Potsdamer Konferenz 1945 Zwischen Krieg und Kaltem Krieg

Ein Zusammenhalt von kurzer Dauer: Winston Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin (v.l.) vor Schloss Cecilienhof Foto: dpa/Archiv

Auf der Potsdamer Konferenz, die vor 75 Jahre begonnen hat, wollten die Siegermächte den Boden für den Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg bereiten. Sie schufen jedoch Voraussetzungen für den Kalten Krieg, der bald danach in Gang kam.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Potsdam - Ein Händedruck erzählt bisweilen mehr als viele Seiten Protokoll. Drei Herren begrüßen sich auf innige Weise, als sie sich anschicken, die Welt neu zu ordnen. Sie begegnen Besuchern des Schlosses Cecilienhof zu Potsdam, wo dies vor 75 Jahren geschehen ist, in voller Lebensgröße – allerdings schwarz-weiß, etwas grobkörnig: in Gestalt eines zeitgenössischen Pressefotos.

 

Alle drei tragen ein Lächeln zur Schau und zwei von ihnen auch Uniformen, die viel von ihrem Selbstverständnis verraten. Der Älteste des Trios, Winston Churchill, kleidet sich als Oberst, obwohl er während des Zweiten Weltkriegs für Großbritannien wichtiger als alle Generäle war. Sein Gegenüber hat eine schicke weiße Jacke mit Schulterklappen, die extra für ihn erfunden wurden. Sie weisen Josef Stalin als „Generalissimus“ der Sowjetunion aus. Der Dritte zwischen den beiden sieht in seinem Nadelstreifenanzug mit Einstecktuch aus, wie Stalins Anhänger sich wohl einen Kapitalisten vorstellten: Als Harry S. Truman US-Präsident wurde, war der Krieg schon fast zu Ende. Die Arme der drei sind überkreuz, während sie sich die Hände reichen. So verhält es sich auch mit ihren Interessen bei der Konferenz, dem letzten Gipfeltreffen dieser Art.

„Missverstandene Chiffre für einen kurzen Sommer der Kooperation“

Was der verquere Händedruck erzählt, nennt der Historiker Victor Mauer eine „missverstandene Chiffre für einen kurzen Sommer der Kooperation“. Der Krieg war zwar in Europa, aber insgesamt noch nicht vorbei. Die drei Herren repräsentieren die drei Mächte, die Hitler besiegt haben. Was aus Deutschland werden soll, ist ein zentrales Thema des Treffens. Danach endet ihre Kooperation recht schnell. Für einige Jahrzehnte wird es keinen solchen Händedruck mehr geben. In Potsdam sollte über den Frieden gesprochen werden. Es wurden aber die Weichen für den Kalten Krieg gestellt.

Die wegweisende Konferenz, benannt nach dem Ort des Geschehens, beginnt am Abend des 17. Juli 1945 im Weißen Salon von Cecilienhof mit einem Büfett. Ehedem war dieser Salon das Musikzimmer des 1917 vollendeten Schlosses. Es war als Domizil des preußischen Kronprinzen Wilhelm errichtet worden. Der erstgeborene Sohn des gleichnamigen Kaisers hat später wegen seiner Nähe zu den Nazis eine unrühmliche Rolle gespielt, die bis heute umstritten ist. Nach Kriegsende residierte er kurzfristig auf der Burg Hohenzollern am Rande der Schwäbischen Alb. Inzwischen beanspruchen seine Nachfahren wieder ein Wohnrecht in seinem Potsdamer Schloss, das die Sowjets verstaatlicht hatten.

Rassistische Lektüre in Stalins Bücherregal

Wie es dort aussieht, blieb der Öffentlichkeit lange verborgen. Bis zum 1. November 2020 bietet nun eine Ausstellung zur Potsdamer Konferenz Einblicke in das Interieur: etwa in Stalins originalgetreu konserviertes Arbeitszimmer mit erdschwerem Eichenholzschreibtisch und wuchtigen braunen Ledersesseln. Der Diktator ist als heroische Gestalt auf einem Gemälde des russischen Malers Fjodor Shurpin anwesend, das ihn zeigt, wie er sich sah und gesehen werden wollte: weitblickend und monumental. Im Bücherregal finden sich neben „Brehms Tierleben“ und allerlei Lexika auch Schriften des Antisemiten Houston Steward Chamberlain, der zu den Vordenkern des Nationalsozialismus zählte.

Besucher treffen im Weißen Salon auf weitere Schlüsselfiguren der Konferenz, die dort wie Pappkameraden der Geschichte platziert sind (obwohl sie tatsächlich aus Plexiglas sind): Männer, die neben den „großen Drei“, wie die Hauptakteure genannt wurden, damals und zum Teil bis in die jüngste Vergangenheit eine zentrale Rolle spielten. Da ist zum Beispiel James F. Byrnes, der als US-Außenminister am 6. September 1946 im Großen Haus des Staatstheaters Stuttgart eine „Hoffnungsrede“ für Deutschland hielt. Zu Stalins Gefolge in Potsdam zählt Andreij Gromyko. 1957 wurde er Außenminister der Sowjetunion und blieb dies fast während der kompletten Zeit des Kalten Krieges bis 1985. Wegen seines unnachgiebigen Verhandlungsstils trug er den Spitznamen „Genosse Njet“.

