Porträt von Kim Schmitz Eine Art Ein-Mann-Dschungelcamp

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Kim Schmitz wollte ein ganz Großer mit der illegalen Plattform Megaupload im Internet werden. Jetzt soll ihn das FBI zur Strecke bringen.

Schmitz soll 2010 mit Megaupload 42 Millionen Dollar kassiert haben. Foto: AP 3 Bilder
Schmitz soll 2010 mit Megaupload 42 Millionen Dollar kassiert haben. Foto: AP

Berlin - Dieser Gegner könnte selbst für Kim Schmitz zu schwer sein. Seit einer knappen Woche sitzt der ehemalige New-Economy-Star in einem Gefängnis von Neuseeland. Sein Anwalt hat ihn im Stich gelassen, und am Mittwoch hat ihm der zuständige Richter erneut eine Freilassung auf Kaution verweigert. Mit der Internetplattform Megaupload ist Schmitz vor Jahren auf das Schlachtfeld des weltweiten Streits um Raubkopien von Filmen oder Musikstücken getreten und hat Millionen verdient. Er hat dort Speicherplatz zur Verfügung gestellt für alles, was die Kunden im Netz tauschen wollen. Eine Art digitales Transportschiff, das jeder nutzen kann, auch Piraten. 50 Millionen Menschen nutzen laut Eigenwerbung täglich dieses Angebot. Doch die mächtige US-Unterhaltungsbranche hat ihn aufs Korn genommen. Die US-Behörden wollen seine Auslieferung. Schmitz soll ihnen zufolge allein 2010 mit Megaupload 42 Millionen Dollar kassiert haben. Jetzt drohen ihm 20 Jahre Haft.

Schmitz ist in Deutschland mit der Internetblase groß geworden. Schon damals, Ende der 90er, führt er ein Leben in Saus und Braus. Sein Geschäftsmodell seit frühester Jugend: er verspricht Dinge, verkauft Visionen. Und immer aufs Neue hat er Geschäftspartner und Investoren gefunden. Als das Feld in Deutschland abgegrast ist, geht er nach Asien und zieht Megaupload auf. In seinem Leben scheint sich alles mit Geld regeln zu lassen.

Mister Mega hat Frau und Kinder

Selbst die Einwanderungsbehörde in Neuseeland kann er mit Barem überzeugen. Im Jahr 2010 wird ihm ein Visum der Kategorie "hoher Investor" gewährt. Dafür müssen sich Ausländer mit mindestens zehn Millionen neuseeländischen Dollars zum Beispiel Staatsanleihen kaufen. Um das zu feiern, spendiert Schmitz der Stadt Auckland zum Jahreswechsel ein Megafeuerwerk für einen angeblich sechsstelligen Betrag. Er selbst soll es vom Hubschrauber aus betrachtet haben. Die Villa, die er mit Frau und zwei Kindern dort bewohnt und wo er sich am Freitag im extra eingerichteten Panikraum vor der Festnahme versteckt hat, kann er indes nicht kaufen. Dafür ist sein Strafregister zu lang.

Der Antrieb des am Samstag im neuseeländischen Gefängnis 38 Jahre alt gewordenen Hochstaplers: Aufmerksamkeit. Schon sein Erscheinungsbild hilft dabei. Zwei Meter groß, massige Gestalt, immer in Schwarz gekleidet. Ein Leben als Inszenierung. Die letzten Gerichtsbilder von Mister Mega, wie ihn viele nennen, dürften ihm wohl missfallen. Bei Schmitz war bisher nämlich alles mega inszeniert.


Wenn sich der gebürtige Kieler in der Öffentlichkeit gezeigt hat, dann stets in Siegerpose, oft mit einer oder zwei Frauen im Arm. Eine seiner vielen Luxuskarossen, sein Hubschrauber oder seine Yacht kamen dabei mit ins Bild. Die Kennzeichen seiner nun beschlagnahmten Karossen tragen Namen wie "GOD", "HACKER", "POLICE", "CEO" oder "MAFIA". Dass es sich dabei unter anderem um ein Rolls-Royce-Cabrio und einen rosafarbenen Cadillac handelt, ist Ausdruck seines Lebensstils, über den er 2001 sagt: "In den USA wäre ich einer von vielen." Er gebe sein Geld gern aus und habe großen Spaß dabei.

Seine Inszenierung beginnt früh. Laut "Kieler Nachrichten" gibt Schmitz stets an, als Hochbegabter 1991 das Abitur auf dem Internatsgymnasium Schloss Plön erlangt zu haben. Stattdessen geht er in die Heinrich-Harms-Hauptschule. Beide Schulen bestätigen das. Den "Kieler Nachrichten" sagt ein früherer Erzieher des Schülerheims Rohwedder in Ascheberg, einer Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche, über Kim: "Ich habe nie wieder einen solchen Jugendlichen kennengelernt, er war eine richtig linke Socke." Der Heilpädagoge, der namentlich nicht genannt werden möchte, ergänzt: "Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber Kim hat sogar seine besten Kumpels angeschissen."

