Positive Effekte Macht Kaugummi kauen schlauer?

Durch das Kaugummikauen gelangt mehr Sauerstoff ins Gehirn, ergibt eine Studie – und das macht wach. Foto: imago//Giorgio Fochesato

Studien zeigen: Wer Kaugummis kaut, lernt besser, ist entspannter und weniger anfällig für Depressionen. Aber es gibt auch Grenzen.

Stuttgart - Ihre notorischen Gegner sagen gerne: Kaugummi-Esser haben was von einer wiederkäuenden Kuh. Und das sitzt, gelten doch Paarhufer nicht gerade als klug. Tatsächlich jedoch zeigen aktuelle Studien, dass Kaugummi-Kauer geistig wach und besonders konzentriert, dabei aber entspannt wie eine Kuh auf der Wiese sind.

 

Viele kennen das aus ihrer Schüler- oder Studentenzeit? Eigentlich ist man gut drin im Stoff. Wenn da nicht der Geist immer müde würde. Und dann noch die Versagensangst, die bei der Klausur oder mündlichen Prüfung das Gehirn blockiert. Wer mit solchen Problemen zu kämpfen hat, sollte vielleicht zum nächsten Supermarkt oder Kiosk gehen und sich eine Packung Kaugummi kaufen. Denn darin könnte, so das Ergebnis einer türkischen Studie, die Lösung für die Probleme liegen.

Bessere Prüfungsergebnisse für Langzeitkauer

Das Forscherteam von der Gazi-Universität in Ankara hat an 100 Studenten überprüft, inwieweit es sich auf ihre psychische Befindlichkeit und ihre Prüfungsleistungen auswirkte, wenn sie entweder langfristig (für 19 Tage mindestens eine halbe Stunde täglich) oder kurzfristig (für sieben Tage mindestens eine halbe Stunde täglich) vor dem Examen ein Kaugummi kauten.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Corona killt den Kaugummi

„Wir verwendeten dafür bewusst ein zuckerfreies Produkt“, so Studienleiterin Şengül Yaman-Sözbir, „um zu verhindern, dass sich die Hirnaktivitäten über den Blutzuckerspiegel verändern.“ Die Stress-, Angst- und Depressionswerte der Probanden wurden mit den in der Psychologie üblichen Fragebögen ermittelt und ihre Prüfungsleistungen über die Punktzahl, die beim Examen erreicht wurde.

Das Ergebnis: Die Langzeitkauer erreichten durchschnittlich 76,5 von 100 möglichen Examenspunkten, was deutlich mehr war als die rund 72 Punkte, die von den Kurzzeit- und Nichtkauern erreicht wurden. Die Stress-, Angst- und Depressionswerte fielen hingegen bei Kurz- und Langzeitkauern gleichermaßen günstiger aus als bei den Nichtkauern. Gesundheitswissenschaftlerin Yaman-Sözbir empfiehlt daher: „Studenten sollten Kaugummi kauen, um ihren Prüfungsstress zu verringern und ihre Prüfungsergebnisse zu verbessern.“ Und am besten sollten sie schon früh damit beginnen und nicht erst kurz vor dem Examen.

Kaugummikauen beeinflusst die Hirnaktivität

Die Wissenschaftler bestätigen damit frühere Studien, in denen das Kaugummikauen die Hirnaktivitäten beeinflusste. So konnte man zeigen, dass durch das Fokussieren auf die Motorik und Sensorik des Kauens mehr Beta-Wellen im Gehirn erzeugt werden, was die Basis für Aufmerksamkeit, Wachheit und Konzentration schafft.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Warum Krafttraining auch vor Krebs schützt

An der Medizinischen Hochschule Hannover wurde beobachtet, dass durch Kaugummikauen mehr Blutsauerstoff im Gehirn kursiert. Dass so ein Versorgungsschub wach machen kann, liegt nahe. Vorausgesetzt, das Blut geht nicht in die Stress- und Angstareale des Gehirns. Aber das lässt sich durch Kaugummikauen offenbar verhindern. Nicht umsonst beginnen viele Menschen unter Druck an Bleistiften und ihren Fingernägeln zu nagen: Sie fühlen sich einfach entspannter, wenn sie auf ein rhythmisches und ihnen bestens vertrautes Verhalten wie das Kauen zurückgreifen können.

