Prävention bei der Stuttgarter Polizei Das Opfer ist nie schuld
Ute Jentzsch ist bei der Polizei im Präventionsreferat tätig. Unter anderem bietet sie Kurse für Frauen an, die sich sicherer fühlen wollen.
Ute Jentzsch ist bei der Polizei im Präventionsreferat tätig. Unter anderem bietet sie Kurse für Frauen an, die sich sicherer fühlen wollen.
Der Prävention von Straftaten ist bei der Stuttgarter Polizei ein eigenes Referat gewidmet. Denn die Polizei verhindert lieber Straftaten, Unfälle, Einbrüche und alles, was sonst noch so ihre Einsatzgebiete sind, als hinterher zu ermitteln. Dabei hat die Prävention ein kleines Problem: Das, was die Menschen dieses Referats tun, ist nicht in Statistiken messbar. Eine verhinderte Tat nimmt niemand wahr. Ute Jentzsch kann damit jedoch gut leben. Sie arbeite in dem Referat – und ist überzeugt, dass sie schon vielen Menschen helfen konnte. Ein Feld, in dem sie aktiv ist, ist die Arbeit mit Frauen, um diese vor Gewalttaten und Übergriffen zu schützen. „Die Polizei hat nicht nur die Aufgabe, Verbrechen zu bekämpfen und zu ermitteln. Auch die Prävention gehört dazu“, sagt die Polizeibeamtin.
Über allem steht für die Polizistin ein Satz: „Das Opfer ist nie schuld.“ Denn insbesondere bei Sexualstraftaten sei es leider immer noch weit verbreitet, einen Teil der Schuld bei der Frau zu suchen. War der Rock zu kurz, der Weg zu dunkel, hätte sie nicht allein gehen sollen. „Ein Täter hat einen Entschluss gefasst, eine Tat zu begehen“, sagt sie. Das ist entscheidend dafür, ob etwas passiert oder nicht.
Es gebe aber Faktoren, auf die man einen Einfluss haben kann. Das vermittelt Ute Jentzsch in Vorträgen. „Es gehört das Auftreten dazu. Denn der Täter sucht sich natürlich schon jemand, mit dem er es machen kann“, sagt sie. Und wieder: Auch das bedeutet keine Schuldzuweisung an Opfer, wenn doch einmal was passiert. „Viele Straftaten geschehen nun mal, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Da kann niemand was dafür – außer dem Täter“, sagt Ute Jentzsch.
„Mit mir nicht“ heißen Kurse, die das Präventionsreferat zusammen mit dem Förderverein Sicheres und sauberes Stuttgart und der Stadt konzipiert hat und anbietet. „Wir machen keine Selbstverteidigungskurse“, betont Ute Jentzsch. Selbstverteidigung setzt da an, wo es aus Sicht der Präventionsbeamtin schon zu spät ist: Dann hat die gefährliche Situation schon begonnen. Sie will dem zuvor kommen. Mit situativem Handlungstraining: „Wir wollen den Frauen etwas an die Hand geben, damit sie erst gar nicht in solche Situationen kommen“, sagt Jentzsch. Das heißt keinesfalls, dass Frauen nicht ausgehen, Spaß haben, sich kleiden können wie sie wollen. Das heißt, dass sie Situationen durchspielen und analysieren, wie man die persönliche Sicherheit verbessern kann. Es gehe um Handlungsalternativen und die Stärkung des Selbstbewusstseins.
In einer Bahn kann das die Wahl des Sitzplatzes sein. Auf dem Heimweg die Wahl eines kleinen Umweges, um nicht an unübersichtlichen Stellen vorbeizukommen. Und dann gibt Ute Jentzsch doch einen Tipp für die richtige Garderobe: Etwa zur Wahl der Schuhe. Hohe Hacken, spitze Form, alles gut und schön. „Aber man sollte sich fragen, ob man darin auch im Zweifelsfall schnell genug laufen kann, wenn es wo gefährlich wird“, meint die 55-jährige Beamtin. Was ihrer Meinung nach natürlich nicht gegen Absätze spräche, solange man darin noch sicher auftreten könne.
Grundsätzlich ist Ute Jentzsch der Ansicht, dass man auch die Fakten betrachten muss: Männer werden viel häufiger Opfer von Gewaltdelikten. Die Kriminalitätsfurcht sei bei Frauen aber viel höher als bei Männern. Gerade in den Abendstunden im öffentlichen Raum sei das der Fall. „Aber viele Situationen sind nicht so gefährlich, wie sie sich anfühlen“, sagt die Beamtin.
Man könnte meinen, Prävention wäre für eine Frau, die lange Jahre auch als Ermittlerin gearbeitet hat, vielleicht keine Herausforderung. Doch Ute Jentzsch hat sich bewusst für diesen Bereich entschieden. „Wenn man lange in der Ermittlungsarbeit war, dann hatte man mit den Opfern zu tun, denen es nicht gut geht. Und mit den Tatpersonen.“ Das seien alles „unangenehme Seiten“ des Lebens. Wenn jedoch Leute in Präventionskurse kommen und sagen, „Sie konnten mir helfen“, dann hinterlasse das bei ihr ein gutes Gefühl. „Und: Es ist eine wahnsinnig wichtige Aufgabe“, schließt Ute Jentzsch.