Post im Kreis Göppingen Wochenlange Wartezeiten auf Briefe​

Postkunden berichten, Briefe seien im Kreis Göppingen derzeit teils zwei Wochen unterwegs, bis der Postbote sie von seinem Körbchen in den Briefkasten befördert. Foto: Imago/Eibner

Im Kreis Göppingen häufen sich Berichte, dass Postsendungen bis zu zwei Wochen unterwegs sind – mit teils gravierenden Folgen. Das Unternehmen verweist auf eklatanten Personalmangel.​

Viele Postkunden im Kreis Göppingen sind derzeit nicht gut auf die Post und den DHL-Konzern zu sprechen. Grund ist, dass sie Briefpost nach übereinstimmenden Angaben teils nur noch mit bis zu eineinhalb- oder gar zweiwöchiger Verspätung erhalten. Solche Berichte häufen sich. Das zeigt sich auch in sozialen Netzwerken und Leserbriefspalten der Zeitung.

 

Einer der Leidtragenden ist Jörg Löffler aus Ursenwang. Er sagt, die Post-Malaise bei ihm und dem umgebenden Wohngebiet halte nun schon mindestens ein halbes Jahr an. Mal bekomme er eineinhalb Wochen gar keine Post, dann an einem Tag einen ganzen Stapel von Briefen, deren Poststempel schon 14 Tage alt ist. Der Ursenwanger hat sich mehrfach ergebnislos per Telefon beschwert und, weil er sich alleingelassen fühlte, schließlich bereits im März einen Hilferuf an die Konzernzentrale der Post in Bonn geschickt.

Todesnachricht kommt erst am Tag der Beerdigung an

Die schleppende Zustellung scheine inzwischen System zu sein, mutmaßt er in dem Brief. Das könne er aber nicht akzeptieren, meint der Ingenieur. „Bitte helfen Sie mir“. Er betreue ehrenamtlich schwerbehinderte Menschen in finanziellen Dingen und bekomme Briefe mit Fristen, die er kaum noch einhalten könne.

Auch Wolfgang Berge aus Bartenbach, früherer Stadtrat und EVF-Chef, kann von der desolaten Briefzustellung ein Lied singen. Dabei ist die Glückwunschkarte von Göppingens Oberbürgermeister Alex Maier aus dem Göppinger Rathaus, die im März geschlagene zwei Wochen nach Berges 80. Geburtstag ankam, noch ein Fall zum Schmunzeln. Die Glückwunschkarte wurde rechtzeitig abgeschickt, kam aber nicht wie erwartet an. „Der OB ist rehabilitiert“, sagt Berge humorvoll. Dann hat er darauf geachtet, wann Briefe abgeschickt wurden und wann sie bei ihm ankamen. Im April sei es kurzzeitig etwas besser gewesen, im ganzen Mai habe er aber nur drei Mal Post bekommen. Sein Fazit: Es dauert immer so um die zehn Werktage.

Löffler und Berge glauben, dass auch andere Menschen im Kreis handfeste Nachteile haben dürften, wenn Handwerker-Rechnungen mit Skonto-Angebot, Bußgeld-Bescheide, Rezepte für Medikamente, Arztberichte oder ähnliches wochenlang im Poststau stecken.

Wolfgang Berge hat also nicht nur bei der Post AG reklamiert, sondern auch bei der Bundesnetzagentur, die für die Kontrolle des einstigen Staatsbetriebs zuständig ist. Er habe daraufhin einen Formbrief „mit den üblichen Ausreden“ bekommen. Berge meint: „Die Bundesnetzagentur ist ein nutzloser Erfüllungsgehilfe der Post.“

Nicht nur aus Göppingen und seinen Stadtbezirken gibt es solche Klagen, auch auf Probleme in Süßen, Rechberghausen und anderen Kreisgemeinden finden sich Hinweise. Willy Mayer aus Süßen hätte neulich per Brief über den Tod einer Bekannten aus Stuttgart erfahren sollen. Der Brief war zwei Wochen unterwegs und kam am Tag der Beerdigung an. Ein abonniertes Wochenmagazin erhalte er regelmäßig mit einer Woche Verspätung und ein anderer Brief sei mehr als eine Woche innerhalb Süßens unterwegs gewesen. Das sei untragbar, meint Mayer, es gehe schließlich um eine Grundversorgung der Bürger.

