hat.

Geiger wohnt heute in Degerloch, also gar nicht so weit weg von der Heimat Möhringen. In Möhringen leben auch noch einige derjenigen, mit denen der Autor damals aufs Königin-Charlotte-Gymnasium gegangen ist. Doch die meisten der ehemaligen Klassenkameraden sieht er nur noch selten. Ob die Freunde von früher wohl sein Buch lesen werden? Eigentlich kennen seine Freunde den Autor nur als Thomas, obwohl Kai der erste Name ist – der aber, wie bei so vielen in den Sechzigern und Siebzigern Geborenen nie der Rufname war. Doch vor einigen Monaten zog plötzlich ein Mann namens Thomas Geiger in das Haus in Degerloch ein, in dem auch der Autor wohnt. Eine I-a-Gelegenheit also, den alternativen Vornamen auszugraben: „Ich will schließlich meine Post bekommen.“ Die schönsten Geschichten passieren nämlich einfach so.

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