Präses der evangelischen Kirche zu Besuch in Ludwigsburg Junge Frau im hohen Kirchenamt will Zukunftsthemen voranbringen

Anna-Nicole Heinrich findet, Kirche soll so attraktiv sein, dass man auch seine Freunde dorthin mitnimmt. Foto: Simon Granville

Mit erst 25 Jahren wurde Anna-Nicole Heinrich zur Präses der evangelischen Kirche in Deutschland gewählt. Sie plädiert dafür, der jungen Generation mehr Verantwortung zu übergeben, und setzt auf Themen wie Klimaschutz, Digitalisierung und die Prävention sexualisierter Gewalt.

Ludwigsburg: Sabine Armbruster (sar)

Anna-Nicole Heinrich ist sich durchaus bewusst, dass ihre Position als Vorsitzende des Parlaments der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), oder, wie es in der Kirchensprache korrekt heißt, als Präses der Synode, nicht selbstverständlich ist. „Ein freies Radikal mitten ins System zu wählen, ist immer mutig“, sagt sie. Was sie damit meint: Sie ist mit ihren jetzt – drei Jahre nach ihrem Amtsantritt – 28 Jahren die jüngste Frau, die je in dieses Ehrenamt gewählt worden ist, und sie vertritt selbstbewusst eigene Standpunkte.

 

Als sie bei einer Online-Sitzung zur Wahl vorgeschlagen wurde, habe sie erst einmal nicht gewusst, was sie sagen sollte. Dann habe sie die „Hard Facts“ geklärt – wie ist das beispielsweise mit dem Studium und der Arbeit nebenher-und mit verschiedenen Leuten gesprochen, um ihre Chancen auszuloten, bevor sie sich zur Kandidatur entschloss. „Und weil wir uns in der vorangegangenen Synodenlegislatur dafür stark gemacht haben, der jungen Generation mehr Verantwortung zu übertragen, konnte und wollte ich dann natürlich auch dafür zur Verfügung stehen.“ Heute stemmt sie das Ehrenamt parallel zu einer Halbtagsstelle in einer Kommunikationsagentur und schreibt nebenher noch an ihrer Masterarbeit. Und was ist mit der gerade von den Jüngeren so viel zitierten Work-Life-Balance? „Ehrenamt ist Life, nicht Work“, sagt sie schlicht.

Themen der Generation Z im Fokus

Doch was kann sie als Präses überhaupt bewirken, um ihre Themen voranzutreiben? Sie habe nicht nur moderierende Funktion bei der Synode, erklärt sie, sondern sei auch eines von 15 Mitgliedern im Rat der EKD und damit quasi der „Kirchenregierung“. So könne sie auch Themen setzen – über die dann abgestimmt werde. Themen, die ihr wie anderen Menschen ihrer Generation, der „Gen Z“, wie sie sagt, am Herzen liegen, sind Klimaschutz, Digitalisierung und die konsequente Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt.

Gibt es da keine Konflikte mit den konservativen Kräften der EKD? „Wir können hart diskutieren, aber immer so, dass wir hinterher miteinander Gottesdienst und Abendmahl feiern können“, sagt Heinrich.

Kirche ist bereits im Wandel

Welche Rolle spielt es, dass solche Themen auch in der Kirche thematisiert werden? Zum einen, sagt Heinrich, habe Kirche eine Vorbildfunktion. Deshalb spiele der Klimaschutz auch für die EKD eine wichtige Rolle: „Man erreicht schon viel, wenn man erst mal alle Kindergärten und Gemeindezentren mit nachhaltiger Energie für Heizung und Strom versorgt und PV- Vorhaben konsequent umsetzt.“ Doch natürlich habe das auch einen wirtschaftlichen Zweck.

Und wie kann man junge Menschen sonst für die Kirche begeistern? „Die Frage erweckt den Eindruck, es gäbe nicht genügend junge Leute in der Kirche“, sagt Heinrich. „Wir haben aber unglaublich viele engagierte Jugendliche, machen gute Konfirmandenarbeit.“ Es gebe sogar eine Jugendquote – ungefähr 20 Prozent aller Synodenmitglieder seien jünger als 27. Die Frage sei eher: Wie können wir ihnen später immer noch ein guter Ort sein? Viele hätten in ihrer Kirchengemeinde eine Heimat gefunden. Doch wenn sie dann für eine Ausbildung oder ein Studium umzögen, würden sie wegen der Kirchensteuer automatisch einer neuen Kirchengemeinde zugeordnet. „Das sollte geändert werden“, so Heinrich. Ein weiterer Punkt: „Es ist unsere Aufgabe, die Angebote der Kirche so zu gestalten, dass man gerne Freunde mitbringt, die das nicht kennen. Ich glaube, dieser Effekt tritt noch zu selten ein.“

Junge Leute müssen in allen Bereichen ernst genommen werden

Natürlich würden die Rituale für Außenstehende manchmal eine Hürde bilden. Ich bin ein Fan davon, Abläufe kurz zu erklären – aber das hat auch Grenzen. Man muss nicht alles verstehen, manchmal geht es auch einfach um die Atmosphäre und um Authentizität.“ Als Beispiel nennt sie einen Techno-Gottesdienst im vergangenen Jahr in Nürnberg. „Das Abendmahl war für die meisten das Schwierigste – da haben einige eine bleibende Unsicherheitserfahrung aus der Zeit der Konfirmation, weil sie bloß nichts falsch machen wollten“, erinnert sie sich mit einem Schmunzeln. „Wir sind die ganze Liturgie durchgegangen. Aber wirklich greifbar haben es erst die persönlichen Statements gemacht.“ Ebenfalls für wichtig hält sie die Zusammenarbeit mit nicht-kirchlichen Netzwerken. „Es geht um einen geschärften Blick und ein Ernstnehmen der Future Generation, sei es in Wirtschaft, Handwerk oder in der Klimabewegung.“Man wolle Menschen erreichen, für die Kirche nicht mehr selbstverständlich ist.

So war es übrigens auch bei ihr selbst. Als ungetauftes Kind von Eltern aus Thüringen kam sie erstmals an der Grundschule in Bayern mit Religion in Kontakt. Da kein Ethikunterricht angeboten wurde, durfte oder musste sie jeweils in den katholischen und den evangelischen Religionsunterricht hineinschnuppern. Die Protestanten bekamen den Zuschlag. Sie fand erst Freunde und dann zum Glauben. Ihre Beziehung zu Gott beschreibt sie ganz modern: „Gott ist wie die Leute auf WhatsApp, die den blauen Haken nicht anhaben. Man muss einfach darauf vertrauen, dass die Nachrichten zur Kenntnis genommen werden. Gott hat sein Handy ja nicht aus, der zweite Haken für ‚Nachricht angekommen’ ist da.“

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