„Drei Männer, die über einen Friedhof laufen“

„Njet“ hatten die Russen auch zur ursprünglichen Idee Trumans gesagt, die Konferenz eventuell in Alaska abzuhalten. Stalin bestand auf einem Tagungsort im eigenen Machtbereich. Dazu zählte Potsdam, seit die Rote Armee den Osten Deutschlands bis zur Elbe erobert hatte. Die Residenz vor den Toren der Hauptstadt Berlin weckte Erinnerungen an Versailles, wo nach dem Ersten Weltkrieg die Siegermächte getagt hatten. US-General Lucius D. Clay nannte Potsdam „die Stadt der preußischen Könige, wo die deutsche Aggression ihren Ursprung hat“.

„How I hate this trip“, hatte Truman in seinem Tagebuch notiert, bevor er gen Potsdam aufbrach. „Wie ich diese Reise hasse.“ Er brauchte acht Tage, um mit dem Schweren Kreuzer Augusta, einem Flaggschiff der US Navy, über den Atlantik zu kommen. Stalin fuhr mit dem Zug die 1923 Kilometer lange Strecke von Moskau nach Berlin. 17 000 Mann aus den Truppen seines Innenministeriums wachten über diese Dienstreise des stets um seine Sicherheit besorgten Sowjetfürsten. Als die Staatschefs der Siegermächte das zerstörte Berlin besichtigten, schrieb Anne O‘Hare McCormick, Korrespondentin der „New York Times“, „von drei Männern, die über einen Friedhof laufen“.

Was von Deutschland übrig geblieben ist

Unter welchen Bedingungen auf diesem Friedhof neues Leben möglich sein sollte, ist ein beherrschendes Thema der Konferenz: die deutsche Frage. „Deutschland existiert jetzt faktisch nicht“, sagt Truman, als er in Potsdam ankommt. „Deutschland ist das, was von Deutschland übrig geblieben ist“, lautet Stalins Antwort. Die Westmächte akzeptieren, wie er die europäische Landkarte neu sortiert und die Oder-Neiße-Linie zur deutsch-polnischen Grenze bestimmt. Im Gegenzug begrenzen sie seine weitreichenden Reparationsansprüche auf den sowjetischen Einflussbereich – die spätere DDR. Der Rest sind Formelkompromisse, die mit den legendären „vier großen D“ abgekürzt wurden: Denazifizierung, Dezentralisierung, Demilitarisierung und Demokratisierung. In den vier Besatzungszonen werden diese Schlagwörter hinterher auf sehr unterschiedliche Weise ausbuchstabiert.

Mit einem Formelkompromiss segnet die Konferenz auch ein gigantisches Umsiedlungsprogramm ab, das 15 Millionen Deutsche und 1,6 Millionen Polen um ihre Heimat bringt. Im Potsdamer Abkommen wird das protokolliert als „ordnungsgemäße Überführung“, die „in humaner Weise erfolgen“ sollte. Tatsächlich kaschiert dieser technokratische Ausdruck eine humane Katastrophe. „Für jene drei Herren“, schreibt der Historiker Andreas Kossert von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, seien die Opfer „nicht mehr als Manövriermasse“ gewesen, allenfalls „Kollateralschäden ihrer Machtpolitik“.

Im Schatten einer neuen Massenvernichtungswaffe

Die Konferenz, deren eigentlicher Zweck eine neue Friedensordnung war, tagt im Schatten einer neuen Massenvernichtungswaffe – was allerdings nicht alle Teilnehmer wissen. Am Tag vor dem Beginn des Treffens erfährt Truman vom ersten erfolgreichen Atomwaffentest in der Wüste von New Mexico. Er informiert zunächst nur Churchill. „Die Amerikaner haben die ganze Zeit an der Atombombe gearbeitet und uns kein Wort davon gesagt“, beklagt sich der russische Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow. Trumans vorgebliches Verhandlungsziel ist ein sowjetischer Kriegseintritt in Japan. Als ihm klar wird, welches Potenzial die neue Waffe birgt, kommt er zu anderen Schlüssen. „Japan wird zusammenklappen, bevor die Russen kommen“, schreibt er in seinen Memoiren.

Die Potsdamer Konferenz dauert bis zum 2. August 1945. Am 6. August werfen die Amerikaner die erste Atombombe über Hiroshima ab. Damit endet der kurze Sommer der Kooperation.

Das Foto von dem Händedruck der drei lächelnden Herren aus Potsdam erweist sich als Trugbild. Über ihren runden Konferenztisch im großen Saal des Schlosses Cecilienhof hinweg hatten die drei durch die hohen Fenster einen Blick auf das idyllische Ufer des Jungfernsees. Dort verlief später die Mauer. In Potsdam wurde der Weg dazu bereitet.

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