Wenn man hinzuzieht, dass die Wahlbeteiligung von Frauen in den USA höher ist als die der Männer, scheint Harris doch gute Chancen zu haben, oder?
Noch im Sommer sorgte das für Unruhe im republikanischen Lager: „Donald Trump und (sein Vizepräsidentenkandidat) J.D. Vance müssen die Art und Weise verändern, wie sie über Frauen reden“, sagte die in den Vorwahlen unterlegene, republikanische Präsidentschaftsbewerberin Nikki Haley.
Krasser Gegensatz bei jungen Frauen und Männern
Laut New York Times führt Harris im Durchschnitt der jüngsten von ihr organisierten drei Umfragen bei jungen Wählerinnen von 18 bis 29 Jahren mit 67 zu 28 Prozent vor Trump. Doch Trump hatte andererseits bei jungen Männern in dieser Altersgruppe einen klaren Vorsprung von 58 zu 37 Prozent. Einen solch deutlichen Gegensatz hat es in dieser Altersgruppe noch nie gegeben.
Auch insgesamt ist in der Wählerschaft der Kontrast deutlich. Laut einer aktuellen Umfrage der New York Times wollen 53 Prozent der Frauen Kamala Harris und 38 Prozent Donald Trump wählen. Bei Männern ist es umgekehrt, dort steht es 51 zu 40 Prozent zu Trump.
Trump setzt im Schlussspurt des Wahlkampfs ganz klar auf die Männer. Während der Popstar Taylor Swift auf der Seite von Kamala Harris Frauen anspricht, sucht Trump Auftritte mit Macho-Promis wie Kampfsportlern oder mit Youtubern, die sich an junge Männer richten. Vor weibliches Publikum wagte er sich zuletzt nur bei einem vom konservativen TV-Sender Fox News inszenierten Podium, wo Trump angesichts handverlesener Teilnehmerinnen heiklen Themen ausweichen konnte.
„Das passt zum Fokus seiner Wahlkampagne auf junge Männer“, schreibt die Washington Post: „Diese sehen seine Berater als einen zentralen, bisher noch nicht angezapften Wählerblock, der Trump in einer fast exakt zur Hälfte aufgeteilten Wählerschaft die entscheidenden Wahlmänner verschaffen könnte.“ Bei den Frauen neigt sich bisher die Waagschale zu Gunsten der Demokraten nicht viel stärker als bei der Präsidentschaftswahl 2020. Doch bei den Männern gibt es einen Trend zu den Republikanern.
Winziges Segment unentschlossener Wähler
In den USA stehen sich zwei fest zementierte und praktisch gleich große, kulturell tief gespaltene Lager gegenüber. Jetzt im Schlussspurt geht es um eine winzige verbliebene Wählergruppe, die sich im klassischen Sinn nicht für Politik interessiert. Trump ziele auf die „entfremdeten, abgehängten Wähler, ganz besonders Männer, die sich wahrscheinlich in Richtung von Trump neigen würden, wenn sie sich überhaupt aufraffen, ihre Stimme abzugeben“, schreibt die Kolumnistin Michelle Goldberg in der New York Times. Trump hat hier einen entscheidenden Vorteil. Er ist viel besser als Harris darin, den Bauch anzusprechen. Ein Ansatzpunkt: Antifeministischer, männlicher Frust.
Trump setzt darauf, dass die Popularität von Harris bei Frauen eine männlich Gegenreaktion auslöst. Zur Zielgruppe für eine solche Ansprache gehören insbesondere afroamerikanische und hispanische Männer, bei denen Trump schon bei früheren Wahlen besser abschnitt als andere republikanische Präsidentschaftskandidaten.
Trump appelliert an den inneren Macho
„Das Patriarchat sticht die ethnische Identität aus“ – so hat es der afroamerikanische Kolumnist Charles Blow in der New York Times zugespitzt. Kein Geringerer als der demokratische und afroamerikanische Ex-Präsident Barack Obama hat das jetzt in einer Rede vor schwarzen Wählern unverblümt angesprochen: „Irgendwo denke ich – und spreche ich direkt zu euch Männern – dass ihr einfach nicht hinter der Idee steht, eine Frau als Präsidentin zu haben.“
Auch das Timing macht einen Unterschied: Harris hat ihren Euphorieschub unter den Frauen nach ihrer Nominierung im Sommer schon hinter sich. Das Urteil des obersten Gerichtshofs, welches das Abtreibungsrecht einschränkte, stammt sogar schon vom Sommer 2022. Und die Abwendung gemäßigter Frauen von Trump reicht bis zum Wahlkampf 2016 mit Trumps sexistischen Äußerungen und dem Sexskandal mit der Pornodarstellerin Stormy Daniels zurück. Trump hat bei Frauen schon lange nichts mehr zu verlieren – durch einen Appell an den inneren Macho bei den Männern kann er aktuell gewinnen.
Barack Obama macht sich Sorgen
Die Freude der Demokraten über den großen Rückenwind bei den Frauen war wohl verfrüht. Kamala Harris habe zwar die Frauen für sich gewinnen können, schreibt die New York Times: „Aber bei jungen Männern schneidet sie nicht besser ab als Präsident Biden.“ Das „Wall Street Journal“ nennt diesen Geschlechtergegensatz den wohl wahlentscheidenden Faktor: „Vizepräsidentin Kamala Harris hat Mühe, die Unterstützung der Männer zu bekommen.“
„Die Demokraten versuchen als Partei der Frauen zu gewinnen und die Republikaner als Partei der Männer“, sagt der Soziologe Richard Reeves, der die Situation der Männer in den USA erforscht. Das sei für das Land hoch problematisch. Die beiden Parteien, so schreiben der Politologe Daniel Cox und die Soziologin Kelsey Hammond für das Survey Center for American Life, seien selbst über die gesellschaftliche Realität zutiefst uneins: „Diejenigen, die Trump wählen, machen sich Sorgen um die Stellung der Männer, wer Harris wählt, um die Position der Frauen.“