Die Kindheit prägt, auch wenn man sich kaum daran erinnert. Foto: Sebastian Ruckaberle
Eltern tun viel dafür, dass ihr Nachwuchs eine schöne Kindheit hat. Allerdings sind echte Erinnerungen an die ersten Lebensjahre kaum möglich. Die Persönlichkeit prägt sie dennoch.
Sandra Markert
27.02.2026 - 06:00 Uhr
Stundenlang hat die Tochter auf dem Spielplatz um die Ecke Sandkuchen gebacken, mit ihren Kindergarten-Freunden Verstecken gespielt. Sie hat es geliebt, Stadtbahn zu fahren, im Dunkeln die Lichter vom Fernsehturm zu beobachten. Acht Jahre später läuft sie durch Stuttgart, als wäre sie zum ersten Mal in der Stadt, in der sie ihre ersten drei Lebensjahre verbracht hat. „Kannst du dich denn an gar nichts mehr erinnern?“ Verwirrtes Kopfschütteln.
Kann es wirklich sein, dass sie einen guten Teil ihrer Kindheit einfach vergessen hat? Gerade die Anfangsjahre, die als prägend gelten und zumindest bei den Eltern sehr viele Erinnerungen hinterlassen? „Frühkindliche Amnesie“, diagnostiziert Jan Born, Psychologe und Verhaltensneurobiologe von der Uniklinik Tübingen. „Bis zu einem Alter von etwa drei Jahren bilden Kinder keine eigenen Erinnerungen aus, die sie später abrufen können.“
Große Erinnerungslücke im Gehirn
Für Eltern sei das ernüchternd, sagt Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. All der Einsatz beim Schlafliedersingen, Vorlesen und Babyschwimmen hinterlässt bei den Kindern: nur eine große Erinnerungslücke im Gehirn.
Betroffen davon ist Möhler zufolge meist das unermüdliche Engagement der Mütter – verbringen sie doch in den ersten Lebensjahren häufig mehr Zeit mit dem Nachwuchs als die Väter. „Und später erinnern sich die Kinder dann an die Ausflüge mit dem Papa auf den Fußballplatz“, hat Eva Möhler festgestellt.
Warum sich manche Menschen doch „erinnern“
„Totaler Quatsch“, meint dazu eine Freundin. Sie wisse noch genau, wie sie mit ihrer Mutter zum ersten Mal zu ihren Großeltern geflogen sei – und da sei sie gerade mal zwei Jahre alt gewesen. Nur sie beide, dazu ihr kleiner roter Koffer und der Lieblingsteddy. Zum Beweis holt sie ein altes Fotoalbum hervor. Mehr weiß sie von dieser Reise aber nicht zu erzählen. Die Erinnerung endet genau da, wo der Fotoausschnitt aufhört. Ein Zufall ist das nicht.
Urlaub am Meer – oft endet die vermeintliche Erinnerung da, wo der Fotoausschnitt aufhört. Ein Zufall ist das nicht. Foto: AdobeStock
„Frühe Kindheitserinnerungen entstehen sehr oft aus den Geschichten und Bildern, die uns unsere Eltern oder ältere Geschwister aus dieser Zeit übermitteln“, erklärt Eva Möhler. Hinzu komme, dass Kinder in diesem Alter über eine rege Fantasie verfügen, erzählte Geschichten gern ausschmücken und an Erfundenes dann auch selbst glauben. „So fühlt sich das dann tatsächlich an wie eine eigene Erinnerung.“
Gehirn mit den motorischen Fähigkeiten ausgelastet
Was braucht das menschliche Gehirn, damit es sich an das Leben seines Besitzers erinnern kann? „Dazu muss ich das Erlebte aufnehmen können, ich muss es langfristig abspeichern können, und ich muss in der Lage sein, es dann auch wieder abzurufen“, erläutert Jan Born. Aber immer noch sei unklar, inwieweit diese drei Fähigkeiten in der frühen Kindheit schon vorhanden sind.
Beim Aufnehmen steht einem Baby am Anfang die eigene Entwicklung im Weg: Das Gehirn ist ausgelastet mit den motorischen Fähigkeiten, die in den ersten Lebensmonaten erworben werden müssen. Der Gehirnteil, der für das Langzeitgedächtnis zuständig ist, ist noch sehr unreif.
Verbindung zwischen Erinnerung und Sprache
„Babys wissen schon noch, was 24 Stunden zuvor passiert ist. Aber das so genannte episodische Gedächtnis funktioniert noch nicht gut“, so Eva Möhler. Dort werden persönliche Erlebnisse abgespeichert sowie Ereignisse, die in einen räumlich-zeitlichen Kontext abgelegt sind. „Hinzu kommt, dass Kleinkinder in den ersten zwei Lebensjahren noch kein wirkliches Selbstbild haben. Auch das erschwert eigene Erinnerungen.“
Ein weiterer Baustein, der entscheidend für die persönlichen Erinnerungen zu sein scheint, ist die Entwicklung der Sprachfähigkeit. „Sobald Kinder beginnen, eigene Erlebnisse selbst in Worte zu fassen“, erklärt Möhler, „sind auch erste eigene Erinnerungen eher möglich.“ Das könnte auch erklären, warum sich Frauen in vielen Studien eher an frühere Kindheitserlebnisse erinnern als Männer. Denn: „In der Regel lernen Mädchen etwas früher sprechen, als Jungs dies tun“, sagt Jan Born.
