Potenzstörungen „Auch Stress kann eine Erektion verhindern“
Wenn Mann nicht kann, sollte er zum Arzt, sagt der Stuttgarter Urologe Christian Schwentner – und klärt auf, was bei Potenzproblemen wirklich hilft.
Wenn Mann nicht kann, sollte er zum Arzt, sagt der Stuttgarter Urologe Christian Schwentner – und klärt auf, was bei Potenzproblemen wirklich hilft.
Potenzstörungen haben oft ein Mosaik von Ursachen: Organische wie psychische Faktoren müssen abgeklärt werden, teils bedingen sie sich gegenseitig. Was dann zu tun ist und wieso gerade Krebspatienten eine besondere medizinische Fürsorge brauchen, erklärt Christian Schwentner, der Ärztliche Direktor der Urologischen Klinik am Diakonieklinikum Stuttgart.
Herr Schwentner, wie steht es um das Stehvermögen des Mannes hierzulande?
Wir sehen in unserer Klinik wahrscheinlich nur die sogenannte Spitze des Eisbergs. Schließlich kommen zum Urologen nur Männer mit einem gewissen Leidensdruck. Allerdings sind Erektionsprobleme ein großes Thema – was sich allein daran zeigt, dass es einen ungeheuer florierenden Schwarzmarkt für erektionsfördernde Medikamente gibt.
Wo liegt das Hauptproblem für die Potenzstörung?
Zum einen gibt es gesundheitliche Probleme, die dazu führen, dass ein Mann Schwierigkeiten bei der Erektion hat. Bei den jüngeren Männern kommt noch hinzu, dass sie einem bestimmten gesellschaftlichen Rollenbild entsprechen wollen.
Sie meinen, dass der Mann immer kann?
Na ja, sagen wir mal so: Es gibt den Hang zur Körperoptimierung, der natürlich auch beinhaltet, dass immer alles dann funktionieren muss, wenn man gerade Zeit hat. Vor allem aufgrund der sozialen Medien fragen sich viele Männer, wenn es mal dann stressbedingt oder aus anderen Gründen im Bett nicht so läuft wie erwünscht: Ist das noch normal oder schon eine Störung?
Dann klären Sie mal auf: Wann sprechen Mediziner von einer Erektionsstörung?
Eine Störung liegt vor, wenn man keine Erektion mehr hat – weder im Wachzustand noch nachts während des Schlafs. Meist haben diese Erektionsstörungen organische Ursachen: Dann ist die Durchblutung im Penis gestört. Dies kann durch Diabetes verursacht werden oder durch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Aber auch Übergewicht oder ein manifestierter Testosteronmangel sind Auslöser. Hinzu kommen psychische Faktoren wie beispielsweise Stress, die ebenfalls eine Erektion verhindern können: Dies äußert sich dann, wenn Männer im sexuell aktiven Alter in einer normalen Partnerbeziehung keine Erektion mehr zustande bringen.
Wie laufen die Untersuchungen beim Urologen dann ab?
Man sagt ja, dass Probleme mit dem Penis ein frühes Warnzeichen größerer Erkrankungen sind, die noch gar nicht richtig in Erscheinung getreten sind. Also klären wir in der Untersuchung stets die Blutfettwerte ab und den Blutdruck. Wichtig sind zudem die Testosteronwerte und der Stoffwechsel. Liegen keine Auffälligkeiten für organische Ursachen vor, empfehlen wir eine psychosomatische Untersuchung.
Was raten Sie generell Männern mit Erektionsproblemen?
Im Grunde gilt es zunächst die Grunderkrankung zu behandeln: beispielsweise den Diabetes gut einstellen und auch die Blutdruckwerte senken. Gleichzeitig sollten die Patienten die Dinge beherzigen, die jeder kennt, aber die nicht jeder umsetzt: viel Bewegung, ausgewogene Ernährung, guter Schlaf und weniger Stress. In 90 Prozent der Fälle reicht dies aus. Es gibt natürlich auch entsprechende Medikamente, die eine Erektion fördern und in Absprache mit dem Arzt genommen werden können.
Können Potenzpillen wirklich zur Lösung des Problems beitragen?
Unter Umständen schon. Wenn sie kontrolliert eingesetzt werden, können sie zu einem befriedigenden Sexualleben beitragen. Aber natürlich gibt es auch einen problematischen Umgang damit – vor allem, wenn die Medikamente aus dem Darknet organisiert werden. Letztlich lässt sich bei diesen Präparaten nicht genau sagen, welche Substanzen darin verwendet werden. Wir werden in der Klinik mit den Nebenwirkungen der unkontrollierten Einnahmen konfrontiert: Da kommen zum Teil Männer mit einer Dauererektion zu uns. Das ist ein medizinischer Notfall, weil der Schwellkörper so geschädigt werden kann, dass die Sexualfunktion für immer weg ist.
Sie haben sich unter anderem auf Erektionsstörungen bei Krebspatienten spezialisiert. Was macht diesen Bereich so besonders?
Männer, die an Prostata-, Darm-, Blasen- oder Hodenkrebs erkrankt sind, haben einerseits die psychosomatische Belastung, die Erektionsstörungen bedingen kann. Gleichzeitig können die Leitungsbahnen aufgrund von chirurgischen Eingriffen oder Bestrahlung beeinträchtigt werden.
Wie gehen Sie als Urologe dann vor?
Hier ist es wichtig, von vorneherein die Anatomie zu respektieren und die Nervengeflechte, die für die Erektion eine Rolle spielen, so gut zu schonen, wie es geht. Dabei hilft uns inzwischen die moderne Bildgebung in der Chirurgie sehr. Auch hier gibt es gute erektionsfördernde Medikamente, die in niedriger Dosierung nach der Krebstherapie über mehrere Monate hinweg gegeben werden und dabei helfen, die normale Funktion wieder herzustellen.
Bei ihrer Arbeit mit Krebspatienten achten Sie zudem auf einen engen Kontakt zur Psychoonkologie. Warum?
Teils haben Krebspatienten, die sich einem chirurgischen Eingriff im Beckenbereich unterziehen müssen, das Gefühl, in gewisser Weise entmannt zu werden. Etwa wenn die Operation aufgrund von Blasenkrebs oder einer Tumorerkrankung der Prostata durchgeführt werden muss. Dieses Gefühl kann auch zu einer Blockade im Kopf führen. Wir haben hier im Haus eine offene Institutsambulanz für psychosomatische Fälle, die sehr gut angenommen wird. Für uns ist diese daher eine wichtige Unterstützung bei der Therapie.
Lehre
Prof. Dr. med. Christian Schwentner ist ärztlicher Direktor der Klinik für Urologie am Diakonieklinikum Stuttgart. Der Facharzt für Urologie ist zudem außerordentlicher Professor an der University of Malaysia in Kuala Lumpur und an der Shanghai Jiao Tong University in China. Die Forschungsinteressen von Schwentner konzentrieren sich auf Prostata- und Blasenkrebs sowie auf die Weiterentwicklung minimal-invasiver Operationstechniken.
Gutachten
Schwentner ist zudem Gutachter für zahlreiche Fachzeitschriften, darunter The Journal of Urology, European Urology und Pediatrics.