Auch Frank Koungang (oben rechts), Mehmet Ildes (links), Sharon Mwihaki (Mitte), Guiliano Ryll (nicht im Bild) und Mersedeh Ghazaei (unten rechts) halten dagegen. Sie alle sind junge Stuttgarter:innen, die selbst eine Migrations-Biografie haben, und die sich in unterschiedlichen Vereinen engagieren, um für eine gerechtere Welt zu kämpfen.
Franky Koungang von Welcome Connect e.V.
Franky ist Stationsleiter im Krankenhaus. Er ist Mitglied des Internationalen Ausschusses des Gemeinderats Stuttgart und hat den Verein Welcome Connect e.V. gegründet, um Neuankömmlinge und Migrant:innen in Stuttgart bei der beruflichen und sozialen Integration zu begleiten. Jeden Tag arbeitet er nach seiner Schicht im Klinikum noch bis 23 Uhr für seinen Verein, plant Events, beantwortet Fragen, hört zu.
„Ich bin mit 19 Jahren nach Deutschland gekommen – das ist jetzt sieben Jahre her – um eine Pflegeausbildung zu machen, ohne Familie, ohne irgendjemanden“, berichtet der Stuttgarter. „Wenn man als Auszubildender oder Studierender nach Deutschland kommt, hat man meistens keine:n Betreuer:in oder ähnliches, der oder die sich kümmert. Ich bin am Samstag mit dem Flieger angekommen und musste am Montag direkt arbeiten.“
Der Neuanfang hatte für den jungen Mann einige Hürden parat. „Man muss in seine Tätigkeit reinkommen, versucht im neuen Umfeld klarzukommen, macht ganz viele Fehler, hat einen Kulturschock und ist dabei ganz allein, das habe ich selbst erlebt.“
Dass es auch anderen Neuankömmlingen so gehen könnte, machte den damaligen Pfleger betroffen. „Ich habe an all die Menschen gedacht, die hier in Deutschland 20 Jahre lang leben werden, ohne wirklich zu leben: Sie werden nur arbeiten und schlafen. Ich wusste, ich kann und muss etwas daran ändern.“ Er fasste den Beschluss, den Verein Welcome Connect e. V. zu gründen. Der soll die Menschen dort abholen und informieren, wo sie studieren oder arbeiten. „Es ist doch so“, sagt Franky, „man hat als Neuankömmling kaum oder gar keine Kontakte außerhalb der Arbeit. Das führt bei vielen Leuten zu Depressionen.“
Neben dem Thema Integration in die Gesellschaft werden auch alltägliche Dinge wie etwa das Fahrrad fahren lernen bei Welcome Connect e.V. angegangen. „Man muss nicht immer groß anfangen, sondern kann bei den kleinen Dingen ansetzen, die den Leuten wirklich im Alltag helfen.“
Aktuell sind auch Stadtführungen in der Planung. Damit die jungen Menschen, die aus dem Ausland nach Stuttgart kommen, auch die Stadtteile, in denen sie leben, kennenlernen. Ein neues Projekt von Welcome Connect e. V. vernetzt Geflüchtete, die gerade eine Ausbildung angefangen haben, mit Geflüchteten, die bereits ihre Ausbildung hinter sich haben. „Das kommt sehr gut an“, sagt Franky. „Viele Geflüchtete haben zu Beginn Angst davor, eine Ausbildung anzufangen. Da hilft und motiviert ein:e Mentor:in, der oder die das Ganze bereits hinter sich gebracht hat, sehr.“
Der Rechtsruck ist auch an dem gebürtigen Kameruner nicht vorbeigegangen: „Dass der Rechtspopulismus zunimmt, merke ich. Jede:r Migrant:in, mit dem oder der ich zu tun habe, hat spätestens nach zwei Tagen in Stuttgart schon etwas Negatives aus der Richtung zu erzählen, das finde ich traurig. Es macht ganz viel aus, wenn man sich nicht herzlich willkommen fühlt, es demotiviert.“ Dass vielen Menschen mit Migrationsgeschichte die Politisierung dennoch schwer fällt, auch wenn es sich um Themen dreht, von denen sie direkt betroffen sind, kann der junge Engagierte zum Teil nachvollziehen: „Die meisten Menschen mit Migrationsgeschichte leben in zwei Welten und Leben. Also die in Deutschland und die im Ausland, wo viele noch weitere Familienmitglieder haben. Das nimmt viel Zeit und Energie in Anspruch. Auch Sprache, Verständlichkeit und Informationsmangel sind Gründe. Informationen müssen meiner Meinung nach ein bisschen lebendiger vermittelt werden, damit sie die Menschen auch erreichen. Das versuchen wir mit Welcome Connect auch umzusetzen.“
Mehmet Ildes und Sharon Mwihaki von Local Diversity e.V.
