Porträt Das Leben ist schlagartig verändert

Von Rolf Spinnler 

Während seines Studiums merkte Taïa, wie dürftig sein Französisch eigentlich war; deshalb begann er, ein Tagebuch zu führen, um seine Ausdrucksfähigkeit zu verbessern. So wurde er wider Willen zum französischen Schriftsteller und setzte damit eine Dialektik in Gang, die er so beschreibt: „Ich schreibe auf Französisch, aber ich denke auf Arabisch“. Die List dieses Schreibens besteht darin, dass er in der von der marokkanischen Elite benutzten fremden Sprache jene Welt beschreibt, die diese Elite nicht wahrhaben will: jenes andere Marokko jenseits der offiziellen Hochglanzbroschüren, das in Taïa seinen Chronisten gefunden hat. Es ist ein Marokko, in dem Armut und Machismo herrschen, aber auch eine poetische Sinnlichkeit das Leben prägt. Dank einem Stipendium kam Taïa 1998 für ein Jahr an die Universität von Genf, 1999 wagte er den Sprung an die Pariser Sorbonne. Im Jahr 2000 veröffentlichte er in Frankreich, wo er seit vierzehn Jahren lebt, mit „Mon Maroc“ seine erste Sammlung von Kurzgeschichten, 2005 folgte der Erzählband „Le rouge du tarbouche“ und 2006 der autobiografische Bildungsroman „L’armée du salut“, nun beim renommierten Verlag Seuil.

Dann geschah etwas, das Taïas Leben schlagartig verändern sollte. In einem Interview mit dem regierungskritischen marokkanischen Politikmagazins „Telquel“ im Jahr 2006 wollte die Journalistin auch auf Taïas Homosexualität zu sprechen kommen, die für jeden Leser mit offenen Augen aus seinen Texten ersichtlich war. Vor die Wahl gestellt, dem Thema auszuweichen oder sich zu outen, entschied er sich für die zweite Option. Damit war Taïa der erste schwule arabische Schriftsteller, der sich öffentlich zu seiner sexuellen Neigung bekannte. Dieses Coming-out löste ein kleines Erdbeben in der marokkanischen Öffentlichkeit und bestürzte Reaktionen in Taïas Familie aus. Denn Homosexualität ist in der arabischen Welt immer noch ein Tabu, homosexuelle Handlungen sind in den meisten Ländern strafbar.

Traum vom Kino

Taïa hört es nicht gern, dass er in den Augen der arabischen schwulen Community ein Held ist. Nein, wehrt er ab, er lebe ja im halbwegs komfortablen Paris; die wahren Helden seien die Homosexuellen in Marokko, die das schwule Internet-Magazin „Aswat“ gegründet hätten. Die Homosexuellenbewegung sei Teil des arabischen Frühlings, meint er und verweist etwa auf die libanesische Independent Band Mashrou‘ Leila, deren Sänger Hamed Sinno sich als schwul geoutet hat. Den Traum vom Kino hat Taïa freilich nicht aufgegeben, und als er 2008 das Angebot erhielt, „L‘armée du salut“ zu verfilmen, griff er zu.

Fünf lange Jahre hat Abdeallah Taïa an dem Projekt gearbeitet; gedreht wurde mit der renommierten Kamerafrau Agnès Godard, in Casablanca und Genf. Der Film hatte seine Premiere im vergangenen Herbst in Venedig und ist inzwischen schon auf zwei Festivals, in Genf letzten November und jetzt im Januar im französischen Angers, mit Preisen bedacht worden; im Mai 2014 wird er in Frankreich dann schließlich in die Kinos kommen. Taïa hofft sehr, dass der Film trotz des schwulen Sujets auch in Marokko gezeigt wird; die renommierten arabischen Festivals in Marrakesch und Dubai haben ihn zwar abgelehnt, aber er war im Februar beim Filmfestival von Tanger zu sehen – ein erster Erfolg im Kampf mit der Zensur.