Porträt: Winfried Kretschmann Auf verschlungenem Pfad

Von Reiner Ruf 

Rechtzeitig zur Wahl von Winfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten haben zwei Stuttgarter Journalisten seine Biografie verfasst.

Vor der Kür Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten erscheint jetzt eine Biografie.  Foto: dapd
Vor der Kür Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten erscheint jetzt eine Biografie. Foto: dapd

Stuttgart - Es ist das Buch zur Wahl. Wenige Tage vor der Kür Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten haben die beiden Stuttgarter Journalisten Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel, beide ausgewiesene Kenner der Landespolitik, eine Biografie des Grünen-Politikers vorgelegt. Kretschmann wird der erste Regierungschef seiner Partei in einem Bundesland sein. Das verleiht dem bei Herder verlegten Buch eine zusätzliche Bedeutung. Kenntnisreich beschreiben die Autoren den langen, überraschend gewundenen und bis zuletzt schier unglaublichen Weg des Mitgründers der Südwest-Grünen an die Macht. Sie gehen dabei, was der Lesbarkeit dient, nicht chronologisch vor - vom Milchbart Winfried bis zum designierten Regierungschef Kretschmann -, sondern ordnen die Biografie thematisch an.

Dem Leser wird im eleganten Plauderton und doch tiefgründig der Mensch und Politiker Kretschmann nahegebracht: der konservativ geprägte Politiker, der indes vielschichtig (und flexibel) genug ist, um auch zur SPD hin anschlussfähig zu bleiben. So erfährt man, dass Kretschmann 1982 eindringlich für ein Bündnis mit der SPD warb, ein Jahr später dieses Ansinnen relativierte, 1986 "Mehrheiten quer zu den überkommenen Lagern" suchte, 1992 auf eine Koalitionsaussage zugunsten der SPD drang, auch eine "Ampel" sei willkommen, 1999 es aber als "bitter notwendig" empfand, "dass es irgendwo zu einer schwarz-grünen Koalition kommt", danach in Baden-Württemberg auf das Ziel Schwarz-Grün hinarbeitete - und so fort. Doch Kretschmann ist mehr als nur Politiker. Auch der überzeugte Katholik, der Lehrer, der Opernliebhaber und Alltagsphilosoph wird beschrieben. Scheinbar nebenbei erfährt der Leser vieles über das Land und Kretschmanns Partei, die Grünen.

Tendenz zur Heiligenbiografie

Die Erzählung führt bis in die letzten Tage vor der Wahl zum Regierungschef im Landtag. Die Autoren meinen es gut mit Kretschmann, mitunter tendiert das Buch allzu sehr zur Heiligenbiografie. Kretschmann gerät zum großen Menschheitslehrer. Im Streit über Stuttgart 21 leiden die Befürworter unter Informationsdefiziten. Das liest sich so: "Einer will erklären, die anderen wollen nicht verstehen." Wer aber genau hinschaut, der sieht auch Passagen, in denen ihm die Autoren nicht folgen. Etwa, wenn sie dem Christen Kretschmann einen Sankt-Christophorus-Glauben bescheinigen, der nicht danach frage, "ob der Glaube wahr' ist, als vielmehr, wozu er gut ist". Damit befinde er sich "im Hauptstrom einer Mehrheitsüberzeugung", wonach die Substanz von Religion nicht im Fürwahrhalten von Glaubenssätzen bestehe, sondern Schutz, Trost und Orientierung zu bieten habe. Zutreffend ist jedenfalls die Schlussbemerkung der Autoren, Kretschmann sei mehr auf das Wohl des Gemeinwesens bedacht als auf das eigene. "Und das ist in Zeiten der grassierenden Politikerverdrossenheit sehr viel."

Peter Henkel/ Johanna Henkel-Waidhofer: Winfried Kretschmann. Das Porträt. Herder Verlag, Freiburg, 2011. 14,95 Euro.