Mehmet, 22, und Sharon, 27, engagieren sich beide bei Local Diversity e.V.: Das Ziel des Stuttgarter Vereins ist, dass junge Menschen andere junge Menschen mit Migrationsgeschichte für kommunalpolitische Themen begeistern und ihnen Mitsprache ermöglichen. Dafür organisiert der Verein Talks und Netzwerktreffen, gibt Workshops an Schulen und stellt auf den Sozialen Medien verständlich Informationen rund ums Thema Kommunalpolitik zur Verfügung.
„Es ist leider so, dass sich noch nicht genug junge Menschen mit Migrationsgeschichte politisch engagieren“, findet Mehmet. „Dafür gibt es meiner Meinung nach verschiedene Gründe: Einer davon ist, dass sich viele von ihnen politisches Engagement kaum leisten können. Ich kenne es aus meiner eigenen Jugend: Ich bin in Armut aufgewachsen. Dann muss man nebenher arbeiten, um Geld zu verdienen und hat keine Zeit für Politik. Und so geht es vielen.“
Einen weiteren Grund sieht er darin, dass Menschen mit Migrationsgeschichte von der Politik nicht adressiert werden. „Wenn man sich etwa Reden aus dem Bundestag anschaut, ist die Sprache für viele schwer verständlich. Unser Ziel als Local Diversity e.V. ist, zu vermitteln, dass Politik nicht kompliziert sein muss“, erklärt er.
Das Thema Rechtsruck bereitet seiner Vereinskollegin Sharon Kopfzerbrechen: „Natürlich ist das auch bei uns am Esstisch Thema: Was wäre, wenn die AfD tatsächlich noch mehr Zustrom bekommt? Wohin könnte man gehen? Welche Alternativen gibt es? Und das sind Fragen, die nicht nur in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis, sondern Community-übergreifend gestellt werden. Das macht mir Sorgen“, sagt die junge Stuttgarterin. Doch sie sieht auch einen Hoffnungsschimmer: „Viele junge Menschen mit Migrationsbiografie leben mittlerweile in der dritten oder vierten Generation hier und lassen sich Rechtspopulismus nicht mehr einfach so gefallen. Man muss nicht unbedingt parteipolitisch aktiv sein, man kann auch eine Petition unterschreiben oder auf eine Demo gehen, wenn man sich für eine Sache einsetzen möchte. Das ist niedrigschwelliger als zum Beispiel in Ämter zu gehen.“
Denn das politische Spektrum ist weder divers, noch bildet es die Gesellschaft ab, finden die beiden Local-Diversity-Vorstandsvorsitzenden. Der Stuttgarter Verein geht mit gutem Beispiel voran: „Dadurch, dass unser Team auch sehr vielfältig ist, können wir eine gewisse Vorbildfunktion einnehmen. Anders als Leute, die eine ganz andere Lebensrealität haben als die Kids, die aus migrantischen Haushalten kommen.“
Konkret heißt das: „Als ich elf war, ist mein Vater verstorben. Ich war dann Halbwaise, hatte Migrationsgeschichte, und bin in Armut aufgewachsen, ich habe im Sozialbau gewohnt“, erklärt Mehmet. „Ich habe also ganz vielen marginalisierten Gruppen angehört und am eigenen Leib gemerkt, was wirklich scheiße in Deutschland läuft.“ Um daran etwas zu ändern, trat der damals 14-Jährige dem Jugendrat Stuttgart bei und gründete später gemeinsam mit Sharon Local Diversity e.V. „Die gläserne Decke durchbrechen zu können und zu sehen, was überhaupt möglich ist, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt, ist für mich mit ein Grund, meinen Weg weiterzugehen und mich mehr zu engagieren“, sagt Sharon.
