Pragfriedhof Affären, Diven und prunkvolle Gruften

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Führungen auf dem Pragfriedhof geben Einblicke in die Schicksale verstorbener Berühmtheiten – und die Begräbniskultur.

Der Denkmalpfleger Markus Baldermann zeigt anhand eines Plans  die Ausmaße des Pragfriedhofs und wie er sich verändert hat. Foto: Martin Stollberg
Der Denkmalpfleger Markus Baldermann zeigt anhand eines Plans die Ausmaße des Pragfriedhofs und wie er sich verändert hat. Foto: Martin Stollberg

Pragfriedhof - Die Leiche der 1910 verstorbenen Anna Sutter ist eine der berühmtesten auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Die Opernsängerin wurde ermordet – von einem ihrer Liebhaber, dem königlich-württembergischen Hofkapell­-meister Aloys Obrist. Eine leiden­-schaftliche Affäre mit Obrist, der für die Grande Dame der damaligen Stuttgarter Kulturszene seine Frau verlassen hatte, kostete sie das Leben. Heiraten wollte sie ihn nämlich nicht – und als er das erfuhr, erschoss Aloys Obrist Anna Sutter in deren Wohnung im Stuttgarter Osten, und tötete sich danach selbst.

10 000 Stuttgarter sollen am festlichen Begräbnis des Opernstars im Jahr 1910 Tränen vergossen haben. Und noch im Tod soll die Sängerin wunderschön gewesen sein. An Anna Sutter erinnert heute vor allem ihr Grab auf dem Pragfriedhof. Die Statue eines jungen Mannes in griechischem Stil, der einen Kranz und eine Maske in den Händen hält, ziert den Grabstein.Der Denkmalpfleger Maurus Baldermann führt eine Gruppe von Friedhofsbesuchern auf den breiten Wegen über den 1873 erbauten Pragfriedhof. Baldermann weiß Geschichten zu vielen Gräbern und zur Bestattungsgeschichte. Ende des 19. Jahrhunderts, erzählt er, seien die neuen Gräber und die pompöse Aussegnungshalle, unter deren Vordächer die Pferdekutschen ein- und ausfahren konnten, noch außerhalb des Stadtkerns gelegen, auf den nördlichen Äckern, inmitten einer brachliegenden Landschaft. Brach – daher kommt auch der Name Pragfriedhof, der nichts mit der tschechischen Hauptstadt zu tun hat.

Mörike ruht auf dem Friedhof

Berühmte Personen liegen auf dem Pragfriedhof begraben, wie etwa Eduard Mörike oder Ferdinand von Zeppelin. Mörikes Grab war in den Jahren nach seinem Tod 1875 klein und unauffällig. Nicht besonders viele Menschen interessierten sich damals für den Schriftsteller. Mörike-Gesellschaften ließen dann später ein der Mode der Jahrhundertwende entsprechendes Jugendstilgrabmal für den Dichter erbauen, 1960 wurde die Fläche vergrößert und als Ehrengrab kenntlich gemacht. „Heute ist es das meistbesuchte Grab im Stadtgebiet“, sagt Baldermann.

Alte Großgräber werden vom Garten-, Friedhofs- und Forstbauamt gepflegt und erhalten, beispielsweise die Hallbergergruft. Das Familiengrab der Stuttgarter Verleger, die Ende des 19. Jahrhunderts verstarben, ist das größte Grab in der Stadt. Es ist ein Kulturdenkmal, das besser erhalten sein könnte, als es ist, wie Maurus Baldermann zu bedenken gibt.Doch nicht immer reichen die Kapazitäten und die Gelder. In Stuttgart gebe es rund 800 erhaltenswerte Gräber auf 41 Friedhöfen und noch mal rund 1400 auf dem Hoppenlaufriedhof, erläutert Baldermann. Die Wände der Hallbergergruft waren einst mit Marmor verziert. Alliierte Soldaten brachen die Türen nach dem Zweiten Weltkrieg auf und mehr als zehn Jahre lang stand alles offen. Regen und Wind konnten eindringen und die Materialen angreifen, die bis heute langsam abblättern. Jetzt besteht Gefahr bei der Begehung.

Pompöse Gruften hat man von etwa 1920 an aber immer seltener gebaut, erklärt Denkmalpfleger Baldermann. Die Friedhofsreform habe festgelegt, dass künftig alle Menschen im Tod gleich sein sollten, und wenige Reiche nicht mehr noch über den Tod hinaus darstellen sollten, was sie einmal gewesen sind.

Heute liegen auch Italiener, Griechen, Russen und Chinesen auf dem Pragfriedhof begraben – und es gibt einen jüdischen Teil. 1996 wurde die Friedhofssatzung noch einmal geändert, seitdem ist es nicht mehr verboten, beispielsweise Fotografien der Verstorbenen am Grabstein anzubringen.

Die Begräbniskultur sei ohnehin dabei, sich elementar zu wandeln, meint Maurus Baldermann. Große Gräber wolle man kaum noch haben, die Familien seien selbst nicht mehr groß genug, um sich abwechselnd mit der Pflege dieser Gräber zu beschäftigen. Oftmals wohnten die Angehörigen auch zu weit weg.

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