Ein Hideaway am Fuße der Alb: Eine Modedesignerin hat eine Gründerzeitvilla in Reutlingen fein saniert und viele Jahre dort gelebt. Jetzt trennt sie sich vom Anwesen – mit einem Buch auf Büttenpapier.
Es weht, es raschelt und zirpt. Schattierungen von Grün, Blätter, Nadeln. Alles wogt, Bäume, Sträucher, Büsche, Wiese, Buschrosen, Hortensien. Die Natur, wiewohl es sich um eine sorgsam gepflanzte, gepflegte handelt, gibt sich Mühe, sie macht bella figura. Und beinahe stiehlt die Natur dem imposanten Bauwerk und dem sorgsam sanierten Interieur die Schau, so beglückend der Blick aus den alten hohen Fenstern hinein in den Park.
Doch ganz gelingt es nicht. Und das liegt an Ursula Neuhäuser. Sie und ihr Mann Bernd haben das Gebäude, eine 1905 errichtete Gründerzeitvilla eines Textilfabrikanten auf einem knapp 7600 Quadratmeter umfassenden Grundstück mitsamt 300 Jahre alter Rotbuche im Jahr 1988 gekauft und grundlegend renoviert.
Villa eines Reutlinger Fabrikanten
Das Anwesen gehörte einst einem Fabrikanten der Firma Büsing, die 1865 als Strick- und Wirkwarenfabrik Büsing & Keßler gegründet wurde, zunächst gestrickte Baby- und Kinderkleidung herstellte, seit 1878 dann nur noch unter dem Namen Büsing & Co. weitergeführt wurde.
Reutlingen hatte sich im Zuge der Industrialisierung zum Textilstandort entwickelt, und auch die Firma expandierte, um die Jahrhundertwende beschäftigte der Betrieb rund 400 Mitarbeiter – und der Chef gönnte sich ein schickes Anwesen am Fuße des Reutlinger Hausbergs, der Achalm.
Ursula Neuhäuser hat überall Hand angelegt. Immer wenn es möglich war, hat sie die Originalmaterialien erhalten, aufarbeiten lassen, sorgsam und geschmackvoll die Räume umgestaltet. Zudem hat sie aus der Wiese vor und hinter dem Haus einen kleinen Park gemacht. „Hier war nichts als ein altes Gebäude mit Wiese“, sagt Ursula Neuhäuser. Die Villa strahlt heute hell, der Anbau für eine große Terrasse, auf der man tanzen könnte, schmiegt sich dezent ans Haus.
Betritt man das weitläufige Gelände, spaziert den fein gehakten Kiesweg entlang, ist das wie ein Eintritt in eine andere, stille Welt. Der Fuß- und Fahrradweg, die Umgebung mit Reihenhäusern und Einfamilienhäusern, mit Supermarkt und Kindergarten, der Alltag, alles ist schon gleich vergessen.
Ein schwäbisches Sans Souci
Villa Achalm haben die Eigentümerin und die mit dem Verkauf betraute Petra Berger, Filialleiterin der Firma Mr. Lodge in Rottach-Egern, das Objekt genannt – schwäbische Villa Sans Souci würde auch passen. Ein Solitär ist es auf jeden Fall. Auf rund 500 Quadratmetern verteilen sich neun Zimmer, drei Bäder, ein Schwimmbad mit Sauna, ein weinkellertaugliches Gewölbe und sorgsam sanierte Wohnräume.
Im Salon beeindruckt spanischer Fischgrätparkett, auf drei verschiedene Arten gefertigt, helle Fauteuils, dunkle elegante Möbel. Im Treppenhaus sind die Fenster mit kunstvoller Bleiverglasung aufgearbeitet und sehen aus wie frisch eingesetzt.
In der ersten Etage finden sich Rückzugsräume in Gelb und Weiß, großzügige Schlaf-, Bade- und ein Ankleidezimmer, ein Séparée mit Récamiere unter den großen Fenstern mit Bleiverglasung und floralen Jugendstilelementen, das sieht aus wie gemacht für lange Lesestunden – Rilkegedichte würden passen oder Hofmannsthalverse, und impressionistische Romane von Eduard Graf von Keyserling „Feiertagskinder“ etwa oder „Abendliche Häuser“.
Das zweite Geschoss ist im Landhausstil mit behaglichen Korbmöbeln im Esszimmer und einer kleinen Einbauküche eingerichtet. Eine Holztreppe führt unters Dach, das frisch gedeckt und gedämmt ist, auch die Heizung wurde im vergangenen Jahr ausgetauscht, nur für eine PV-Anlage ist das schöne Mansardendach nicht geeignet. Ein altes Holzpferdchen, die rote Farbe leicht verblichen, hat die Zeiten überlebt und wartet im Turmzimmer auf Menschen, die es vielleicht neu entdecken, einen neuen Platz dafür finden.
„Wir haben in der Villa eine gute Zeit verbracht, hatten oft Gäste und schöne Feste, Events und Empfänge“, sagt Ursula Neuhäuser. „Ich wollte immer ein altes Anwesen, ich liebe hohe helle Räume, viel Licht. Licht ist Leben.“ Vor sechs Jahren verkaufte sie ihr Unternehmen, im selben Jahr starb unerwartet ihr Mann. „Es war ein schwerer Schlag“, sagt sie.