Mersedeh Ghazaei von Iranian Women* of Stuttgart
Iranian Women* of Stuttgart konzentriert sich auf die Menschenrechtssituation im Iran und thematisiert gleichzeitig die zum Teil prekäre Situation von Iraner:innen in Deutschland und den Widerstand aus der Diaspora. Mersedeh, eine der beiden Gründerinnen, ist gleich mehrfach politisch engagiert. Die 26-Jährige studiert aktuell an der Uni Stuttgart Englisch und Ethik auf Lehramt und ist neben ihrer Tätigkeit für Iranian Women* of Stuttgart sowohl für die migrantisch-aktivistische Bewegung Migrantifa Stuttgart als auch für den Local Diversity e.V. aktiv.
Als Tochter zweier Iraner:innen war sie selbst oft in dem Heimatland ihrer Eltern, dessen Regime zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hat, zu Besuch. „Der kulturelle Teil meiner Identität hat mein Politischsein geprägt: Ich war dort, habe gesehen, was vor sich geht und auch als Kind schon Unterdrückungsmechanismen erkannt“, berichtet die Esslingerin.
„Wir haben gewaltige Probleme hier in Deutschland, aber wenn ich überlege, was wäre, wenn ich nicht hier, sondern in krassen Armutsverhältnissen oder im Krieg geboren worden wäre...?“ Politisches Engagement ist für sie daher eine Selbstverständlichkeit.
„Natürlich kann ich nicht die Welt retten“, fügt Mersedeh hinzu, „aber jede kleine Aktion bewegt etwas.“ Mit Iranian Women* of Stuttgart machen sie auf den Sozialen Medien auf die Umstände im Iran aufmerksam, organisieren Talks, Workshops und Kultur-Events. „Wir möchten die Stimmen von Menschen im Iran verstärken und eine weibliche Stimme in den Diskurs bringen.“
Auch das Thema Rechtsextremismus bereitet der jungen Aktivistin ein ungutes Gefühl. „Ich liebe Stuttgart, wir haben einen großen Migrationsanteil und das trägt sehr viel dazu bei, dass man sich wohler fühlt – aber man spürt den Rechtsruck in der Gesellschaft. Die Blicke haben zugenommen, zum Beispiel in der Bahn, wenn ich auf Persisch telefoniere.“ Auf die Frage, ob sie bei der aktuellen politischen Stimmung Angst verspüre, antwortet Mersedeh ohne zu zögern: „Ja. Ich glaube, ich habe jeden Tag Angst, vor allem seit Hanau 2020. Da habe ich realisiert: Das hätte auch ich auf der Liste sein können, das hätte meine Schwester sein können, das hätten 80 Prozent meiner Freund:innen, die Migrationsgeschichte haben, sein können. Seit ich mich danach in die Themen Rassismus und Rechtsextremismus eingelesen habe, habe ich jeden Tag Angst. Ich habe auch Angst vor dem iranischen Regime. Angst ist jeden Tag mein Begleiter, vor allem wenn ich auf die Straße gehe, vor allem, wenn ich mich als Antifaschistin bekenne. Aber: Entweder die Angst frisst einen auf oder man macht etwas Gutes damit und wandelt sie in etwas Produktives um, das andere Leute berührt.“
Giuliano Ryll vom Legal Café
Das Legal Café Stuttgart hat seinen Sitz in Bad Cannstatt im Prisma in der Bahnhofstraße. Es hat jeden Mittwoch von 16 bis 20 Uhr geöffnet und dient als Begegnungsort für Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte. Junge Ehrenamtliche aus Stuttgart helfen hier bei Themen wie Asyl, Polizeigewalt, Anträgen und verschiedenen alltäglichen Fragen. Giuliano, einer der Mitbegründer:innen, berichtet, wie alles anfing: „Eröffnet wurde das Legal Café aus dem Gedanken heraus, einen Raum und Treffpunkt haben zu wollen, an dem wir unsere Kräfte bündeln können, anstatt dass einzelne Personen zehn bis 60 Anrufe am Tag bekommen. Und hier kann jede:r hinkommen und abhängen, ohne etwas konsumieren zu müssen, aber zu können (auf Spendenbasis).“
Im Legal Café kann man mit anderen ein bisschen Deutsch sprechen, wenn man möchte, ein Brettspiel oder Playstation spielen oder eine ganz konkrete Frage zum Asylantrag stellen. Oder es geht um Hilfe bei Alltäglichem: Wie kann ich meinen Internetanbieter wechseln? Wie kann ich einen Sprachkurs machen? Die Schwelle möglichst niedrig zu halten und erste Anlaufstelle für Hilfesuchende zu sein, ist das Ziel des Projekts in Bad Cannstatt.
