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Portugal Tiefrotes Wohlgefühl

Von Viola Keeve aus Porto 

Alle reden von Lissabon. Warum nur? Porto ist kleiner, feiner, besitzt auch barocke Kirchen, alte Straßenbahnen, imposante Brücken.

Die stählerne Bogenbrücke Ponte Dom Luis I. verbindet Porto mit der gegenüberliegenden Stadt Vila Nova de Gaia. Oben fahren Straßenbahnen, auf der unteren Ebene bildet sie eine Straßenverbindung. Foto: Keeve
Die stählerne Bogenbrücke Ponte Dom Luis I. verbindet Porto mit der gegenüberliegenden Stadt Vila Nova de Gaia. Oben fahren Straßenbahnen, auf der unteren Ebene bildet sie eine Straßenverbindung. Foto: Keeve

Porto - Karg und steinig ist das Dourotal, die Heimat des Portweins, nicht lieblich wie die Toskana. Jeder Tropfen wird den Felsen abgerungen. Die Winter sind kalt, die Sommer extrem heiß. Wer Porto, die barocke Stadt der Portweinbarone, verstehen will, muss im Alto Douro gewesen sein - kein Landstrich zum Verlieben. Es sei denn, man sucht eine leichte Tristesse, wie sie Tabuaço verströmt, ein ruhiger Ort in den Weinbergen. Der süße Wein hat Porto, die Stadt im grünen, kühleren Norden Portugals, reich und berühmt gemacht, seit 400 Jahren. Vor dem Bau der Staustufen, damals fuhren auf dem Douro keine Kreuzfahrtschiffe, war er ein wilder Fluss, mit Stromschnellen und engen Passagen.

Viele der Portweinschiffer überlebten die Fahrt auf den Rabelos, den Booten, wie sie heute am Kai in Porto liegen, nicht. Regelmäßig trat der Douro hier über die Ufer, überschwemmte Lager und Häuser, lernt man auf der Tour durch Keller des Portweinhauses Taylor’s, seit 1692 in Familienbesitz. Im Garten laufen Pfauen und weiße Zierhühner umher. Auf schmiedeeisernen Stühlen trinkt man in der Sonne einen trockenen, hellen Port. Mal leuchtet er blassgrün im Glas, mal tiefrot, bernsteinfarben oder karamellbraun, je nach Reife und Lagerung im Fass. Lange galt Port als süßes Gesöff für englische Ladys, für alte Käuze, als Exportschlager für dunkle englische Winterabende. Das hat sich geändert. Inzwischen gibt es sogar Pink Port, die neue Erfindung des Hauses Taylor’s. Dabei war Portwein ein Notgetränk, eine Verlegenheitslösung.

„Ein Vintage Port wird für die nächsten 60 Jahre gemacht“

Von den Franzosen, gegen die die Engländer Krieg führten, bekamen sie keinen Rotwein mehr aus dem Bordeaux, nur aus dem Dourotal. Der war ihnen zu trocken - außerdem musste er den langen Seeweg ins Königreich überstehen. Also verschnitten sie ihn mit Branntwein. Im schlimmsten Fall wird daraus Fusel, im besten Fall eine Rarität: 280 Euro kostet eine Flasche Taylor’s Vintage Port 1994. „Er schmeckt nach dunklen Beeren, Pflaumen, Feigen, Schokolade und einem Hauch Minze“, sagt Beatriz Machado, Weindirektorin des Hotels The Yeatman, das den Erben der britischen Portweindynastie Taylor’s gehört. „Ein Vintage Port wird für die nächsten 60 Jahre gemacht“, erklärt die Önologin, die an der kalifornischen Universität Davis studiert hat. „Anfangs hat er von allem zu viel: zu viel Früchte, zu viel Alkohol. Erst kommt die Fruchtphase, danach die Gewürzphase, erst dann ist die beste Zeit, ihn zu trinken.“ Der Portwein hat die Stadt am Atlantik geprägt, die mehr sein will und ist als eine Brandy-Metropole.