Mit Kaugummi schmerzt die Spritze weniger

Wie stark der Stress dämpfende Effekt des Kaugummikauens ist, belegt eine aktuelle Studie, die man ebenfalls in der Türkei an der Trakya University in Edirne durchgeführt hat. Probanden waren sechs bis zwölf Jahre alte Kinder, denen – aus unterschiedlichen medizinischen Gründen – eine Kanüle in die Armvene gesetzt wurde. „Dieses Prozedere wird von Kindern üblicherweise als schmerzhaft wahrgenommen, und es bereitet ihnen große Angst“, erläutert Studienleiterin Ozlem Guray. Wenn sie jedoch dabei Kaugummi kauen durften, ging es ihnen deutlich besser. Wobei dies nicht nur von ihnen selbst, sondern auch vom Pflegepersonal bestätigt wurde. „Kaugummikauen ist offenbar eine simple, preisgünstige und angenehme Art, wie man Kindern ihre Ängste und Schmerzen nehmen kann“, so die Pflegeforscherin.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Eine Liebeserklärung an den Kaugummiautomaten

Der große Pionier der Kaugummi-Forschung ist Andrew Smith von der Cardiff University in Wales. Egal, ob Arbeiter, Studenten, Angestellte oder Rentner – kaum eine Bevölkerungsgruppe, die der Psychologe nicht zu Testzwecken für sich kauen ließ. Sein Resümee: „Kaugummi-Kauer leiden sowohl im Privat- als auch im Berufsleben weniger unter Stress, und sie müssen seltener wegen Depressionen, Bluthochdruck und Alkoholproblemen zum Arzt.“ Smiths Forschung wird zwar teilweise von Wrigley’s bezahlt, dem weltweit bekannten Kaugummihersteller. Aber er publiziert auch in großen Fachzeitschriften. Und er ist weit davon entfernt, Kaugummi als Lösung für alle möglichen Psychoprobleme zu feiern.

Eine Sache kann der Kaugummi nicht

So kann er beispielsweise nicht die oft zu hörende These bestätigen, wonach Kaugummikauen das Gedächtnis verbessert. „Es hat keinen Einfluss auf unser Erinnerungsvermögen“, betont Smith. Kaugummikauen halte uns zwar beim Lernen wach und konzentriert, doch beim Speichern und Wiederabrufen des Gelernten sei es keine sonderliche Hilfe. Das funktioniert am besten, wenn wir Lerninhalte sinnvoll miteinander verknüpfen, sie eine Bedeutung für uns haben. Es gibt eben psychologische Gesetzmäßigkeiten, da beißen sich auch Kaugumminutzer ihre Zähne aus.

Fakten rund um das Kaugummi

Verbreitung
Etwa acht Prozent der Deutschen ab 14 Jahren haben täglich Kaugummi im Mund, rund 45 Prozent nie. Früher bestanden Kaugummis aus Harzen und anderen Naturstoffen, heute vor allem aus Plastik.

Geschmacksverlust
Bubble Gum, also Kaugummi zum Herstellen von Blasen, ist besonders elastisch, und deswegen kann man leichter Blasen damit formen. Es verliert allerdings auch schneller seinen Geschmack.

Küchenhelfer
Kaugummikauen während des Zwiebelschneidens hemmt den Tränenfluss. Mögliche Ursachen: Ablenkung und Stressreduktion durchs Kauen, vermehrter Speichelfluss, durch den die Tränen auslösenden Sulfide der Zwiebel gelöst werden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Depressionen Angst Prüfungen Gehirn