In einigen Anliegen können die freiwilligen Helfer:innen, die teils einen Sozialarbeiter- oder juristischen Background vorweisen können, weiterhelfen, andernfalls können sie zumindest an entsprechende Stellen verweisen. Und das Wichtigste: „Zuhören“, sagt Giuliano. „Ich habe zum Beispiel oft das Gefühl, dass wenn Menschen davon berichten, übermäßige oder nicht gerechtfertigte Polizeigewalt erlebt zu haben, ihnen oft nicht zugehört wird.“ Das sind die Fälle, die dem jungen Engagierten am meisten ans Herz gehen. „Ich finde, jeder Mensch verdient es, sicher zu leben. Jeder Mensch verdient es, sich frei bewegen zu können, jeder Mensch verdient es, entscheiden zu können, wo er oder sie lebt und arbeitet. Das sind ganz grundsätzliche Menschenrechte, die sind nicht verhandelbar – und werden trotzdem oft nicht eingehalten. Deswegen engagiere ich mich, deswegen bin ich Aktivist.“
Mit 15 Jahren hat der Stuttgarter mit seinem Engagement und politischem Aktivismus begonnen. „Das Thema Migration war schon von Beginn an Teil meines Lebens“, berichtet der mittlerweile 25-Jährige. „Meine Mutter ist vor mehr als drei Jahrzehnten von Lateinamerika nach Deutschland gekommen. Da bekommt man als Kind, Jugendlicher und auch als Erwachsener noch mit, was das bedeutet, Sohn einer Migrantin zu sein und was das auch für die eigene Mutter bedeutet, nach Deutschland migriert zu sein.“
Dabei findet er klare Worte für seine Beobachtungen: „Man bemerkt eine gewisse Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit. Es wird nicht nur mit zweierlei oder dreierlei, sondern mit vielerlei Maß gemessen und Menschen werden unterschiedlich behandelt, je nachdem, woher die Eltern kommen, als was sie arbeiten und was für einen Bildungsstand sie haben.“
Was ihn besonders wütend macht, ist, dass der Rechtspopulismus mittlerweile auch in vermeintlich sozialen Parteien Fuß gefasst hat: „Viele Parteien springen jetzt auf diesen Zug auf, zu sagen ‚ja, wir müssen Migration regulieren‘. Dabei werden einfache Erklärungen auf komplizierte Fragen gesucht. Auch bei den Themen Klima-Gerechtigkeit, soziale Verantwortung, Altersarmut und der Armut junger Menschen.“ Deswegen engagiert er sich im Legal Café und nimmt neben Hauptberuf, Selbstständigkeit und Studium noch zahlreiche Anrufe täglich an, um Menschen bei ihren Anträgen und Co. zu unterstützen. „Ich habe den Wunsch etwas zu verändern und der Ungerechtigkeit etwas entgegen zu setzen.“