Schutzfunktion des Gehirns
Aber mit drei Jahren quasseln sie alle – und können sich trotzdem später nicht mehr daran erinnern, wie sie dem Nikolaus im Kindergarten ein Gedicht aufgesagt haben. Wie passt das zusammen? „Wir wissen aus Experimenten mit Ratten, aber auch mit Menschen inzwischen, dass tatsächlich schon die ersten Lebensjahre Spuren im Gehirn hinterlassen. Nur ist es uns später nicht möglich, darauf bewusst zuzugreifen“, erklärt Jan Born. Das aber sei für eine Erinnerung – egal ob aus der Kindheit oder später – entscheidend: Man muss in der Lage sein, sie im Langzeitgedächtnis wiederzufinden und abzurufen.
Nun schützt uns das Gehirn aber auch davor, uns zu jeder Zeit an all das zu erinnern, was tagtäglich ein Leben lang so passiert. Oder, wie es Eva Möhler zusammenfasst: „Was hätte es für einen Nutzen, wenn ich sofort parat hätte, was ich vor drei Monaten zu Mittag gegessen habe?“ Dass einem das nicht mehr gleich einfällt, heißt aber nicht automatisch, dass die Erinnerung daran ausgelöscht ist.
Fotos, Gerüche oder Geräusche spielen eine große Rolle
Schaut man beispielsweise auf einen alten Speiseplan aus der Kantine, kann es durchaus sein, dass wieder eine Erinnerung wachgerufen wird an die Maultaschen, die es damals gab. Möhler: „Fotos, Gerüche oder Geräusche, all das kann uns dabei helfen, Erinnerungen wieder in den Vordergrund zu holen.“ Präsenter im Gehirn abgelegt seien Dinge, die mit starken Emotionen verbunden seien – positiven wie mit negativen. An ein außergewöhnlich gutes oder schlechtes Mittagsessen kann man sich also eher erinnern als an ein normales.
Auch eine Rolle spielt, wie viele neue Eindrücke ein Gehirn im Lauf des weiteren Lebens zu verarbeiten hat. Bei Ratten konnte die Forschergruppe um Jan Born beispielsweise zeigen, dass sie sich durchaus als erwachsene Tiere an Dinge aus frühester Zeit aktiv erinnern konnten. „Sie saßen in der Zwischenzeit aber auch nur in einem Käfig und haben dort nicht viel Neues erlebt.“
Frühe Kindheit beeinflusst den Menschen dennoch immens
Etwas Ähnliches passiert im Alter bei den Menschen auch. In aller Regel wird das Leben dann ruhiger, es kommen nicht mehr so viele neue Eindrücke hinzu. Stattdessen bleibt mehr Zeit und Raum, zurückzublicken. Nicht selten sind Angehörige dann erstaunt, wie präsent plötzlich so manche Kindheitserinnerung zu sein scheint. Auch das sind Hinweise darauf, dass die Erinnerungen sehr wohl angelegt sind – sich manchmal aber eben erst spät im Leben wieder abrufen lassen und manchmal auch gar nicht.
Doch egal, ob und wann man Zugriff auf die eigene frühe Kindheit bekommt: „Das Leben eines Menschen beeinflussen die frühen Kindheitserfahrungen immens“, sagt Jan Born. Auch wenn man sich später nicht aktiv an ein traumatisches Ereignis aus Kindertagen erinnere, könnte es sich aufs ganze Leben negativ auswirken – eben weil die Spuren im Gehirn vorhanden sind.
Auch ohne Erinnerungen hinterlassen Erlebnisse spuren
Ähnlich sieht es mit Stress in der frühen Kindheit aus. Möhler meint dazu: „Hier sehen wir ganz deutlich, dass Stresshormone die Gehirnentwicklung beeinflussen. Solche Kinder haben später eine schlechtere Impulskontrolle oder brauchen mehr Reize, bis sie zufrieden sind.
Für alle Eltern, die sich aufopferungsvoll um ihren Nachwuchs kümmern, hat Möhler eine gute Nachricht: „Eine gute Bindung zu den Kindern kann nur durch viele verlässliche Interaktionen entstehen, die sich ebenfalls implizit im Gehirn niederschlagen.“
Auch wenn das Kind also später keine aktiven Erinnerungen mehr daran hat, wie unermüdlich die Eltern es auf dem Schlitten den Berg hochgezogen haben – bleibende Spuren haben diese Erlebnisse dennoch hinterlassen. Und um der Tochter zu beweisen, dass sie tatsächlich mal in Stuttgart gelebt hat, gibt es zum Glück Fotos.
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