Vor einem Tümpel, in dem sich die Blätterkronen der umstehenden Buchen spiegeln, bleibt Markus König stehen. „Hier gehts ab“, sagt der Förster, „hier fühlen sich die Sauen wohl.“ Das trübe Wasser wird von hohem Gras gesäumt, der Untergrund ist schlammig und weich. Man muss darauf achten, wo man hintritt, sonst steckt man schnell bis zum Knöchel im Morast. König deutet auf die unteren Abschnitte einiger Buchenstämme. Sie sind mit einer hellgrauen Sicht aus getrocknetem Schlamm bedeckt, die Rinde ist teils abgerieben. Der Förster von Forst BW geht in die Hocke und pult mit Fingerspitzengefühl dunkle Wildschweinborsten aus der Kruste. „Das ist ein typischer Malbaum“, erklärt König.
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Etwa zwei Stunden zuvor beginnt der Streifzug durch den Forst zwischen Schlierbach und Ohmden. Ziel ist es, Wildschweinspuren zu finden. Derzeit breitet sich im Osten Europas eine gefährliche Seuche aus, die verheerende Folgen haben könnte: die Afrikanische Schweinepest (ASP). Sie ist für den Menschen ungefährlich, endet für Schweine in der Regel aber tödlich. In Baden-Württemberg, also auch im Kreis Esslingen, gab es noch keine Fälle dieser Viruserkrankung. „Zum Glück“, sagt König. Damit das so bleibt, möchte der Förster die Besucher des Waldes sensibilisieren. Denn jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass sich die Krankheit in der Region nicht ausbreitet.
Auf dem Spaziergang durch das Unterholz wird König von seiner elfjährigen Gebirgsschweißhündin Kena begleitet. Zusammen mit ihr hat er mehrere hundert Nachsuchen bestritten, die Hundedame kann geringste Geruchsspuren verfolgen.
Erste Station ist eine kleine Lichtung. Hier findet der Schweißhundeführer die erste Fährte. „Hier ist der Beautysalon der Schweine“, sagt König mit einem Lächeln. Er steht vor einer Suhle, also einer matschigen Kahlstelle, in die sich das Schwarzwild legt, um sich abzukühlen. Die Schweine könnten nicht schwitzen und regulierten so ihre Körpertemperatur, erklärt er.
Außerdem werden die Stellen für die Körperpflege genutzt. „Sie schlammen sich ein, um Ungeziefer auf der Haut abzutöten“, sagt Markus König und geht zielstrebig auf einen schlanken Baum zu. „Danach schrubben sie sich an Bäumen. Das sind die sogenannten Malbäume.“
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Den Wildschweinen im Landkreis geht es gut. Fast zu gut. Sie finden genug zu fressen und vermehren sich stark. Dies muss reguliert werden – besonders im Hinblick auf ASP. „Das Gebot der Stunde ist intensive Bejagung“, betont König. „Das heißt: Wenn wir die Möglichkeit haben, ein Schwein zu erlegen, dann erlegen wir es.“ Sollte die Population zu groß werden, brauchen die Tiere mehr Nahrung. Wenn die Nahrungsmengen in den Wäldern abnehmen, wandern die Sauen. Problematisch ist das, weil Wildschweine in der Lage sind, pro Nacht bis zu 30 Kilometer zurückzulegen – womit sich das ASP-Virus rasend schnell verbreiten könnte.
Was, wenn es den ersten Fall gibt?
König und Kena, die flink vor ihm her trabt, erreichen einen Weiher, das grünliche Gewässer dient vielen Waldtieren als Tränke. Doch Schweinespuren finden sich an diesem Tag nicht. Was würde geschehen, sollte ein mit ASP infiziertes Tier gefunden werden?
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Zunächst einmal würde die betroffene Fläche abgesperrt, sagt König, und dann in Sicherheitszonen eingeteilt. Keiner dürfte den inneren Ring betreten. Nicht einmal ein Landwirt, dessen Nutzflächen in den Bereich fällt. „Der Worst Case wäre, dass ein Bauer, der auch Schweine hält, das Virus am Schuh hat und in seinen Stall trägt“, sagt der Förster. In der Kernsicherheitszone dürfe auch nicht gejagt werden, das könnte die Sauen aufscheuchen und vertreiben.
Was jeder Einzelne tun kann
Im äußeren Ring dagegen würden die Schweine bejagt – mit allen technischen Hilfsmitteln. Denn eine Ausbreitung im Südwesten wäre für die Tiere und vor allem die Wirtschaft verheerend. Nicht nur Schweinehalter müssten schwer unter den Folgen leiden, die infizierte Schweine und die einbrechende Fleischnachfrage verursachen würden. Auch andere landwirtschaftliche Betriebe würden die Konsequenzen zu spüren bekommen, weil sie unter anderem ihre Flächen nicht bestellen dürften. Die Schweine halten sich gerne dort auf, wo sie Fressen finden – etwa in Maisfeldern.
An dem Tümpel, an dem die Malbäume wachsen, erklärt König zudem, wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, dass ASP nicht nach Baden-Württemberg geschleppt wird. Und das ist ganz simpel. „Was ich in den Wald mit hineinnehme, das nehme ich auch wieder mit nach Hause“, sagt er. In der Nähe von Grillplätzen fänden er und seine Kollegen immer wieder gefährlichen Müll. Fleischpackungen lockten die Tiere an, und wenn diese mit ASP kontaminiert seien, könne das zu einer gewaltigen Kettenreaktion führen.
Markus König erklärt: „Ich hoffe, dass wir das so lange wir möglich weghalten können. Es zeigt sich aber bei all diesen Krankheiten, dass sie doch irgendwann aufschlagen.“
Die Afrikanische Schweinepest
Krankheit
Bei der Afrikanischen Schweinepest (ASP) handelt es sich um eine Viruserkrankung, die sich unter Haus- und Wildschweinen verbreitet. Für den Menschen ist ASP ungefährlich, das Fleisch infizierter Tiere sowie daraus hergestellte Lebensmittel kann man bedenkenlos essen. Für Schweine ist die Krankheit jedoch meist tödlich.
Ausbreitung
Seit einiger Zeit breitet sich ASP in Osteuropa aus. Weil Auto- und Lastwagenfahrer entlang Fernstraßen achtlos Fleischreste und Verpackungen entsorgen, infizieren sich dort viele Tiere. Im September 2020 gab es den ersten bestätigten Fall in Deutschland, als ASP an einem Wildschweinkadaver in Brandenburg festgestellt wurde.
Kreis Esslingen
In der Region gab es noch keine bestätigten ASP-Fälle. Weil aber immer wieder Sprünge von ASP beobachtet werden, so zum Beispiel als das Virus in Belgien auftauchte, Deutschland also übersprang, ist das Veterinäramt des Kreises alarmiert. Laut einer Sprecherin des Landratsamtes werden Tierhalter regelmäßig für Sicherheitsmaßnahmen sensibilisiert. Bei Einhaltung dieser Regeln könne man seinen Bestand derzeit gut schützen. Etwa 100 kleinere und mittlere Betriebe gebe es im Landkreis Esslingen.