Chaos Computer Club wollte ihne nicht

Ähnlich spricht der Autor und StZ-Kolumnist Peter Glaser über seine Begegnung mit "Kimble", wie Kim sich nannte, als er noch Hacker sein wollte: "Es war entweder 1996 oder 1997, als der Chaos-Computer-Congress noch im Eidelstedter Bürgerhaus in Hamburg stattfand, als sich Kim Schmitz ständig an den CCC (Chaos Computer Club) rangewanzt hat." Niemand dort habe das erfreut, und zum ersten Mal habe jemand Lokalverbot bekommen. Andy Müller-Maguhn, der damalige Sprecher des CCC, habe alles getan, damit "Kimble" nicht reinkommt. Dieser aber habe dann vor der Tür lautstark auf sich aufmerksam gemacht. Später hat er oft behauptet, Mitglied des CCC zu sein. Schon damals habe er laut Glaser herumgeprotzt und sei immer mit zwei Tussis im Arm herumgelaufen.

Die Mitglieder des Chaos Computer Clubs ärgert es maßlos, dass Schmitz sich immer wieder als Sicherheitsexperte und Hacker ausgibt. In der Hackerszene bezeichnet man ihn als "Skriptkiddie" - das sind jene, die trotz mangelnder Kenntnisse mit zusammenkopierten Programmiercodes in fremde Computersysteme eindringen oder sonstigen Schaden anrichten. Heute sieht Peter Glaser in ihm eine "böse Karikatur des Raubtierkapitalismus", die ohne jede Moral operiere. Er scheine permanent das Gefühl zu brauchen, Superman zu sein. Glaser bezeichnet ihn als eine Art "Ein-Mann-Dschungelcamp", dem der "Peinlichkeitsnerv" herausoperiert wurde.


Ende der 90er wird Schmitz als Gast in Talkshows, wo er über ausschweifende Partys und seine illegalen Autorennen berichtet, bekannt. Mit 24 Jahren wird er vom Landgericht München wegen Betrugs, Computerbetrugs, Bandenhehlerei und Missbrauchs von Titeln zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Nach seiner Verurteilung 1998 gründet Schmitz die Firma Data Protect, die er wenig später an den Tüv Rheinland verkauft und die schon 2001 pleitegeht.

Zu der Zeit ist Schmitz längst eine schillernde Figur der Dotcom-Blasen-Zeit. Für seine erste Million muss er eigenen Angaben zufolge lediglich einen Businessplan vorlegen. Im Februar 2001 sagt Kim Schmitz in der Sendung von Harald Schmidt: "Meine erste Million habe ich vom deutschen Staat bekommen. Als ich meine erste Businessplanung gemacht habe, habe ich Geld gesucht." Und da habe ihm der deutsche Staat in Form eines Jungunternehmer-Förderprogramms eine Million Mark Fördermittel gegeben, mit dem Ziel, dass er Arbeitsplätze schaffe und neue Technologien in der Wirtschaft etabliere. Seinen Part vom Deal habe er erfüllt.

Raus aus Deutschland

Zu dem Zeitpunkt beginnt sich das Blatt für Schmitz in Deutschland zu wenden. In der gleichen Sendung beklagt er sich im Ton eines beleidigten kleinen Jungen, dass er einerseits als Jungunternehmer auf Kongressen herumgereicht werde und nun "in den Arsch getreten" werde. Schließlich bezahle er ja auch viel Steuern in Deutschland. Selbst für die Rettung der Firma Letsbuyit.com, für die er wenig später wegen Insiderhandels zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wird, stellt er sich in der "HaraldSchmidtShow" noch als barmherzigen Samariter dar. 2002 spürt ihn die Polizei in Thailand auf. Er sitzt seine Strafe in Deutschland ab.

Danach beginnt Schmitz in Hongkong neu. Dort soll er sein geschäftliches Hauptquartier in einem Luxushotel eingerichtet haben - für 10.000 Euro Miete pro Tag. Das Herzstück ist die Datentausch-Plattform Megaupload, die jetzt von der US-Bundespolizei FBI unter dem Vorwurf massiver Urheberrechtsverletzungen ausgehoben wurde. Glaubt man den Betreibern, machte Megaupload ihrem Namen alle Ehre. 180 Millionen registrierte Nutzer, zeitweise vier Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet, mehr als 50 Millionen Zugriffe pro Tag und mehr als eine Milliarde Besucher. Viele der Nutzer haben 260 Dollar für ein vermeintlich lebenslanges Abo bezahlt. Geld kam auch durch Werbung herein.

Lange hält Kim Schmitz sich bei Megaupload im Hintergrund, hat nach eigenen Worten mit dem operativen Geschäft nichts zu tun. Aus dem Schatten tritt er, der sich in Kim Dotcom umbenannt hat, erst kürzlich, als er in seinem Werbeclip auftaucht und zweimal "It's a hit!" ins Mikrofon singt, neben Alicia Keys, dem Rapper Snoop Dogg und P Diddy. Ein Auftritt ganz nach seinem Geschmack. Endlich ist er wieder im Rampenlicht, inszeniert sich als globaler Internetunternehmer. Aber das sollte nicht von Dauer sein. Wieder einmal hat ihm sein Ego einen Streich gespielt.