Präsidentenwahl beim VfB Stuttgart Claus Vogt triumphiert auf ganzer Linie
Nach den Turbulenzen der vergangenen Monate wird der VfB-Präsident mit 92 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Ein Stimmungsbild aus der Mercedes-Benz-Arena.
Nach den Turbulenzen der vergangenen Monate wird der VfB-Präsident mit 92 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Ein Stimmungsbild aus der Mercedes-Benz-Arena.
Stuttgart - Der den ganzen Tag über leuchtend grüne Rasen in der Mercedes-Benz-Arena liegt mittlerweile vollständig im Schatten, die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart geht in die zehnte Stunde, als sich Pierre-Enric Steiger entschließt, das Verfahren abzukürzen. Der Höhepunkt steht jetzt eigentlich bevor, die Wahl des Präsidenten, doch schöpft Pierre-Enric Steiger nur einen Bruchteil der ihm zustehenden Redezeit aus. „Ich wollte mich für den VfB engagieren, ich wollte einen Neuanfang, aber ich kann Stimmungen gut lesen“, sagt der Herausforderer des Amtsinhabers Claus Vogt und gibt sich geschlagen: „Ich bleibe dem VfB auch weiterhin treu, denn niemand ist größer als unser Verein.“
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Längst ist klar, dass Pierre-Enric Steiger auf verlorenem Posten steht und nicht den Hauch einer Chance hat. Mit Würde akzeptiert der Chef der Björn-Steiger-Stiftung seine Niederlage gegen einen übermächtigen Gegner. 20.40 Uhr ist es, als auf den beiden Videowänden neben dem Podium das Ergebnis der letzten und wichtigsten Wahl der Marathon-Veranstaltung erscheint: Claus Vogt wird von nicht weniger als 92,25 Prozent der noch anwesenden rund 1500 VfB-Mitglieder im Amt bestätigt. Auf der Haupttribüne brandet nicht nur stürmischer Beifall auf – es sind auch Sprechchöre zu hören.
Es ist ein triumphaler Sieg für den Amtsinhaber, ein Votum, mit dem in dieser Deutlichkeit nach den Ereignissen der vergangenen Tage, Wochen und Monate wohl kaum einer gerechnet hat. Von zahlreichen Gegner hatte sich Vogt seit seinem Amtsantritt im Dezember 2019 im eigenen Verein umgeben gesehen; heftig war er von Vorstandschef Thomas Hitzlsperger kurz vor dem Jahreswechsel in einem offenen Brief attackiert und von Daimler-Vorstand und VfB-Aufsichtsrat Wilfried Porth auch nach dem Ende der Datenaffäre und den Rücktritten der Präsidiumsmitglieder Bernd Gaiser und Rainer Mutschler kritisiert worden.
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Immer schmutziger war am Ende der Wahlkampf geworden, in dem es im Hintergrund verschiedenste Bemühungen gab, die Wiederwahl des ehemaligen Fanaktivisten zu verhindern. „Dass so etwas bei uns passiert, macht mich traurig. Hier wurde versucht, Schmutzkampagnen zu fahren“, sagt Vogt und berichtet in seiner Rede davon, dass er noch am Donnerstag „von einem Gremienmitglied in einer Art angegangen wurde, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können“.
Am Ende ändern auch die neuen Vorwürfe, die kurz vor der Mitgliederversammlung „Zeit online“ veröffentlichte, nichts an dem überwältigenden Rückhalt, den Vogt an der Fanbasis genießt. In der Mercedes-Benz-Arena ist von seinen Gegnern nichts zu sehen und nichts zu hören. 15 Mitglieder melden sich während der Aussprache zu Wort – kein einziges ist darunter, das die Arbeit des Präsidenten kritisieren oder sich zumindest für die Wahl des Gegenkandidaten starkmachen würde. Stattdessen wird frühzeitig klar, wie an diesem Tag die Kräfteverhältnisse sind, die sich am Ende in sämtlichen Wahlergebnissen überdeutlich widerspiegeln.
Haushoch gewinnt nicht nur Vogt – triumphale Erfolge feiern auch jene beiden Kandidaten für die weiteren Posten im VfB-Präsidium, die ihren Unmut über frühere Verhältnisse in der Vergangenheit deutlich artikuliert haben. Rainer Adrion, bislang kommissarisches Präsidiumsmitglied und gleichzeitig Aufsichtsrat, kann sich über 94,95 Prozent Ja-Stimmen freuen. Sogar mit einer Zustimmung von 96,07 Prozent wird Christian Riethmüller ins wichtigste Gremium des VfB e.V. gewählt. Der Chef der Tübinger Buchhandelskette Osiander und unterlegene Gegenkandidat von Vogt bei der Präsidentenwahl 2019 hat zuvor mit einer mitreißenden Rede auch den größten Beifall bekommen.
„Die Fachkompetenz, die wir jetzt in den Gremien vereinen, ist enorm“, sagt Rainer Adrion – und staunt hinterher über die prächtige Stimmung an diesem Sonntag: „Ich bin schon lange dabei, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“Am Ende ist es eine derart harmonische Mitgliederversammlung, wie man sie beim VfB tatsächlich seit Jahren nicht erlebt hat. Fair und respektvoll gehen die Sieger mit den Verlieren um, auch die Mitglieder verzichten auf jegliche Art der Häme.
Hitzig wird es nur einmal – als sich Thomas Hitzlsperger über die wiederkehrenden Fragen nach seinem offenen Brief echauffiert („Ich bin’s leid, das ist vorbei“). Rückendeckung bekommt der Vorstandschef vom Präsidenten – und gehört nach der Wahl von Vogt zu den ersten Gratulanten. Der wiederum stellt seinem großen Rivalen vom Jahresbeginn die baldige Vertragsverlängerung in Aussicht – und will sich ansonsten nach seiner triumphalen Wiederwahl erst einmal ganz anderen Dingen widmen. An diesem Montag, sagt der alte und neue Präsident des VfB Stuttgart, müsse er damit beginnen, das Dach seines Hauses in Waldenbuch zu sanieren. Es dürfte nicht die einzige Aufgabe sein, für die er in den vergangenen Monaten keine Zeit gefunden hat.