Marc Mombaur, Pressesprecher der DHL Group, erklärt die Lücken im Postbetrieb so: „In den vergangenen Wochen hatte der zuständige Zustellstützpunkt Göppingen vor allem mit krankheitsbedingten personellen Engpässen zu kämpfen. Hinzu kommt der allgemeine Fachkräftemangel, der neben anderen Branchen auch vor der Logistikbranche nicht Halt macht.“ Auch im Stützpunkt Süßen habe es solche Zustellabbrüche gegeben. Im Klartext: Die Briefträger hörten auf, bevor alles ausgetragen war. „Wir beachten selbstverständlich die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen. Unsere Beschäftigten werden auf der Grundlage von Stundenlöhnen bezahlt und nicht nach Anzahl der ausgelieferten Sendungen. Zudem gelten die tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeiten von 38,5 Wochenstunden.“

Und jetzt? „Als Gegenmaßnahmen haben wir vor Ort noch einmal die Rekrutierungsmaßnahmen verstärkt und Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen aus benachbarten Zustellstützpunkt erhalten“, meint Mombaur. Ist Besserung in Sicht? „Der Betrieb geht derzeit davon aus, dass sich die betriebliche Lage noch im Sommer spürbar verbessern wird.“

Es gibt keinen gesetzlichen Anspruch für einzelne Briefe

Die Deutsche Post AG ist gesetzlich dazu verpflichtet, dass im Jahresdurchschnitt 95 Prozent der Briefsendungen in Deutschland am dritten Werktag ankommen. Vier Werktage nach der Einlieferung müssen 99 Prozent der Briefsendungen ausgeliefert werden. Doch auch der Bundesverband der Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass Kunden beim herkömmlichen Versand keinen gesetzlichen Anspruch darauf haben, dass ihr einzelner Brief innerhalb dieser Frist befördert wird. Die gesetzliche Verpflichtung betrifft lediglich den Jahresdurchschnitt aller Sendungen in Deutschland.

Marc Mombaur sagt: „Wir kommen den Anforderungen des Postgesetzes nach und veröffentlichen unsere Beschwerdestatistik. Mit lediglich 0,003 Prozent von insgesamt 14 Milliarden Sendungen ist die Anzahl der Leistungsbeschwerden sehr gering. Dass in einem Unternehmen mit 187 000 Beschäftigten und rund 50 Millionen Sendungen am Tag auch Fehler unterlaufen, lässt sich jedoch nie ganz ausschließen. Uns ist es aber ein Anliegen, aus jeder Beschwerde zu lernen.“

Manche holen die Post selber ab​

Selbsthilfe
 Wolfgang Berge hat aus seiner Nachbarschaft in Bartenbach erfahren, dass dort mehrere Leute, die auf einen wichtigen Brief warten, inzwischen zum Zustellstützpunkt nach Göppingen fahren und dort ihre Briefe selber abholen.​

Postfächer
 Jörg Löffler wäre auch mit einem Postfach zufrieden. Doch bei seiner Postagentur wusste die Mitarbeiterin nicht einmal, was das ist, sagt der Ursenwanger.  Ein Postfach in der Nähe könne die Post ihm nicht anbieten.

Kapazitätsgrenzen
Auch dazu eine Erklärung des Sprechers: „Die Verfügbarkeit von Postfächern ist standortabhängig. In Einzelfällen können auch bauliche oder betriebliche Kapazitätsgrenzen erreicht sein. Hier wäre eine konkrete Prüfung erforderlich.“​ 

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