Prägende Figur der Sindelfinger Kunstszene Die Sindelfinger Sezession mitgegründet

 Quelle: Unbekannt

Am 17. März würde Fritz Kohlstädt seinen 100. Geburtstag feiern. Der Stuttgarter und Sindelfinger Künstler war nicht nur in der regionalen Kunstszene eine prägende Figur.

Sindelfingen - Am 17. März würde Fritz Kohlstädt seinen 100. Geburtstag feiern. Der Stuttgarter und Sindelfinger Künstler entdeckte nach der Kriegsgefangenschaft die verfemten Expressionisten und verwandelte ihren Stil in eine eigenständige Handschrift. Als Mitbegründer der Sindelfinger Sezession prägte er auch maßgeblich das lokale Kunstleben. Ein Sammler besitzt mehr als 30 Werke von Kohlstädt und möchte an ihn erinnern.

 

Das hätte man hinter der Front des gelben Reihenhauses nicht vermutet: Auf mehreren Etagen hängt hier dicht an dicht Kunst, flankiert von antikem Mobiliar. Expressionistische und politische Bilder und Grafiken und Jugendstil und Art Déco in allen Ausprägungen sind hier vertreten. Eine Jugendstil-Uhr im Wohnzimmer kontrastiert mit einem Steingussrelief von Peter Lenk, das einen Mann paffend auf der Toilette zeigt. Anderswo steht ein moderner Glastisch expressionistischen Arbeiten von Fritz Kohlstädt gegenüber. Der hätte am 17. März seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Kunstliebhaber, der nur schlicht als ein Sammler aus dem Kreis Böblingen bezeichnet werden will, möchte nun an seinen unangefochtenen Lieblingskünstler erinnern.

Kohlstädt hat nördliche Landschaften, etwa in Norwegen, der Normandie und der Bretagne eingefangen und in seiner unverwechselbaren Bildsprache mit rhythmischen, großzügigen Pinselstrichen, die sich zu leuchtenden Farbflächen vereinigen, in Öl auf Leinwand gebannt. Der leidenschaftliche Expressionist war der Sohn von Wilhelm Kohlstädt, der ab 1920 gemeinsam mit Hermann Kurtz einen geisteswissenschaftlichen Verlag leitete. Die Räumlichkeiten des Verlags wurden aber im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff zerstört. Fritz Kohlstädt entschied sich gegen den Wiederaufbau – und für die Kunst. Er genoss zwischen 1946 und 1948 eine Ausbildung beim Städtegrafiker Walter Romberg und bei Rudolf Müller; noch mehr brachte er sich autodidaktisch bei. Von 1949 bis 1963 war Kohlstädt bei Daimler-Benz als Konstruktionszeichner und Designer tätig; nebenbei stellte er zahlreiche Ausstellungen in der Region und im Ausland auf die Beine.

Mit elf anderen Künstlern schloss er sich 1958 in der gegen den Stuttgarter Künstlerbund gerichteten Sindelfinger Sezession zusammen – die letzte ihrer Art in Deutschland. Von 1963 an lehrte er dann als Lehrer für Entwurf und Gestaltung an der staatlichen Handwebschule in Sindelfingen, und ab 1968 war er ganz als frei schaffender Künstler tätig.

Kohlstädts unermüdliches Engagement, seine Förderung junger Künstler und die Organisation der ersten deutschen Ausstellung nach dem Krieg in Frankreich brachten ihm 1981 das Bundesverdienstkreuz ein. Auf viele Künstler hatte er prägenden Einfluss – zum Beispiel auf den in Sindelfingen aufgewachsenen Expressionisten Erhard Haller. „Ich habe wie ein Schwamm alles aufgesogen“, sagt dieser. In seiner Kunst ging er von Skizzen vor Ort aus und vereinigte später wesenstypische Elemente daraus zu einem neuen Ganzen. In den Ölbildern, Aquarellen und Zeichnungen des Sammlers flammen Büsche wie Leuchtfeuer und nördliche Wälder, Dörfer und Küsten verströmen ihren rauen Charme. Anderswo sendet Kohlstädt mit tonigen Häuserkuben aus marokkanischen Gassen einen Gruß aus dem Süden.

1990 erlitt Kohlstädt einen Schlaganfall. In seiner Spätphase bis zu einem schwereren, zweiten Schlaganfall entwickelte er eine noch intensivere Farbigkeit, wie sie zum Beispiel im „Vogesensommer“ von 1994 zu entdecken ist. „Das ist fast aggressiv“, meint der Sammler, der mit Blick auf die wertvollen Kunstwerke in seinem Besitz lieber anonym bleiben möchte. Vor rund 30 Jahren hat er begonnen, seine beachtliche Sammlung aufzubauen. „Dass es so ausartet, hätte ich nie gedacht“, meint er. Ein Freund hat den studierten Maschinenbautechniker zur Kunst gebracht. Der Sammler hatte auch bereits alte Möbel restauriert. „Vor etwa zehn Jahren habe ich dann meinen ersten Kohlstädt erworben“, erzählt er. Später lernte er die Nachlassverwalterin des Künstlers kennen und baute seine Kohlstädt-Bestände aus. Mehrere von Kohlstädts Arbeiten hat der Sammler im Kunsthaus Bühler in Stuttgart erstanden. Im Gegensatz zu den Expressionisten der ersten Garde wie Marc, Macke, Kandinsky, Nolde, Pechstein und Co. findet er Kohlstädts Arbeiten noch bezahlbar.

Ob er schon einmal daran gedacht hat, Arbeiten aus seiner Sammlung zu zeigen? In der Tat, er hatte in Nagold eine Ausstellung angeregt, aber dann kam Corona. Kuratoren dürften in seinem reichen Bestand jedenfalls auf so manchen Schatz stoßen. So etwa auf eine bissige Großstadtgrafik von George Grosz mit Gestalten aus der Halbwelt. Oder auf einen Kommentar von Karl Hubbuch zur Wiederbewaffnung in Linoltechnik. Sie alle harren dort noch ihrer Entdeckung.

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