Einrichten mit Liebe zum Detail
Ursula Neuhäuser ist heute nur sehr selten in Reutlingen, hat sich an den Tegernsee zurückgezogen, wo sie seit vielen Jahren lebt. „Ich habe mich entschlossen: Es ist Zeit, sich von der Villa zu trennen, dieses Hin und Her war nicht so einfach, auch emotional“, sagt die kreative Eigentümerin.
Neuhäuser ist Modedesignerin, sie hatte, wie sie bei einem Gespräch in ihrem Salon berichtet, schon immer Lust am Gestalten. „Ich wurde bereits als Kind in der Schule stets ausgewählt, Feste vorzubereiten, zu dekorieren“. Ursula Neuhäuser, Jahrgang 1944, stammt aus Eningen unter Achalm, wuchs in der Region auf; „meine Großeltern hatten einen Bauernhof“, sagt sie.
Ursula Neuhäuser hat ihre Karriere ganz pragmatisch als Praktikantin in der Textilbranche begonnen, eine handwerkliche Ausbildung absolviert, bis sie sich später ein Herz fasste, ihre kreative Fähigkeit erkannte, um eine Modefirma zu kaufen; mit Marken wie Dibari, Frapp oder Zaubermasche avancierte sie zur Expertin für Cashmere-Mode. „Ich habe meine Arbeit geliebt“, sagt Ursula Neuhäuser. „Die Begegnungen mit Menschen in aller Welt von Hongkong, Türkei, Indien und New York haben mich geprägt.“
Sie hat sich all die schönen Dinge, die stilvollen Möbel, die Accessoires, die sie auch auf Reisen in Italien und England fand, selbst ausgesucht, das Haus selbst erarbeitet gemeinsam mit ihrem Mann. „Das erdet“, sagt sie.
Eine internationale Karriere in der Modebranche
Die Designerin, die, wie ein Bildband beweist, als eine der 100 wichtigsten Stuttgarter Persönlichkeiten gewählt worden ist und eine der führenden deutschen Modefirmen leitete, hat in ihrer 40 Jahre währenden Karriere von der Welt viel gesehen. „Ich bin so viel gereist und geflogen, inzwischen genieße ich das Leben daheim am Tegernsee, reise nach Mailand zu Freunden.“
Ihr Herz hängt an Italien. Warum? „Weil sie die Kunst zu leben so gut beherrschen“, sagt die Geschäftsfrau, die sich selbst erst spät zur Ruhe gesetzt hat. Und die auch aus der Trennung von dem herrschaftlichen Haus ein gestalterisches Ereignis macht, das auch schon wieder preisgekrönt ist.
Bildband mit goldenen Lettern
Die Villa und der parkähnliche Garten werden exklusiv angeboten – Preis auf Nachfrage. Und es kam die Idee auf, ein Buch samt Faktenheft dafür zu gestalten. Entstanden ist ein exklusiver Bildband mit streng limitierter Auflage auf feinem Büttenpapier gedruckt mit goldenen Lettern auf weißem Grund.
Das Werk hat sich gegen mehr als 300 Mitbewerber durchgesetzt und den ersten Preis beim „Unfolded Award Festival“ der Büttenpapierfabrik Gmund in der Kategorie „Business“ gewonnen. Gmund ist ein Traditionsunternehmen mit prominenter Kunstschaft, hat bereits goldene Umschläge für die „Oscar“-Verleihungen geliefert, Einladungen zum Filmfest in Cannes und Hochzeitskarten für Königshäuser.
Auf Büttenpapier: Bildband über die Villa Achalm. Foto: Mr Lodge/ML
„Der Preis hat uns überrascht und natürlich sehr gefreut“, sagt Petra Berger. Und das Werk wird, wenn die Villa dann einen neuen Besitzer hat, für ihre einstige Besitzerin eine schöne Erinnerung sein. „Es ist an der Zeit, dass ich mich nun anderen Projekten widmen möchte, daher suche ich nach den richtigen Menschen, die zu der Villa mit Anwesen passen“, sagt Ursula Neuhäuser, „und sie können sogar das angrenzende Grundstück eventuell mit erwerben.“
Am Morgen ist Ursula Neuhäuser mit Petra Berger nach Reutlingen gefahren, hat die hellrosa Buschröschen hinter der Villa begutachtet und gesehen, dass der stumm vor sich hin arbeitende elektrische Rasenmäher seine Arbeit tut und auch den Rasen des sehr großen Grundstückes mäht.
Natürlich könnte auf dem Gelände noch ein weiteres Gebäude entstehen; man wünscht der Villa aber doch keinen nichtssagenden Investorenbau als Nachbarn, sondern wenn, dann einen auf die alte Architektur reagierenden Neubau – oder dass sich die neuen Besitzer den Luxus eines parkartigen Gartens leisten. Dann würde es hier auch künftig schön rauschen, wogen, wehen.