2005 hat Architekt Rem Koolhaas ein Konzerthaus gebaut. Vor allem Skater lieben die Treppen des weißen, schuhkartonartigen Quaders der Casa da Música. Neun Jahre zuvor entwarf Portugals Stararchitekt Álvaro Siza Vieira, 79, das Kunstmuseum Serralves, einen weißen, strengen Bau für Portos schönste Villengegend. Porto ist das Gegenteil: ein Durcheinander an Baustilen, eher ein Bollwerk, ein labyrinthartiges Geflecht aus schmalen Häusern, engen Gassen, stolz, unbeugsam, hart - ein Ort am Atlantik eben. Wo hat man das schon auf engstem Raum: da eine Spur England, dort einen Hauch Venedig, eine Prise Paris? Wer zu Fuß durch die Weltkulturerbe-Altstadt geht, findet auf der Rua Santa Catarina das Café Majestic von 1921, mit großen Spiegeln, Marmortischen und altrosa Wänden.

Wer Bücher liebt, der sollte Livraria Lello e Irmão nicht auslassen

Damals tranken Sänger und Dichter hier ihren Galão, Milchkaffee, aßen wie die Touristen heute Pastéis de Nata, mit Pudding gefüllte Blätterteigtörtchen. Wenige Schritte entfernt liegt der Jugendstil-Bahnhof São Bento, ein Gratis-Kachelmuseum. Innen ist es mit blau-weißen Fliesen, den berühmten Azulejos, geschmückt - genau wie der gotische Kreuzgang der Kathedrale. Irgendwann landet man im Bauch von Porto, im Mercado do Bolhão, der Markthalle von 1914. Neben Marienbildern hängen dunkelrote, pralle Würste, scharfe Chouriços mit Rotwein, Paprika und Knoblauch, die eine weißhaarige Matrone für vier Euro verkauft. Wer Bücher liebt, der sollte einen Ort nicht auslassen: die Livraria Lello e Irmão, ein gothisches Gebäude, innen mit rot lackierter Schmucktreppe, die sich in der Mitte teilt, holzvertäfelter Decke und einem Café, das Portwein und Espresso serviert - ein Traumraum für Bibliomane. Joanne K. Rowling soll hier oft gesessen haben, bevor sie „Harry Potter“ schrieb. Menschen in Porto nennen den Laden nur die Kathedrale der Bücher.

Der wahre Star der Stadt aber ist die Bogenbrücke Ponte Dom Luis I., vor allem morgens, wenn die Nebel vom Douro aufsteigen. Porto hat keinen Eiffelturm, aber diese Brücke, die Eiffel-Schüler Téophile Seyrig 1886 gebaut hat. Unten fahren die Autos. Oben kriecht raupengleich eine gelbe Metro über das Stahlgerüst. Früher war die Vorstadt Vila Nova de Gaia ein schäbiges Viertel. Hier lebten die ärmeren Leute, unter der Brücke. Wer mit der Gondel über Gaias Ufer schwebt, sieht viele marode Dächer, streunende Katzen, Wäsche und FC-Porto-Schals im Wind flattern, violette Kletterpflanzen. Mancherorts erobert die Natur zurück, was ihr genommen wurde. Vergangene Pracht zeigen alte Azujelos an Villen, die mit Brettern vernagelt sind, zum Verkauf stehen oder für neue moderne abgerissen werden. Hätte man Geld, würde man jetzt investieren. Doch das fehlt in den Zeiten der Krise.

Für deutsche Touristen ist Porto gerade günstig - selbst eine Nacht in einem der schönsten Boutiquehotels, dem Fünf-Sterne-Haus The Yeatman, das über den alten Lagerhäusern terrassenartig thront. Hier dreht sich alles um Wein - vom Spa bis zum Pool. Von jedem der Zimmer sieht man abends die Brücke, die glitzernde Altstadt. Schöner ist es nur am Meer, in Foz, der Endstation der alten Straßenbahn E1, kurz vor der Hafenstadt Matosinhos, in der Strandbar Vagaz. Man sitzt auf roten Plastikstühlen. Ein kühler grüner Wein, Vinho Verde, kostet 1,10 Euro. Links liegt eine Festung aus dem 17. Jahrhundert zum Schutz gegen Piraten, Castelo do Queijo, rechts Raffinerien, hinter der Promenade Hochhausblocks. Tanker ziehen vorbei, Paare, Jogger, Surfer, Menschen mit Hunden - bis die Sonne untergeht.

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